Mittwoch, 08. Januar 2014, 23:30 Uhr

"Millionärswahl": Alles über die neuartige Castingshow und die Kandidaten

Mit einem Youtube-Video ins Fernsehen und dann zum Millionär? Dieses Versprechen geben ProSieben und Sat.1 ausgerechnet in ihrer neuen Castingshow ‘Millionärswahl’.

Die erste Ausgabe der Live-Sendung startet am 9. Januar auf ProSieben – die zweite folgt am 10. Januar auf Sat.1. Die Sender setzen darin auf die Verschmelzung von Fernsehen und Internet – und das gegenseitige Aussieben der Teilnehmer. Etwa 27.000 Menschen hatten sich im Netz mit hochgeladenen Videos, Fotos oder Texten im Messen von Talenten und Charakteren zuvor beworben. Hier geht’s zur Website!

Keine Jury, kein Expertenkreis entscheidet, wer von ihnen am Ende ins Fernsehen kommt, erklärt Wolfgang Link, Geschäftsführer von Pro-SiebenSat.1 TV Deutschland. In mehreren Wahlgängen haben die Teilnehmer gegenseitig auf ihrer Online-Plattform festgelegt, wer sich in der Runde der letzten 49 Kandidaten in den acht Live-Shows präsentiert. In zunächst sieben Shows präsentieren sich jeweils sieben Bewerber: Das TV-Publikum, die Online-Gemeinde der 27 000 und auch die sieben unter sich bestimmen, wer in die Endrunde kommt.

Auch im Finale am 31. Januar zählen die Anrufe der Zuschauer, die Klicks der anderen Bewerber und die Runde der letzten sieben über den Sieger. Die Ambitionen für die ‘Millionärswahl’ stehen hoch: Versprochen wird eine Show in der Größe wie ‘Schlag den Raab’. Die Rede ist auch vom “digitalen Wetten, dass..?, bei dem Zuschauer per Telefon und nicht Dieter Bohlen oder Xavier Naidoo entscheiden”, erklärt Geschäftsführer Link.

Der Strauß an Möchtegern-Millionären ist bunt: Eine athletische Akrobaten-Gruppe will das Publikum mit ihren Muckis-Bergen und Turneinlagen beeindrucken. Ein Anderer stürzt sich in seinem Bewerbungsvideo von einem 50 Meter hohen Kran ohne Seil, er landet weich. Eine exzentrische Balkan-Braut hüpft als Putzfrau-Verschnitt durch einen Musikclip – ein tollkühner Rollstuhl-Fahrer durch den Skatepark. Manche drücken mit einem rührenden Heiratsantrag auf den Herzmuskel, andere versprechen den vollen Gewinn an gemeinnützige Einrichtungen zu spenden. “Ich hoffe, dass die Leute vor den Fernsehern mitdiskutieren: Wem von ihnen gönne ich die Million?”, sagt Link.

Doch der Fiskus könnte dabei zum Spielverderber werden. “Über den Daumen müsste der Sieger ungefähr 50 Prozent seiner Million, etwa 458.000 Euro, an das Finanzamt abgeben”, sagt Wolfgang Wawro, Sprecher des Deutschen Steuerberaterverbandes (DStV). “Wenn sich Teilnehmer in einer Fernsehshow durch ihr Auftreten und Talent präsentieren, ist das nicht als steuerfreies Glücksspiel zu sehen”. Der Sieger müsste nach seiner Sicht die Reichensteuer von 45 Prozent zahlen – höchstens 542.000 Euro würden ihm somit übrigbleiben. Selbst Wohltäter müssten sich hüten – eine Spende wäre nur bis zu 200.000 Euro steuerfrei. “Wer ohne sich zu erkundigen einen Spendenscheck von einer Million Euro einreicht, könnte schnell mit Hunderttausenden im Minus stehen”, erläutert Wawro. Die Sender erklären dazu: “Das für den Sieger zuständige Finanzamt wird wissen, wie der Gewinn von einer Million Euro zu versteuern ist.”

Medienwissenschaftler stehen dem neuen Format skeptisch gegenüber. Bislang seien alle ‘Wetten, dass..?’-Adaptionen gescheitert, sagt Professor Joan Kristin Bleicher von der Universität Hamburg. Für viele Zuschauer hätten Castingshows wie das ‘Supertalent’ durch die zunehmende Professionalisierung inzwischen ihren Reiz verloren. Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen und Autor des Buches “Die Casting-Gesellschaft”, vermutet wirtschaftliche Gründe hinter der Sendung: “Deutschland ist durchgecastet, aber noch sind die Shows trotz aller Ermüdungserscheinungen und des ewig gleichen Schematismus schlicht zu quotenträchtig und zu lukrativ, um sie einfach einzustellen.”

In der ‘Millionärswahl’ als “Casting-Show 2.0” sieht Pörksen ein Hybridformat. Sie kombiniere die Gesetze klassischer Castingshows mit den Prinzipien des Internets: Jeder könne mitmachen und sich zunächst ohne Filter-Prozess präsentieren. “Die selbstproduzierten Videos der Teilnehmer zeigen, dass der Kampf um Aufmerksamkeit Alltag geworden ist.”

