Mittwoch, 07. Mai 2014, 23:47 Uhr

Monica Lewinsky meldet sich zurück: "Gefangen wie eine Fliege in Bernstein"

Monica Lewinsky, Bill Clinton, eine Zigarre und das blaue “Samen-Kleid”. Dies sind nicht nur in Washington auch heute noch die Zutaten für einen Herrenwitz, der Lacher und Schenkelklopfer garantiert.

Die Praktikantin, die fast einen US-Präsidenten stürzte. Der mächtigste Mann der Welt verwoben in einem Netz aus Telefonsex und Schäferstündchen im Weißen Haus – was Komiker dazu veranlasste, sein Arbeitszimmer, bekannt als “Oval Office”, wortspielerisch in “Oral Office” umzubenennen. Sechzehn Jahre, nachdem der Sexskandal die Welt in Atmen hielt, ist er wieder zurück in den Diskussionen.

Denn Lewinsky, heute 40 Jahre alt, meldet sich nach langer Funkstille mit einem Essay in der Zeitschrift ‘Vanity Fair’ zurück. Der volle Text kommt erst an diesem Donnerstag in der Online-Version auf den Markt, das gedruckte Heft einige Tage später – aber die Details sind den Politikberichterstattern in der US-Hauptstadt auch gar nicht so wichtig. Ihnen reichen die Vorauszüge für ihr Urteil: Kurz vor ihrer möglichen Präsidentschaftsbewerbung muss Hillary Clinton sich wieder mit den Sünden ihres Mannes herumschlagen. Ob es ihr politisch hilft oder schadet – darüber sind sich die Kommentatoren nicht einig.

Nahezu Einmütigkeit herrscht dagegen über Lewinskys Beweggründe. Sie wolle sich nicht in den Präsidentschaftswahlkampf 2016 ziehen lassen und die Affäre daher jetzt ein für alle Mal für beendet erklären, schreibt die ‘Washington Post’. Es sei Zeit, “das blaue Kleid zu begraben”, schreibt Lewinsky beinahe selbstironisch mit Bezug auf ihr berühmtes Kleidungsstück, auf dem sich Clintons Samenspuren befanden. Es müsse Schluss damit sein, «auf Zehenspitzen um meine Vergangenheit herumzuschleichen – und um die Zukunft anderer Menschen». Wen außer Hillary Clinton könnte sie meinen?

Die wahrscheinlich berühmteste Ex-Praktikantin der Welt hat gute Gründe für den Vorstoß. Während der ersten Präsidentschaftsbewerbung der ehemaligen First Lady 2008 spielte die Affäre kaum ein Rolle. Diesmal dürfte es anders werden. Der mögliche republikanische Konkurrent Rand Paul nannte Bill Clinton kürzlich indirekt einen Sittenstrolch und warf die Frage auf, ob sich die Demokraten, allen voran Hillary Clinton, mit einem solchen Menschen abgeben sollten. Bald sechs Jahre nach dem Verlust des Weißen Hauses dürften die Konservativen kaum noch Hemmungen vor ähnlichen Tiefschlägen haben.

Also kommt Lewinsky aus der Deckung: “Ich habe endlich entschieden, mich aus dem Fenster zu lehnen”. Sie beschreibt, wie der Machtzirkel um die Clintons sie damals kaputt gemacht habe, bis sie dem Selbstmord nahe gewesen sei. Die Affäre mit dem Präsidenten sei noch “einvernehmlich” gewesen, doch der eigentliche Missbrauch habe danach begonnen, “als ich zum Sündenbock gemacht wurde, um seine Stellung der Macht zu schützen”. Ihr Resümee deshalb: “Klar, mein Boss hat mich ausgenutzt.” Doch sie erklärt ihre Sicht der Dinge nicht ohne Angst: “Was mich das kosten wird, werde ich bald herausfinden.”

Lewinsky erklärt, mit ihrem Text anderen helfen zu wollen, die auch Opfer öffentlicher Demütigung wurden. Sie schreibt, wie Arbeitgeber mit Hinweisen auf “meine Vergangenheit” Bewerbungen ablehnen. Wie sich der Traum vom Heiraten nicht erfüllt. Während die Clintons blendend dastehen – sie als Politikerin und er als einer der populärsten Ex-Präsidenten – und ihrer Tochter Chelsea einmal Chancen aufs Weiße Haus eingeräumt werden. Lewinsky sei “wie eine Fliege gefangen in Bernstein für einen Leichtsinn aus ihren 20ern”, meint die ‘New York Times’ mitleidig.

Doch Mitleid scheint es nicht zu sein, wonach Monica Lewinsky sucht. Stattdessen will sie der Welt ihr Selbstbewusstsein präsentieren. So drückt sie sogar Bedauern für Hillary Clinton aus. Sie verweist auf Dokumente aus dem Nachlass einer engen Freundin der ehemaligen First Lady, wonach diese sich teilweise selbst die Schuld für die Affäre ihres Mannes Bill gegeben und Lewinsky als “narzisstische bekloppte Peinlichkeit” bezeichnet habe. «Sie hätte ihrem Mann Unangemessenheit vorwerfen können, aber ich empfinde ihren Impuls beunruhigend, der Frau – nicht nur mir, sondern auch sich selbst – die Schuld zu geben”, meint Lewinsky. (Marco Mierke, dpa)

Fotos: WENN.com, SIPA/WENN.com