Sonntag, 26. Januar 2014, 19:27 Uhr

ATB über sein neues Album und mehr: "Heute will jeder berühmt werden"

Seit Jahren ist André Tanneberger (40) alias ATB schon Deutschlands erfolgreichster DJ und Musiker. Am Freitag erschien Dein neuntes Album „Contact“.  Wir sprachen mit den sympathischen Produzenten.

Gefühlt hat man schon länger nichts mehr von Dir in Deutschland gehört…
Man wurde irgendwann verleumdet, dass man überhaupt existiert. Das fing vor rund fünf Jahren an. Bis dahin lief ich extrem oft im Fernsehen oder Radio, aber dann wurde die elektronische Musik in Deutschland abgeschnitten. Es wurde nicht mehr im Radio gespielt, nicht mehr im Fernsehen. Beim Musikpreis Echo gab es plötzlich keine Kategorie „Bester Dance-Act“ mehr. Damals dachte ich, dass ich mir meinen Erfolg eben auch im Ausland abholen kann und habe mich noch mehr auf andere Länder konzentriert. Ganz besonders Amerika. In Deutschland muss man immer sehr kämpfen, um Respekt zu bekommen.

Du kümmerst Dich seit Jahren schon um den Gesangsnachwuchs. Hast Du mal ein Angebot gehabt, als Juror bei „The Voice“ oder „DSDS“ mitzumachen?
Das hatte ich bisher noch nicht. Aber ein Format wie „The Voice“ würde sogar passen, weil ich seit 20 Jahren immer wieder neue Sänger auf meinen Alben präsentiere. Aber so eine Anfrage würde ich von Fall zu Fall entscheiden…

Und wie wäre Deine Antwort ausgefallen, wenn man Dich fürs Dschungelcamp angefragt hätte?
Ganz ehrlich, ich glaube jeder hat sich schon mal die Frage gestellt, ob er es machen würde oder nicht. Wenn man es schlau macht, kann man sich im Camp wirklich ganz gut verkaufen. Aber es kann auch das Gegenteil passieren. Das hat man ja am Wendler gesehen, den man nicht wirklich ernst nehmen kann. Normalerweise habe ich eine gute Menschenkenntnis, aber bei dem weiß ich nicht, ob der sich wirklich so toll findet. Ich befürchte ja, dass er alles, was er sagt, aus tiefstem Herzen so meint. Und das macht mir noch mehr Angst. (lacht)

Der Wendler hat erzählt, dass er sich am Anfang seiner Karriere extra Bodyguards organisiert hat, um Aufsehen zu erregen…
Es ist ganz einfach, sich eine Sonnenbrille und einen Hut aufzusetzen, schrille Klamotten anzuziehen und dann noch zwei oder drei Bodyguards zu organisieren, um sich wichtiger zu machen als man ist. Sowas funktioniert, aber immer nur für einen bestimmten Zeitraum. Ich habe in all den Jahren Hunderte von denen gesehen, die alle weg vom Fenster sind. Ich versuche lieber, mit meiner Musik aufzufallen, so hat man langfristiger was davon…

Warum wollen so viele Leute auffallen?
Heutzutage will jeder berühmt werden. Und sei es durch Youtube-Videos, in denen einer rülpst und die dann 60 Millionen Views haben. Bei manchen Clips denke ich mir, die sind die Daten nicht wert, aber die Leute klicken sie wie verrückt.

Deine neue Single „Face to Face“ hinterfragt ja auch kritisch unseren Internetumgang…
Ich finde Facebook und Co. zwar eine tolle Sache, aber man sollte die Realität darüber nicht verlieren. Man kann ja Facebook machen, aber nicht vergessen, die Leute auch mal persönlich zu treffen. Ich finde schon, dass es alles ein bisschen zu viel wird. Die Leute leben in so einer elektronischen Welt. Man kann sich ja via Facebook zu Treffen verabreden. Die Mischung muss einfach stimmen. Ich war neulich in einem Café, in dem Jugendliche zwar zusammengesessen haben, aber jeder nur auf sein Smartphone gestarrt hat…

Auf dem Cover zu Deiner CD „Contact“ ist ein Foto von Dir, das Du selber aufgenommen hast…
Fotografieren ist ein Hobby von mir. Ich habe ein paar Fotos von mir zu Hause gemacht und habe etwas herumexperimentiert. Das ist im Grunde genommen ein Selfie. Nur, dass ich mit einem Fernauslöser gearbeitet habe und eine CANON Mak III verwendet habe und kein Smartphone. (grinst)

Seit 2005 bist Du verheiratet, im Februar wirst Du 41 Jahre alt. Willst Du eigentlich noch mal Vater werden?
Wenn es passiert, dann passiert es. Mein Leben ist aber auch so schon sehr bereichernd. Bei einem Kind möchte ich auch 100 Prozent Energie darauf verwenden. Aber dadurch, dass meine Frau und ich sehr viel unterwegs sind, ist ein Kind jetzt nicht der Riesenwunsch. Ich möchte auch nicht so ein Vater sein, der fast nie da ist.

Und hast Du Dir schon mal Gedanken gemacht, wie lange Du noch auf Tour gehen willst?
Ich habe zwar kein Datum, aber einen sehr genauen Zeitpunkt: Wenn ich irgendwann ins Publikum schaue und merke, ich verstehe nicht mehr, was die hören wollen und wenn ich in deren Augen sehe, dass die nicht mehr verstehen, was ich mache, dann höre ich auf. Ich spiele teilweise jetzt schon vor 16-, 17-Jährigen, aber wir haben noch gemeinsam Spaß. Wenn das eines Tages nicht mehr so ist, höre ich auf zu touren. Aber mit dem Musikmachen werde ich erst aufhören, wenn ich ein alter Greis bin und nichts mehr höre. (lacht)

Interview: Thomas Kielhorn Fotos: T. Mardo