Freitag, 04. April 2014, 8:40 Uhr

Die Ärzte: Bela B. veröffentlicht Country-Album

Mit Smokestack Lightnin’, Peta Devlin, Seatsniffer Walter Broes und Lynda Kay in weiteren Hauptrollen lässt Ärzte-Gitarrero  Bela B auf dem neuen Album ‘Bye’ seinen Sonnenhut tragenden Protagonisten von Nudie Cohn-Anzügen und 1950er Lincoln-Limos träumen.

Die Filmrolle auf dem Beifahrersitz trägt die Aufschrift Heartworn Highways und im Autoradio plärrt in Mittelwellenfrequenz “I Love Robbing Banks” vom ehemaligen Knastbruder David Allan Coe. Er, der Outlaw, spuckt aufs Redneck-Lager. Er war schon Punk, er war schon cool, bevor derlei Begrifflichkeiten ins verbale Alltagslogo Einzug hielten und verdreht wurden. Er kennt das literarische Werk von Kinky Friedman.

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Selbstverständlich bedienen Bela B, Peta Devlin und Smokestack Lightnin’ nicht die Unsitte, einen Chart-Hit im Rockabilly-Style zu spielen. Und wenn, dann nur als Parodie. Aber das ist eine B-Seiten-Geschichte…

Die Truppe, die Bingo entscheidend und Code B ein bisschen weniger entscheidend mitprägte, hat Spaß gehabt, als sie mit Bela B auf Tour war. Aber sie war nie eine Band. Praise Smokestack Lightnin’! Wie weiland bei Chuck Berry, der ortsansässige Bands anheuerte, wenn er außerhalb der Staaten unterwegs war, stand vor den Bye-Aufnahmen der Wunsch, mit Musikern zu arbeiten, die einen definierten Gruppen-Sound besitzen und als Band grooven.

Die Smokestacks – Bernie Batke, Michael Kargel, Axel Brückner, André Langer und bis neulich noch Frieder Graef – kennen eben dieses Rollenverständnis als Backing-Band von Eddie Angel. Auf ‘Bye’ sind sie bedeutend mehr.

Bela B ist großer Fan seiner neuen Platte… wäre ja auch schlimm, wenn nicht. Er hat sie überall gehört, immer wieder aufgelegt, im Auto, nebenbei – woneben sei nicht verraten – und, ja wirklich, er ist ganz glücklich mit ‘Bye’. „Bye“ könnte am Anfang einer Neubegegnung mit dem besten Freund stehen, der losgelöst von alten Strukturen noch unverzichtbarer, weil freier wird.

In den Gegenden, wo Glamour mit einer dicken Staubschicht belegt ist und „Howdy“ zur Begrüßung gerufen wird, markiert ein lakonisch hingeschmettertes „Bye“ aber auch vorübergehenden Abschied. Wo das genau ist?

Musikgeografisch lässt sich bye nur ungenau einordnen. Zum Glück! Vielseitig orientierte und wache Künstlerherzen eignen sich bestenfalls widerborstig als Graphen zur Darstellung scheinbar disparater musikalischer Vorlieben.

Es wäre entsprechend so anmaßend wie unzutreffend, dem Titel des dritten Bela B-Albums die Deutung „be your enemy“ in die Cowboystiefel zu schieben. In denen steckt jene extravagante Eleganz, die der Beobachtung von Belphegor durch den Chevy Van-Rückspiegel eine gewisse Lustübung zuschreibt. Oder war da, auf dem Rücksitz, ein Spermafleck, der mit herzergreifendem Sentiment betrachtet wird?

Das Pathos bricht sich dramatisch-kapriziös seinen Weg zur Romantik, die auf Bye viele Gesichter hat: Selbstmitleidig, zu allem entschlossen, reflektierend, ichbezogen. Wer in der Platte die Geschichte einer autobiografisch geprägten Charakterisierung ausmacht, kann sie gerne in den Psychogramm- Schredder schicken. Mit dem Kopf durch die Wand ging BELA B vor knapp einem halben Jahrzehnt. Nach der Solo-Kunstpause klingt seine Musik so herrlich frei und unbeschwert wie eine frische Liebe