Montag, 09. Dezember 2013, 23:10 Uhr

Parov Stelar: Eine Audienz beim Überflieger des Jahres

Der Linzer DJ und Produzent Marcus Füreder aka Parov Stelar und seine fünfköpfige Band haben sich in den letzten Jahren zu echten Abräumern auf internationalen Konzertbühnen entwickelt.

Das Erfolgsrezept: Parov Stelar vermischt Elemente des Soul, Jazz und Swing mit modernen Beats und House-Klängen – so auch auf dem elften, großartigen Album „The Art Of Sampling“. In diesem Jahr hatte er mit ‘Keep On Dancing’ das Clubbrett des Jahres abgeliefert. Derzeit tourt das Electroswing-Phänomen durch Deutschland.

Wir sprachen mit dem 39-Jährigen über die Kunst des Samplings, Musik zum Rasenmähen, Gemeinsamkeiten mit Bushido und seine Zeit in Berlin.

Herr Füreder, der Bandname Parov Stelar ist furchtbar! Den kann sich doch niemand merken!
Das ist doch gut, oder? So muss man sich damit beschäftigen. Es soll den Leuten ja nicht immer ganz so einfach gemacht werden. Wir sind ja kein Popact.

Parov Stelar gelten als Pioniere des Elektroswing. Wie kamen Sie darauf, aus Elektronik und Swing ein neues Genre zu kreieren?
Ich fand es reizvoll, so etwas Gegensätzliches wie elektronische Musik und Orchestersounds unter einen Hut zu bringen. Mich hatte damals die Platte „Get A Move On“ des britischen Produzenten Mr. Scruff dazu inspiriert, in der Richtung etwas auszuprobieren. Außerdem ist mir in meinem Plattenspieler eine Billie-Holiday-Scheibe hängengeblieben, das war dann der perfekte Loop für mich, um darauf aufzubauen.

Einerseits gelten Sie noch als Geheimtipp, andererseits füllen Sie weltweit die großen Konzerthallen. Wie passt das zusammen?
Für mich ganz gut! Der Status als Geheimtipp lässt mir sehr viel Spielraum. Ich bin in meinem Handeln viel freier und habe nicht das Gefühl, dass ich irgendeine Erwartungshaltung erfüllen oder es den Medien Recht machen muss. Das ist eh so eine Entwicklung in der Musik heutzutage: Es gibt Acts, die komplett Fan basierend sind. Die Leute machen sich ihre Künstler immer öfter selbst im Internet aus oder es passiert via Mundpropaganda.

Ist das Phänomen des Elektroswing denn derzeit auf dem Höhepunkt oder ebbt das schon wieder ab?
Ich beschäftige mich nicht so wahnsinnig viel damit, wo die Szene gerade steht. Ich fände das auch sehr gefährlich, mit einem Modetrend mitzuschwimmen, auch wenn man ihn selbst ausgelöst hat. Ich habe vor drei Jahren schon geglaubt, dass es vorbei ist – doch die Popularität hat weiter zu genommen. Vielleicht kann man es vergleichen mit Drum ‘n’ Bass: Das ist plötzlich da gewesen, und jeder hat gesagt: nicht mehr lange. Aber Drum ‘n’ Bass wird nie tot sein, das ist einfach ein Genre für sich.

Und das kann auch mit dem Elektroswing passieren?
Absolut. Weil diese Musik sehr kompatibel mit verschiedenen Lebenssituationen und auch Clubsituationen ist. Sie spricht auch Erwachsene an, die vielleicht gar nicht so viel mit elektronischer Musik zu tun haben, aber trotzdem auf diese Swingelemente stehen, weil das gute Laune verbreitet. Ich stelle immer wieder verwundert fest, dass teilweise wirklich Leute jenseits der 70 im Anzug und mit wilder Wuschelmähne vor der Bühne stehen, deren Helden längst ausgestorben sind. Deshalb denke ich mittlerweile, dass dieses Genre noch lange Bestand haben wird.

Ihr aktuelles Album, das eine Werkschau der letzten zehn Jahre ist, haben Sie „The Art Of Sampling“ genannt. Betrachten Sie Sampling als eine Kunstform?
Natürlich! Es hat 15 Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, was ich machen muss, damit ich solche Resultate bekomme. Es dauert Minimum so lange, das Sampling zu beherrschen, wie es dauert, ein Instrument zu erlernen. Ein Instrument zu spielen ist eine Kunst. In diesem Fall spielt derjenige, der sampelt, einen Sampler oder Computer. Daraus dann wirklich etwas Neues zu machen und nicht nur einen Vierviertelbeat und eine bestehende Phrase aneinander zu setzen, kann einen schon in den Exzess treiben. Das ist richtig kompliziert.

Sie haben also Ihre eigene Handschrift?
Klar! Rachmaninoffs Neunte wird jeder Pianist anders spielen! Auch beim Sampling legen sich Künstler verschiedene Techniken zu, die ganz eigen oder charakteristisch für ihn sind. Ich habe für mich herausgefunden, wie ich es am besten mache und würde das niemandem verraten. Das ist mein Geheimrezept!

Schielen Sie auf der Bühne trotzdem zu Ihren Musikern mit Instrumenten und denken: Es wäre schöner, jetzt ein richtiges Instrument in der Hand zu halten als hinter meinem Laptop zu stehen?
Nach meinem Empfinden ist das Laptop ein richtiges Instrument! Dann müsste sich auch der Gitarrist denken: Mist, der Typ da drüben reißt gerade eine super Frau auf, weil er am Klavier die schönste Melodie spielt und alle dahin schmelzen. Warum spiele ich kein Klavier? Wobei ich einräumen muss: Natürlich wäre es am Lagerfeuer manchmal hilfreicher, wenn ich die Gitarre auspacken könnte. Das wäre auf jeden Fall romantischer, als wenn ich meinen Laptop aufklappe.

