Mittwoch, 02. Juli 2014, 22:50 Uhr

Der deutsche Astronaut Alexander Gerst hat auch Heimweh

Alexander Gerst hat eine lange Leitung. Minutenlang versuchen die Schüler in Neustrelitz, Funkkontakt zur Internationalen Raumstation ISS herzustellen – doch außer Rauschen und Knacken kommt nichts zurück.

Bange Blicke werden ausgetauscht, ein nervöses Tuscheln fällt in die Stille. Dann, endlich, antwortet der Astronaut: Die lange Leitung von Neustrelitz ins All, sie funktioniert.

Während Gerst im Orbit mit 28 000 Kilometern pro Stunde seine Runden dreht, sitzen rund 400 Kilometer unter ihm 20 Schüler in einem Labor des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Angespannt schauen sie auf ihr Mikrofon. Wochenlang haben sich die 11- bis 15-Jährigen auf den Kontakt vorbereitet, in Workshops haben sie gelernt, wie die benötigte Technik funktioniert. Unter Anleitung haben sie sogar ihre eigene Richtantenne gebastelt, die jetzt auf ein Grad genau der Flugbahn der Raumstation folgt. Nun ist der große Moment gekommen.

“Haben Sie Heimweh? Over”, fragt Saskia. “Klar”, rauscht es zurück. “Aber ich kann jeden Tag telefonieren und ein Mal pro Woche haben wir eine Videokonferenz nach Hause.” Im Stakkato geht es nun weiter – nur wenige Minuten kann der Kontakt funktionieren, das war allen von vornherein klar. Gerst ist schließlich rasend schnell unterwegs und hat viel zu tun: In 166 Tagen während seiner Mission im All nimmt er an 100 Experimenten teil.

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“Wie duscht man auf der ISS?”, fragt Paul. “Gar nicht”, lautet die lachende Antwort. “Im All habe ich keine Dusche. Wir haben hier nur mit Wasser vollgesaugte Handtücher.” Christoph fragt: “Haben Sie einen Talisman?” “Ich habe sogar mehrere mitgenommen!”, ruft Gerst. Nur was genau, das geht im Rauschen unter.

Aber immerhin, das Gespräch klappt – schon das war nicht selbstverständlich: Denn der Kontakt läuft ausschließlich über den Amateurfunk. Hobby-Funker aus der Region haben das Projekt unterstützt und ihre Empfänger mitgebracht. Enttäuscht sind die Schüler keineswegs. “Es war toll ihn zu hören, auch wenn ich nicht alles verstanden habe”, sagt Christoph hinterher.

Die Mecklenburger und Vorpommern profitieren bei ihrem Projekt von der Lage mitten im flachen Land: Keine Berge, kaum hohe Gebäude stören die Funker in Neustrelitz. Bereits seit 100 Jahren wird daher an diesem Standort die Funktechnik erforscht.

Bloß sehen kann die Gruppe den Raumfahrer nur auf einem alten Foto. Für eine Videoverbindung sei die Amateurtechnik noch nicht ausgereift genug, erklärt Albrecht Weidermann, Leiter des DLR-Schülerlabors.

Auf einem Monitor sehen die Schüler stattdessen die Flugbahn der ISS: Vor einer halben Stunde war sie noch über dem Pazifik. Schnell, viel zu schnell, bewegt sich der Punkt schon wieder von Europa weg.

Eine letzte Frage noch: “Träumt man im All anders?” Gerst: “Ich kann euch nicht mehr hören, aber ich wünsche euch alles G…” Dann wieder Rauschen, Knacken. Nach neun Minuten ist die lange Leitung ins All gekappt. (dpa)

Foto: Facebook