Donnerstag, 16. Januar 2014, 19:15 Uhr

"Nebraska": Was ist das für ein Film, der jetzt für 6 Oscars nominiert wurde?

Vor ein paar Stunden wurden in Los Angeles die Nominierungen für den Oscar 2014 bekannt gegeben und ‘Nebraska’ geht sechs Mal ins Rennen um die begehrteste Filmauszeichnung.

Darunter vier Nominierungen in den wichtigsten Kategorien: als „Bester Film“, Bruce Dern als „Bester Hauptdarsteller“, Alexander Payne für die „Beste Regie“ und Bob Nelson für das „Beste Drehbuch“. June Squibb winkt die Trophäe als „Beste Nebendarstellerin“ und Phedon Papamichael für die „Beste Kamera“.

Mit ‘Nebraska’ erzählt der zweifache Oscar-Preisträger Alexander Payne eine Familiengeschichte, die sich im tiefen Herzen der US-Provinz abspielt. Die raue und gleichzeitig melancholische Hinterland-Wirklichkeit fernab von hektischen Metropolen hat Payne für dieses Meisterwerk in ausdrucksstarkem Schwarz-Weiß eingefangen. Er war sich des Risikos bewusst, aber es war ein zentraler Bestandteil seiner Vision für den Film. „Ich wollte immer schon einen Film in Schwarz-Weiß machen. Es ist ein wunderschönes Format“, erklärt Payne. „Und diese bescheidene, strenge Geschichte verlangt nach einem visuellen Stil, der so nackt, einfach und direkt ist wie das Leben, das die Menschen in diesem Film führen.“

Schwarz-Weiß erfreut sich einer Renaissance und auch Anerkennung, wie z.B. die Oscars für ‘The Artist’ (2011) zeigen. Neben seinem hohen Nostalgiefaktor ist der Schwarz-Weiß-Film „weit genug in der Vergangenheit, um heute wieder avantgardistisch zu sein“, erklärt Robert Thompson, Professor für Popkultur an der Syracuse University, diese Rückbesinnung, über die sich Filmemacher auch untereinander austauschen. So holte sich Payne einige Tipps in langen Gesprächen mit Noah Baumbach, nachdem dieser seinen in schwarz-weiß gedrehten Film FRANCIS HA (2012) vorgestellt hatte.

Alle Beteiligten waren fasziniert von der Idee. „Das Schwarz-Weiß verleiht der Geschichte sofort eine ikonische Qualität“, sagt Produzent Albert Berger. Sein Kollege Ron Yerxa ergänzt: „Der Look des Films entspricht der eigenen Vorstellung vom Mittleren Westen. Er erlaubt es, auf eine einladende und atmosphärische Weise zu überlegen, was unsere quintessenzielle Vorstellung von Americana ausmacht.“

Das Schwarz-Weiß lenkt den Fokus noch stärker auf den filmemacherischen Aspekt. „Jede Einstellung wurde penibel vorbereitet, um diese Schwarz-Weiß-Welt zu erschaffen“, meint Regieassistent George Parra. Das war eine neue Erfahrung für alle Beteiligten. „Als wir nach Locations suchten, nahmen wir Fotos in Farbe auf und wandelten sie dann in Schwarz-Weiß um, damit ich die Veränderungen studieren konnte,“ erzählt Szenenbildner Dennis Washington. Viele Tests mit der Ausleuchtung und den Kontrasten ergaben schließlich den optimalen Schwarz-Weiß-Effekt.

„Wir haben viel versucht und ausprobiert, um den ganz spezifischen Look von Schwarz und Weiß zu finden, der richtig für den Film ist“, so Kameramann Phedon Papamichael. „Da findet sich nicht der Hauch von Stilisierung. Es ist ein stark kontrastierender Look, der die menschliche Komödie unterstützt und die richtige Stimmung setzt.“

Die ungewöhnliche und möglicherweise einzige Gelegenheit, einen Film in Schwarz-Weiß zu machen, war allen bewusst. „Das ist sicherlich der große Traum für die meisten Filmemacher, also genossen wir unsere Arbeit sehr. Es war, als würde man eine völlig neue Realität erschaffen“, erzählt Papamichael. Dafür studierten er und Payne Werke des Film Noir, des italienischen Neorealismus und zeitgenössische amerikanische Filme wie THE LAST PICTURE SHOW (1971). Aber die treibende Kraft waren die Figuren. „Wie das Schwarz-Weiß allein im Zusammenspiel mit der Textur von Bruce Derns Gesicht wirkt, zusammen mit all den Subtilitäten seiner Darstellung, das ist schon sehr stark“, schwärmt der Kameramann.

Die Schauspieler waren ebenfalls Feuer und Flamme. „Der Film verlangt nach Schwarz-Weiß, weil das dem Zuschauer nahelegt, sich auf das menschliche Verhalten zu konzentrieren“, sagt Stacy Keach. „Es gibt keine Ablenkung.“ Das Schwarz-Weiß in NEBRASKA unterstützt einerseits das Gefühl, in Erinnerungen zu schwelgen, wie die Figuren in ihrer Heimatstadt. Gleichzeitig unterstreicht es die Trostlosigkeit und den wirtschaftlichen Verfall der gezeigten Kleinstadt-Szenerie. „Es passt thematisch und zur Story“, sagt Payne, und merkt an, dass er sich bei den Dreharbeiten jeden Tag fragte, wie er je wieder einen Film in Farbe machen kann: „Black and white is King.“

Die berührende und unterhaltsame Tragikomödie in schwarz-weiß ist ab heute im Kino zu sehen.

Fotos: Paramount