Donnerstag, 27. März 2014, 21:27 Uhr

Chris Imler: Wie schön nervöse Electro-Wave-Shocks doch swingen können

Ein Moped, ein Kraftwerk, und ein Acker. Und dazwischen Chris Imler. Die Luft auf dem Lande aufgeladen mit nervöser Musik aus Strom. Ein hochexplosiver, schwer-verdrahteter Stadtbewohner schiebt seine Maschine im krautigen Rhythmus vorbei an Windrädern und Zäunen, unterwegs in den Trecker-Furchen des Morgentaus.

Der Sonne im Gegenlicht wird hier in Umkehrung als “Dark Spot Of Joy” ein verwirrendes Ständchen gebracht. Nervöse Electro-Wave-Shocks für somnambule Menschen beim Tagesanbruch.

Chris Imler wuchs, auch wenn man es sich heute nicht mehr vorstellen mag, in Augsburg auf, einem Schmelztiegel der Kulturen, einem Ort, wo sich bayrisches Hinterwäldlertum und schwäbisches Arbeitsethos „Grüß Gott“ sagten. Viertelungar sowie Schlüssel- UND Sandwichkind einer alleinerziehenden Mutter, entwickelte Imler schon in frühen Jahren seinen ganz eigenen Blick auf die süddeutsche Gesellschaft, einen Blick, der etwa sagte: „So nicht ihr Arschlöcher, nicht mit mir. Ich weiß ja auch nicht, wie es geht, aber SO nicht!“

ADHS war damals noch nicht erfunden, und statt Retalin gab es Schläge mit dem Lineal auf die Fingerkuppen und seelische Grausamkeit. Doch keine der Repressalien zeigten bei Imler Wirkung, – ganz im Gegensatz zu den französischen Arthouse-Filmen, die spät nachts um elf im Fernsehen kamen, und der verbotene Musik aus Amerika.

Der Weg des größten Widerstands war vorgezeichnet, Imler ging ihn. Nachdem er folgerichtig mit 15 vom antihumanistischen Gymnasium geflogen war und sich in einer Steinmetzlehre für die kommenden Strapazen physisch gestählt hatte, reiste und riss er aus nach – natürlich Berlin. Berlin Kreuzberg, genau gesagt, dem damals noch härtesten und schon lustigsten Pflaster Deutschlands (mindestens). Und lustig sollte es, bei aller gebotenen Härte gegen die Polizei auf der einen und dem eigenen Körper (wenn der mit Schwindel oder Skorbut wieder mal eine gesündere, womöglich Speedärmere Ernärung zu erpressen versuchte) auf der anderen Seite, doch bitteschön zugehen. Für trübseligen Ernst war Imler nie zu haben, weder für den der finsteren Aktivisten, noch für den der nihilistisch triefäugigen Blixa Bargeld- und Nick Cave-Wannabes. Er wollte das Systemzersetzende immer mit dem Angenehmen verbinden, so zum Beispiel als er zur finanziellen Rettung einer linksradikalen Gaststätte vorschlug, man möge ein Errektionsbingo veranstalten (sechs Männer, deren Geschlecht jeweils lediglich von einem kleinen Vorhang verborgen wird, schauen Pornos auf der Bühne. Im Publikum sind nur rothaarige Frauen und wetten, welcher Vorhang sich zuerst hebt).

Aber vor allem anderen war und ist Chris Imler natürlich Musiker. Die erste große Furore machte er um die Wendejahre herum als Drummer der „Golden Showers“, die die deutschen Cramps zu nennen, wohl für die Cramps etwas schmeichelhaft wäre. Leider sind ihre Auftritte kaum dokumentiert, da alle Angst hatten, ihre Kamera der Hölle auszusetzen, die losbrach, wen die „Showers“ (Fan-Jargon) loslegten. Selbst von den Notizblöcken der Journalisten blieb oft nicht mehr als ein blut- und bierdurchtränkter Klumpen Zellstoff. Zum Glück haben wir immerhin die Hymnen der glasigen Augenaugenzeugen.

Imler festigte in den Folgejahrzehnten seinen Ruf als wildester, schönster und bester Schlagzeuger der Stadt, spielte für so unterschiedliche Künstler wie Peaches, Maximilian Hecker, Oum Shatt oder „Die Türen“, und sogar dem musikalisch bis dahin biederen (wenn auch durchaus brillanten und sexuell anziehenden) Chansonier Jens Friebe drückte er in zäher, fruchtbarer Zusammenarbeit seinen verwegenen Stempel auf. Doch auch als Sänger, Texter und Komponist führt die Gema den Namen Imler nicht erst seit gestern. Mit dem renommierten Elektromusiker Patric Catani veröffentlichte er 2011 unter dem Moniker Driver & Driver das Monumentalwerk „We are the World“. Der TV- Seelsorger Domian schrieb dazu in der Intro: „Zack! Ich bin dabei! Als alter DAF-Fan muss ich die Jungs gut finden. Abseitige Texte und hypnotischer Sound. „Ich hab dir Kuchen mitgebracht“ ist mein Satz für die nächste Liebeserklärung.“

Tourdaten:
Mar 28, 2014 NL Maastricht, Odd Pop
Mar 29, 2014 BE Bru?ssel, Ateliers Claus
Apr 20, 2014 DE Dresden, Beatpol-w/ Ja,Panik
Apr 21, 2014 AT Wels, Alter Schlachthof-w/ Ja,Panik
Apr 22, 2014 AT Graz, Bang Bang Club-w/ Ja,Panik
Apr 23, 2014 AT Salzburg, ARGEkultur-w/ Ja,Panik
Apr 24, 2014 AT Innsbruck, Weekender-w/ Ja,Panik
Apr 25, 2014 CH St. Gallen, Palace-w/ Ja,Panik
Apr 26, 2014 DE Heidelberg, Karlstorbahnhof-w/ Ja,Panik
Apr 28, 2014 DE Du?sseldorf Zakk-w/ Ja,Panik
Apr 29, 2014 DE Mu?nster, Gleis 22-w/ Ja,Panik
Apr 30, 2014 DE Bremen, Theater Bremen-w/ Ja,Panik
May 02, 2014 DE Hamburg, Golden Pudel
May 16, 2014 DE Berlin, Urban Spree, Double-Release with
Candy Hank/Shitkatapult
… wird fortgesetzt