Samstag, 14. Juni 2014, 16:56 Uhr

Tom Schilling über Berlin, New York, Hollywood und sein Baby

Die Tragikkomödie ‘Oh Boy’ war im vergangenen Jahr mit gleich sechs Auszeichnungen der große Abräumer beim Deutschen Filmpreis.

Unter dem Titel ‘A Coffee in Berlin’ ist der Schwarz-Weiß-Film von Regisseur Jan-Ole Gerster jetzt auch in den USA in die Kinos gekommen. Hauptdarsteller Tom Schilling (32) verrät im Interview der Nachrichtenagentur dpa, dass er kein “Facebooker” ist, warum Hollywood ihn nicht lockt und was ihn am ‘Tatort’ nervt.

Der Titel des Films ist aus dem Englischen ins Englische übersetzt worden. ‘Oh Boy’ wurde zu ‘A Coffee in Berlin’. Finden Sie das passend?
Das ist wahrscheinlich griffiger und erklärt ein bisschen den Film. Und wenn die Amerikaner gleich wissen, dass es ein Berlin-Film ist, gehen sie vielleicht auch rein, das ist unser Trumpf.

Der Film vermittelt ja eine ganz spezielle Berlin-Stimmung. Kommt das bei US-Zuschauern anders an als bei deutschen?
Der Film vermittelt natürlich ein ganz persönliches Berlin-Bild. Jeder hat ja sein eigenes und die Amerikaner, die noch nie da waren, haben wahrscheinlich auch eins, was auf irgendwelchen Klischees oder Erzählungen von anderen beruht. Ich glaube, die werden dem Film sehr neugierig und wissbegierig folgen, weil es ja auch eine Liebeserklärung des Regisseurs an Berlin ist. Vielleicht werden sie aber auch irritiert sein, dass es nicht so lebendig ist, sondern eher ein bisschen morbid und melancholisch.

Was ist das für ein Gefühl, dass der Film jetzt in Amerika anläuft?
Ich wäre natürlich gerne da. Vor acht Jahren habe ich mal ein halbes Jahr in New York gelebt und hätte mir gut vorstellen können, jetzt nochmal da hinzukommen. Ich bin leider nicht so ein Facebooker, sonst hätte ich all meinen Freunden von damals, mit denen ich leider nicht mehr in Kontakt bin, weil ich kein Facebooker bin, Bescheid sagen können, dass sie den Film gucken. Ich bin sehr, sehr stolz, dass es gerade dieser kleine Film schafft, von dem ich aber schon immer dachte, dass er sehr großes Potenzial hat.

Was haben Sie für Erinnerungen an die Zeit in New York?
Nur die besten. Aller Anfang war schwierig, weil ich nicht so gerne verreise und nicht so wirklich abenteuerlustig bin. Ich musste so ein bisschen gezwungen werden zu meinem Glück. Das war ein Stipendium, das heißt, ich habe das mehr oder weniger geschenkt bekommen. Die ersten zwei, drei Wochen habe ich mich nur so angetrunken durch die Stadt bewegt, weil ich Angst hatte, die Leute nicht zu verstehen und U-Bahn zu fahren – obwohl ich ja selber Großstädter bin, aber es war die typische Angst des kleinen Mannes vor der Großstadt. Aber als ich dann den Groove raushatte, fand ich das ganz fantastisch. Ich habe eine Arbeitswut entwickelt, bin durch die Stadt gefahren von Queens nach Brooklyn nach Downtown und habe sie wie eine Ameise aufgesogen. Wenn man so will, habe ich da richtig gelebt und Gas gegeben.

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Wäre denn Hollywood ein Ziel?
Nee, das ist kein Ziel. Es ist nicht die Location, die mich glücklich macht, sondern eher das inhaltliche, und ich glaube, dass das europäische Kino mindestens genauso interessant ist. Wenn ich jetzt, wie es andere Kollegen von mir schon versucht haben, in Amerika Fuß wollen fassen wollen würde und dazu nach LA ziehen müsste, um dort Klinken zu putzen, dann würde mich das nicht so glücklich machen, weil die Aussicht auf wirklich gute Rollen und wirklich gute Stoffe ist da nicht so groß. Da ist es eigentlich schlauer, wie ich es jetzt mache, dass ich eine britische Agentin habe, die als die Schnittstelle zwischen uns und den Amerikanern dient. Das reicht vollkommen.

Verfolgen Sie US-amerikanische TV-Serien?
Ich hab leider viel zu wenig Zeit und beneide immer die Leute, die das alles gesehen haben und frage mich, wie sie das machen. «Mad Men» habe ich ziemlich gerne geguckt bis so zur dritten oder vierten Staffel, aber ‘Breaking Bad’ ist mir auf Dauer zu plottig. Ich sehne mich dann wieder nach dem Kinofilm, der nicht in dieser Rasanz erzählt werden muss und am Ende einen Cliffhanger braucht.

Kann Europa da mithalten?
Nee. Klar, es gibt ein paar Sachen aus England, aber fernsehtechnisch kommen die interessanten Sachen immer aus den USA.

Wird der Trend wieder weg von der Serie hin zum Film gehen?
Das denke ich schon. Das ist ja immer so eine Welle, die dann auch wieder abebbt. In Deutschland haben wir zum Beispiel im Moment gefühlte 280 ‘Tatort’-Ermittlerteams, und die Leute treffen sich in Kneipen und gucken das. Ich bin da einigermaßen fassungslos, ich verstehe es nicht, weil ich finde das Format auch nur so mittelgut gemacht. Wenn die Leute sich jetzt treffen würden, um zum Beispiel ‘Breaking Bad’ oder ‘Mad Men’ zu gucken – gerne, aber ‘Tatort’? Das wird hoffentlich und sicherlich bald aufhören und dann gibt es etwas Neues. Vielleicht wird es so, dass die Leute bald nur noch zehn oder zwanzig Minuten gucken, so Sequenzen?

Welche Projekte stehen bei Ihnen denn als nächstes an?
Eigentlich gar nichts. Ich bin jetzt in Elternzeit und kümmere mich ums Baby.

ZUR PERSON: Der in Berlin geborene Tom Schilling (32) ist ein vielfach preisgekrönter Schauspieler, der vor allem mit Filmen wie «Crazy», «Agnes und seine Brüder», «Napola – Elite für den Führer» und «Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe» bekannt geworden ist. Für die Hauptrolle in Jan-Ole Gersters Tragikomödie «Oh Boy» bekam er im vergangenen Jahr den Deutschen Filmpreis.

Interview: Christina Horsten, dpa, Foto: WENN.com