Das hier sind die Kandidaten der ersten Liveshow (9. Januar, ProSieben):

Die Beast Brothers lassen ihre Muskeln spielen
Beast Brothers (Foto ganz oben) aus Schöppingen (NRW) sind eine Gruppe von Jungs Anfang 20, die den Sport Calisthenics bekannt machen wollen. Calisthenics ist ein Fitness-Sport, der mit sehr wenigen zusätzlichen Geräten auskommt, es wird das eigene Körpergewicht als Trainings-Gewicht genutzt. In der Show werden fünf Leute aus der Gruppe ihre besten Aktionen präsentieren, das sind z.B. Haltefiguren am Reck und am Barren. Die Gruppe hat sich im Garten eines Mitglieds (Ewald) einen Trainings-Park aufgebaut. Mit dem Gewinn würden die Beast Brothers einen Sport-Park einrichten. Sie möchten ihren Sport bundesweit mehr in den Fokus rücken.

Benedikt lebt Breakdance
Benedikt Mordstein (20, Fopto oben) aus Freising in Bayern: Der Breakdancer ist bereits vierfacher Guinness-World-Record-Halter und möchte bei der „Millionärswahl“ mit seinen drei Tanzschülern auftreten. Benedikt lebt Breakdance. Seit er 10 Jahre alt ist, tanzt er. Den ersten Weltrekord hat Benedikt mit 17 Jahren aufgestellt (meiste Sprünge auf einer Hand & meiste Sprünge auf dem Ellbogen). Insgesamt hat er vier Weltrekorde gebrochen und diese stehen auch in den „Guinness World Records”-Büchern.

Ralf unterstützt mit der Million die kleine Neele (1)
Alles für Neele: Ralf Zanders (36, Operator aus Kerken, Foto oben) tut alles für sein Patenkind Neele (12 Monate alt), die das Wolf-Hirschhornsyndrom hat. Die kleine Neele wird immer auf Pflege angewiesen sein. Man kann noch nicht genau abschätzen, welche (hohen) Kosten in den nächsten Jahren dafür anfallen. Ralf möchte die Million für Neele gewinnen, um ihr und ihren Eltern ein fast normales Leben ermöglichen zu können und den Alltag zu erleichtern.

GIFT feiern ihr Comeback mit 70
GIFT aus Augsburg: In den 70er Jahren feierte die Band GIFT (2. Fotos von oben) aus Bayern zahlreiche Erfolge und heizte mit ihrem Krautrock den Zuschauern ordentlich ein. Angetrieben durch ihre Kinder plant die Band nach einer 40-jährigen Pause ein Comeback und möchte erneut durchstarten. In der Show wollen sie in alter Rocker-Manier ihren Song „Got To Find A Way“, der 1974 in den Top-Ten der Charts platziert war, performen. Der Gewinn der Millionärswahl soll in die Produktion eines neues Albums investiert werden.

Daniel springt kopfüber aus 52 Metern Höhe
Daniel Moesl (25, Foto obenm), Snowboardlehrer und Freedropper aus Lans (Österreich): Seit er denken kann, ist für Daniel Sport das Wichtigste überhaupt. Schon als Kind fuhr er Ski, später entdeckte er das Snowboarden für sich. Er trat bei großen Wettbewerben an und war der erste Österreicher, der einen Dreifachsalto mit dem Snowboard sprang. Zusätzlich stürzt er sich als „Freedropper“ aus schwindelerregenden Höhen und mit spektakulären Kunststücken auf ein Luftkissen. Daniels persönlicher Rekord liegt bei 52 Metern! Mit dem Geld möchte er seine Stuntausbildung finanzieren und die Organisation „Wings for Life“ unterstützen.

Lebemann Sava verschenkt Geld an seine Wähler
Sava Pasic (45, Foto oben) aus Duisburg (NRW) ist geschäftsführender Gesellschafter einer Schweißtechnikfirma: Er ist ein lustiger und lebensfroher Mensch. Für alles, was er sich aufgebaut hat, hat er hart gearbeitet. Dafür belohnt er sich auch gerne. Er hat Spaß am Leben und lässt es sich gerne gut gehen. Kreuzfahrten sind z.B. ein großes Faible von ihm, davon hat er mittlerweile etwa 15 gemacht. 600.000 Euro von dem Millionen-Gewinn würde er für Geschenke an seine Wähler aufwenden. Sava selbst würde sich dann eine weitere Kreuzfahrt gönnen.

Jan und Gianna setzen auf 61 Minuten Sex
Jan Winter (33) und Gianna Chanel (26, Foto unten) aus Hennef (NRW) betreiben den YouTube-Kanal „61 Minuten Sex“. Das ist eine populäre deutsche Video-Reihe, die im Jahr 2011 gegründet wurde. Die Moderatoren sind der Sexualpädagoge Jan Winter und Gianna Chanel, die auf eine spaßige und unverkrampfte Art Sex-Wissen vermitteln. Entsprechend wird in den Clips des Duos ein sehr breites Spektrum an menschlicher Sexualität abgebildet – mit praktischen Tipps, sexualpolitischen Themen (z.B. die „Homo-Ehe) oder Beiträge mit allgemeinpsychologischem Schwerpunkt verarbeitet. Bei einem Gewinn soll der größte Teil in den Ausbau des Kanals und ihre Arbeit fließen. (David Fischer, dpa/KT)

Fotos: SAT.1/ProSieben/Willi Weber