Zur Musik von Parov Stelar kann man prima tanzen. Würde es Sie stören, wenn Ihre Songs auch im Fahrstuhl dudeln?
Wenn der Fahrstuhl mit 300 km/h ins sechste Stockwerk rauffährt, würde das auch passen! Man darf nicht vergessen: Ich mache sehr emotionale Musik, dazu kann man fast alles tun – sogar kochen!

Was tun Sie denn beim Hören?
Wenn ich einem Song den letzten Schliff geben will, setze ich mir die Kopfhörer auf und mähe beim Hören den Rasen. Ich habe einen Sitzrasenmäher – das ist ein Spaß!

Ich habe gelesen, dass Sie auf einem Bauernhof wohnen. Eigentlich ungewöhnlich für einen weltreisenden Musiker, dass Sie niemals aus Linz weggezogen sind.
Das stimmt nicht ganz. Ich habe längere Zeit in Berlin gewohnt. Und in Österreich bin ich eigentlich nur noch sporadisch. Ich wohne mit meiner Familie die Hälfte der Zeit in Palma de Mallorca. Aber Österreich klingt gut und Bauernhof noch besser.

Was ist denn inspirierender: so ein Bauernhof oder eine Finca in Spanien?
Für die Inspiration ist Palma eine unglaublich tolle Stadt. In jeder noch so kleinen Boutique spielen sie die geilste Musik. In Österreich ist es das komplette Gegenteil. Hier kann ich prima die Birne ausleeren, um für Neues Platz zu schaffen. Den Bauernhof nehme ich also ganz gerne zum Sortieren.

Sind Sie in Österreich denn jetzt ein Volksheld? Sie haben ja bereits mehrmals den österreichischen Musikpreis Amadeus gewonnen!
Als Volkshelden würde ich mich nicht bezeichnen. In Österreich ist es sehr unüblich, die eigenen Künstler hochleben zu lassen. Trotzdem haben wir dort eine sehr treue Fanbase. Einen Starkult um meine Person gibt es dort aber nicht. Und da bin ich auch sehr froh drüber.

Mit Parov Stelar haben Sie in Mexiko-City, New York und Los Angeles gespielt. Kommt Ihnen das manchmal surreal vor?
Auf Tour kommt einem eh vieles seltsam vor! Das fängt schon damit an, dass man 11.000 Kilometer irgendwo hinfliegt, gerade mal 90 Minuten arbeitet, und dann wieder 11.000 Kilometer zurückfliegt. Das an sich ist doch schon komplett irre! So was hinterfrage ich fast täglich.

Freuen Sie sich denn schon auf Ihre Deutschland-Tournee?
Na klar! Ich bin schon so viele Jahre in Deutschland unterwegs, ich spüre da kaum noch einen Unterschied zu Österreich. Es hat bei euch länger gedauert, dass wir in den großen Clubs spielen können. Mich freut es sehr, dass nun auch Deutschland, immerhin einer der wichtigsten Musikmächte der Welt, unseren Sound annehmen.

Sie haben 2001 ein Jahr in Berlin gelebt. Was haben Sie dort gemacht?
Ich habe Kunst an der Kunsthochschule studiert und zu der Zeit intensiv mit dem Musikschreiben angefangen. Mal abgesehen vom Prenzlauer Berg und Mitte habe ich von Berlin selbst nicht so viel mitbekommen, weil ich mich sehr isoliert habe. Ich brauchte den Rückzug damals. Ich habe die Anonymität der Stadt, die dich einfach leben lässt, die nichts will und auch nichts gibt, wenn du nicht selbst aktiv wirst, sehr genossen.

Waren Sie nie in den Clubs unterwegs?
Doch! Ich habe damals alle Clubs abgeklappert, bin oft im alten Tresor gewesen und habe dort das Feeling von elektronischer Musik um die Jahrtausendwende aufgesaugt. Ich werde die Nächte unten im Tresor nie vergessen! Da waren noch andere Leute. Es ist nicht so gesellschaftsfähig gewesen. Minimaltechno war bei weitem nicht so etabliert wie es das heute ist. Da hat sich seither viel verändert. Die Zeit damals möchte ich nicht missen, sie hat mich sehr geprägt.

Auch für die Musik, die Sie heute machen?
Bestimmt! Ich wollte damals diese Welt inhalieren, ich wollte sie verstehen. Denn mir war klar, nur wenn ich sie verstehe, kann ich sie in meinem eigenen Stil machen. Dafür muss man mittendrin sein. Du kannst kein Tourist sein und sagen: „Ich guck und hör mir das jetzt mal ne Stunde an, dann geh ich nach Hause und produziere das.“ Man muss es auch irgendwie leben. Und eine Stadt wie Berlin hilft dir sehr, die elektronische Musik zu leben.

Das war damals auch die Zeit, wo Sie Ihr Label Bushido Records gegründet haben. War der Name inspiriert von einem Rapper, den man kennt?
Ich glaube, besagten Rapper hat damals noch niemand gekannt! Ich war jedenfalls sehr verwundert, als er auftauchte! Wir haben das Label 1999 gegründet. Den Namen Bushido hatte ich von einem Buch entliehen, das ich damals gelesen hatte. Und plötzlich kommt dieser Act, der Bushido heißt. Das war schon komisch irgendwie.

Aber mit der Mafia haben Sie nichts am Hut, oder?
Wer weiß, wer weiß!

Parov Stelar auf Tour:
10.12. Köln, Palladium
11.12. Berlin, Arena Treptow
12.12. Lingen, Emsland Arena
13.12. Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyer-Halle

Interview: Katja Schwemmers. Fotios: Universal Music