Sonntag, 15. Juni 2014, 16:12 Uhr

"Harms": Heiner Lauterbach bringt den harten Gangsterfilm nach Deutschland

Heiner Lauterbach (61) hat sich im Kino vor allem mit Komödien einen Namen gemacht. Sein jüngster Film ‘Harms’ aber ist etwas ganz Neues – nicht nur für ihn.

Und darum geht’s: Nach 16 Jahren kommt Harms aus dem Gefängnis. Er trifft seine Freunde wieder, mit denen ihn das Schicksal zusammengeschweißt hat. Auch Jasmin, eine Hure, für deren Dienste er nicht zahlen muss. Dann kommt der Sechser im Lotto, die Chance, auf die man sein Leben lang wartet: Das ganz große Ding. Die Bundesbank. 70 bis 100 Millionen an einem Wochenende.

Ein ehemaliger Vorstand der Bundesbank hat den Plan ausgeheckt und er hat den Mann in der Bank, ohne den die Sache nicht machbar wäre. Harms heuert seine alten Freunde an, die Menschen, denen er am meisten vertraut. Harms, der Profi, der Fuchs, weiß, dass man so viele Scheine in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht schnell genug bewegen kann und beschränkt sich auf ein Drittel des vorhandenen Geldes. Beute genug, denkt Harms…

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Im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa in München erklärt er, warum er gar nicht erst versucht hat, für den Film, der seit dieser Woche in den Kinos läuft, Geld von der Filmförderung zu bekommen.

‘Harms’ ist ein sehr harter, sehr ungewöhnlicher Film geworden und Sie haben sehr viel investiert. Warum wollten Sie den unbedingt machen?
Weil Nicki Müllerschön und ich bei gemeinsamen Dreharbeiten festgestellt haben, dass wir große Fans von diesen klassischen Gangsterdramen sind – von Melville, Scorsese… Parallel dazu gibt es aber in Deutschland nichts, keine Gangsterfilm-Kultur, wenn man so will. Und so entstand bei uns das Gefühlt, dass in Deutschland diese Subkultur, dieser Unterbauch der Gesellschaft, negiert und ignoriert wird. Wir wollten uns in Fotobuchläden Bücher über deutsche Gangster kaufen, um den Look des Films zu bestimmen – aber die gab es nicht. Die hatten Bücher über französische Gangster, amerikanische, italienische, puertorikanische – nur keine deutschen. Schon komisch. Schließlich werden hier genau so viele Banken überfallen wie in anderen Ländern.

Worauf führen Sie das zurück?
Das weiß ich natürlich nicht wirklich. Aber vielleicht erzählen wir hierzulande, wie im «Tatort», die Geschichten nunmal lieber aus Sicht der Polizei.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet? Haben Sie im Gefängnis recherchiert?
Ich war ja sowieso schon im Knast – also privat. Außerdem haben wir die Knast-Kulisse nicht gebaut, wir haben wirklich im Gefängnis gedreht. Im Übrigen bin ich auch kein Freund von Method Acting. Bevor ich einen Kommissar gespielt habe, bin ich ja auch nicht mit der Polizei auf Streife gegangen. Letztlich müssen die Bücher gut sein, die Dialoge glaubwürdig und die Handlung nachvollziehbar. Den Rest macht der Schauspieler – wenn er gut ist. Wir haben ja keinen Dokumentarfilm gemacht.

Warum sind Sie von Anfang an davon ausgegangen, für einen Film wie diesen keine Förderung zu bekommen?
Es ist ja kein Geheimnis, dass Filme in Deutschland nur gefördert werden, wenn sie eine gewisse Kunstform bedienen oder wenn es sich um eine neue, erfolgsversprechende Feel-Good-Komödie handelt. Das Gangster-Genre tut sich da schwer. Außerdem haben wir uns im April entschieden, im November mit dem Dreh zu beginnen. So schnell hätte ein Förderantrag gar nicht bearbeitet werden können. Aber auch so haben wir einen Verleih gefunden, den Film an Sky und RTL verkauft und werden ihn ins Ausland verkaufen. Uns ist aber schon klar, dass er im Kino nicht an das Einspielergebnis von der ein oder anderen Komödie herankommen wird.

Warum wird so einseitig gefördert in Deutschland?
Ich muss zuerst einmal sagen, dass ich 40 oder 50 Kinofilme gedreht habe – und etwa 98 Prozent davon waren gefördert. Die Hand, die Dich füttert, die beißt Du nicht und das fände ich auch ein bisschen undankbar. Aber man kann immer alles verbessern. Ich glaube zum Beispiel, dass eine nicht-föderative Filmförderung der Sache guttun würde. Wenn länderspezifisch gefördert wird, muss der Film auch in den Ländern, die Geld zuschießen, gedreht werden. Man muss rumreisen, das kostet ein Heidengeld und bringt dem Film gar nichts. Da gibt es doch einige Verbesserungsmöglichkeiten.

Jeder, der an ‘Harms’ beteiligt war, hat 1000 Euro pro Drehwoche bekommen. Wie ändert das die Arbeitsatmosphäre?
Also, das ist das, was wir bis jetzt ausgezahlt haben. Vom Fahrer bis zum Produzenten hat jeder 1000 Euro die Woche bekommen. Aber sobald wir Geld einnehmen – und das werden wir – wird es an alle Beteiligten ausgezahlt. Aber dass erstmal jeder das Gleiche bekommen hat, hatte eine Super-Auswirkung, mit der ich so auch nicht gerechnet hatte. Diese Leute, die das seit Jahrzehnen machen, haben sich bereiterklärt, erstmal quasi umsonst zu arbeiten, im Winter im Schlamm und Dreck und Schnee zu stehen. Das finde ich ganz toll, dass es nach so langer Zeit immer noch so viel Begeisterung gibt. Bei mir kam so etwas wie ein junger Pioniergeist durch und bei uns allen ein gewisser, von Herzen kommender, kommunistischer Geist. Beim Drehen verschmilzt man immer zu einer großen Familie – und bei diesem Film war das vielleicht noch ein bisschen mehr der Fall.

Sie sind seit einigen Jahren überzeugter Nichtraucher, als «Harms» rauchen sie ständig. Droht da ein Rückfall?
Also Rauchen beim Film ist sowieso keine schöne Sache. Schon als ich noch Raucher war, hat mich das total genervt, dass man nicht rauchen konnte, wenn man wollte, sondern wenn man musste. Die Zigaretten immer wieder auf eine bestimmte Länge herunterrauchen – das ist für Raucher schon unangenehm und für Nichtraucher erst recht. Das wirft mich also nicht zurück.

ZUR PERSON: Heiner Lauterbach (61) begann seine Karriere in der berüchtigten Reihe ‘Schulmädchen-Report’. Der Durchbruch kam 1985 mit Doris Dörries Komödie ‘Männer’. Es folgte die ZDF-Krimiserie «Faust», der Fünfteiler «Der Schattenmann» und Helmut Dietls Persiflage ‘Rossini’. Jahrelang galt er aufgrund seiner Partyexzesse als Enfant Terrible der Branche, heute lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern am Starnberger See. Alkohol und Zigaretten hat er abgeschworen. Dafür geht er fünfmal in der Woche joggen und isst viel Salat.

Interview: Britta Schultejans, dpa. Fotos: Kinostar