Dienstag, 28. Januar 2014, 9:15 Uhr

Folklegende Pete Seeger gestorben

Es war der Höhepunkt beim spektakulären Open-Air- Konzert zur ersten Amtseinführung von US-Präsident Barack Obama: Zusammen mit Bruce Springsteen brachte Folksänger Pete Seeger eine halbe Million Menschen dazu, vor dem Lincoln-Denkmal in Washington den Woody-Guthrie-Klassiker «This Land Is Your Land» mitzusingen.

Mit bunter Zipfelmütze, weißem Bart und klingendem Banjo begeisterte der Titan des amerikanischen Folk sein Publikum wie eh und je.

Am Montag starb Seeger nach Angaben der «New York Times» im Krankenhaus eines natürlichen Todes. Die Bedeutung der Folklegende für die US-Musikszene war zu Seegers 90. Geburtstag im Jahr 2009 noch einmal deutlich geworden. 40 bedeutende US-Musiker wie Bruce Springsteen, Joan Baez, Kris Kristofferson, Emmylou Harris und Eddie Vedder hatten sich zu der Party in New York angekündigt. Ganz in Seegers Sinne sollte mit dem Erlös des Konzerts der von ihm mitgegründeten Öko-Organisation Clearwater zugute kommen.

Der Musiker, Friedensaktivist, Politrebell und Umweltschützer war vor allem als Songschreiber bekannt. Sein Lied «Sag mir, wo die Blumen sind» wurde in den 60er Jahren zur Hymne der Friedensbewegung. Marlene Dietrich, Hildegard Knef, Nana Mouskouri und viele andere interpretierten das Antikriegslied und machten es zum Welterfolg. Unvergessen sind auch seine Polithits «If I Had A Hammer» und «Turn, Turn, Turn!» sowie der von ihm aufgebügelte US-Gospelsong «We Shall Overcome», mit dem Joan Baez unsterblich wurde.

Als Sohn einer Musikerfamilie 1919 in New York geboren, galt Peter «Pete» Seeger in den 40er und 50er Jahren als Schlüsselfigur bei der Wiederentdeckung der amerikanischen Folk-Musik. Er war Mitbegründer der beiden einflussreichen Gruppen The Almanac Singers und The Weavers, rief die erste US-Volksmusikorganisation «People’s Song» ins Leben und wirkte an dem Folk-Magazin «Sing Out!» mit. «Im Vergleich zur Trivialität der meisten Popsongs besitzen die Texte dieser Lieder das Fleisch, das unser Leben ausmacht», sagte er einmal.

Legendär ist sein Wutanfall, als Bob Dylan 1965 bei dem von ihm mitgegründeten Newport Folk Festival erstmals mit einer elektrischen Gitarre auftrat. «Wenn ich eine Axt hätte, würde ich ihm sofort das Mikrofonkabel kappen», schäumte der eingefleischte Unplugged-Fan Seeger. Das Publikum buhte Dylan wegen der schlechten Tonqualität aus. Der spätere Starmusiker kehrte für 37 Jahre nicht nach Newport zurück. Als er 2002 erstmals wieder dort auftrat, erschien er vorsichtshalber getarnt mit Perücke und falschem Bart.

Die McCarthy-Ära bescherte Seegers Karriere einen jähen Bruch. Den Rechten im Lande wegen seiner kämpferischen Texte und seiner früheren Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei schon lange ein Dorn im Auge, wurde er 1955 vor das «Komitee für unamerikanische Aktivitäten» zitiert. Er verweigerte die Aussage und wurde zusammen mit dem Schriftsteller Arthur Miller und sechs weiteren Autoren der subversiven Tätigkeit für schuldig befunden.

Jahrelang boykottierten ihn daraufhin die kommerziellen US-Medien, er musste sich in «kultureller Guerillataktik» – wie er es nannte – mit Auftritten in Privatschulen, Kirchengemeinden und Sommerlagern durchschlagen. Noch 1967 schnitt der Fernsehsender CBS seinen Vietnam-Protestsong «Waist Deep In The Big Muddy» aus dem Programm.

«How Can I Keep From Singing?» – Wie sollte ich je aufhören zu singen? Das ist der Titel eines Seeger-Songs und das war auch sein Lebensmotto, selbst als die Stimme etwas brüchig wurde. Noch 2008 erschien das neu aufgenommene Studio-Album «Pete Seeger At 89». Und auch politisch blieb der alte Kämpfer aktiv. «Mit einem Song kann man seine Gedanken ausdrücken und gemeinsames Handeln fördern», sagte er einmal. «Ich glaube allerdings, dass nicht nur Lieder geschrieben werden müssen. Es muss auch gehandelt werden.» (Nada Weigelt, dpa)

Foto: WENN.com