Montag, 07. Juli 2014, 18:55 Uhr

Hier spricht QBoy, Europas erfolgreichster schwuler Rapper

Das HipHop-Biz hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Hautfarbe und Geschlecht spielen mittlerweile schon fast nur noch eine untergeordnete Rolle.

Ein großes Tabu gibt es aber immer noch: Homosexualität. Dieses Thema findet praktisch gar nicht in diesem testosterondurchtränkten Genre statt. Der britische Rapper QBoy kämpft schon seit über 12 Jahren gegen Homophobie und Gleichberechtigung. Der Londoner gilt als Europas erster offen schwuler Rapper. klatsch-tratsch.de hat sich mit ihm getroffen.

Wie bist du mit HipHop in Kontakt gekommen?
Ich habe in der Zeitung eine Anzeige gesehen in der stand: „HipHop sucht Fans“ und ich habe auf diese Anzeige reagiert. Nein, Spaß. (lacht). Mit HipHop kam ich 1989 in Kontakt, als damals Künstler wie Salt-n-Pepa, Neneh Cherry oder auch A Tribe Called Quest in den UK-Charts durchstarteten. Ich habe mich sofort in dieses Musik-Genre verliebt. Auch die Leute in meiner Schule standen damals voll auf HipHop und Jungle. HipHop lief also quasi überall, wo ich hinkam. Ich wurde richtig süchtig danach.

Und wann hast du selbst mit Rappen angefangen?
Das war so 94-95. Damals fing ich spaßeshalber an meine eigenen Texte zu schreiben. Hatte mir aber keine ernsthaften Gedanken darüber gemacht, die mal irgendwo vorzutragen oder sogar Rapper zu werden. Ich wollte immer ein Performer sein. Habe aber meinen Traum Popstar zu werden recht schnell an den Nagel gehängt, weil ich dachte keine besonders gute Gesangsstimme zu haben. Ich hätte es aber auch nicht für möglich gehalten, dass ein weißer, schwuler Brite Rapper werden könnte. Über Umwege bin ich dann aber auf eine Seite gestoßen, die sich mit schwulem HipHop beschäftige. Die Homepage hatte ein Forum, auf dem sich viele schwule und lesbische Rapkünstler tummelten, battelten und ihre Songs hochluden. Das war echt cool und hat mich inspiriert. Ich habe dann auch angefangen für diese Seite zu schreiben und 2001 mein erstes Album aufzunehmen.

„A Deal with God“ war einer deiner erfolgreichsten Songs. Inhaltlich handelt er von Mobbing. Hast Du Erfahrungen mit diesem Thema gemacht?
Ja, ich bin in der Schule sehr oft gemobbt worden. Mit neun haben sie mich das erste mal „schwul“ oder „Schwuchtel“ genannt. Je älter ich wurde, um so schlimmer wurde es. Ich wurde gehänselt, weil ich schwul und anders war und nicht die Dinge tun wollte, zu denen sie mich zwingen wollten. Es war echt schwer für mich. Anfänglich waren viele meiner Texte sehr eingebildet, direkt und sexuell, weil ich mich irgendwie emanzipieren wollte. Ich habe damals viel Lil Kim und Foxy Brown gehört. Ich wollte ein Künstler sein, der zu sich steht. Meine Lieblingsrapper haben auch von ihren Sexualleben gerappt und das hat mich inspiriert. Davon habe ich mich aber ziemlich weg entwickelt. “A Deal With God” war ein Song, den ich unbedingt schreiben musste. Er hat lange in mir geschlummert und auch Monate gebraucht bis ich ihn fertig geschrieben hatte. Eines Morgens hatte ich diesen Kate-Bush-Song “Running Up That Hill” im Kopf und wusste, dass das der Refrain meines Songs sein muss. Beim genauen Zuhörens dieses Songs ist mir aufgefallen, dass es um eine Frau geht die zu ihrem Partner sagt: „Wenn ich nur einen Deal mit Gott abschließen könnte und ihn dazu bringen könnte das wir die Plätze tauschen, dann würden wir uns besser verstehen und uns gegenseitig mehr wertschätzen“. Mir ist aufgefallen, dass die Botschaft auf ein Opfer übertragen werden kann, das dem Täter erklärt, wie es sich in dieser Situation fühlt. Wenn er es verstünde, dann würde er es nicht mehr tun.

Du bist Europas erster offen schwuler Rapper. Warum hast Du Dich öffentlich geoutet?
Ich bin einfach ein sehr ehrlicher Mensch. Ich bin was ich bin und es ist mir egal, was andere darüber denken (lacht). Ich habe mir früher nicht überlegt, ob das irgendwie Probleme verursachen könnte. Ich dachte mir damals: Ich bin schwul. Jeder weiß über mich Bescheid. In der Schule war ich nicht geoutet, aber wurde ständig gemobbt und gedemütigt. Ich habe ein ganz anderes Selbstbewusstsein bekommen. Ich wollte kein Opfer mehr sein, sondern für Gleichberechtigung kämpfen. Rapper schreiben Texte, die persönlich sind, über ihr Leben und von wo sie kommen. Homosexualität ist in meinem Fall ein wichtiger Punkt in meinem Leben, meinen Erfahrungen und meinem Standpunkt. Das alles teile ich mit meiner Musik.

Denkst Du, dass Dein Outing Deine Karriere negativ belastet hat?
Definitiv. Plattenfirmen – vor allem damals – tun sich damit schwer. Die haben gesehen, dass ich definitiv Fans habe, aber die hatten trotzdem diese „Es-wird- nicht-funktionieren“-Einstellung. 12 Jahre später haben wir ein paar Millionen Klicks bei Youtube. Mittlerweile gibt es noch andere Künstler und einige Labels haben entdeckt, dass es einen Markt dafür gibt. Früher war das echt hart – so ganz ohne Unterstützung. Der Markt hat sich total verändert über die Jahre. Ich will nicht sagen das die anderen Künstler nicht hart arbeiten. Als ich anfing gab es kein System für Homo-HipHop. Ich habe dieses System geschaffen und das war heftig. Ich habe immer noch den Eindruck, dass ich mich bei den großen Labels mehr beweisen muss, als andere Künstler. Das ist aber eigentlich nicht meine Intention.

Wie hat die Schwulenszene auf dich reagiert?
Als ich früher in Clubs auftrat wurde ich oft gefragt, warum ich diese Klamotten tragen würde und warum ich eigentlich rappe. Das hat für viele einfach nicht in ihr Weltbild gepasst. Es war schwer damals Bookings und die Presse auf meine Seite zu bekommen. Nachdem die Mainstreampresse über mich geschrieben hatte, war die Schwulenszene so eingestellt „Wir lieben ihn. Er ist einer von uns“.

Was war dein abgefahrenstes Fan-Erlebnis?
Ich habe mal beim Auflegen in einem Club von einem Fan unter dem Mischpult einen Blowjob bekommen (lacht)…

Du bist auch als DJ recht erfolgreich. Letzt Woche hast Du beim Glastonbury-Festival aufgelegt. In wenigen Wochen legst Du beim Milkshake-Festival in Amsterdam auf. Was erwartet die Leute da?
Ich lege vor allem R&B und HipHop-Classics auf. Ich freue mich schon riesig. Ich war noch nie beim Milkshake, aber ich liebe Amsterdam. Ich liebe die Leute und das Gras. Mein Kumpel besitzt dort meinen Lieblings-Coffee Shop. Das wird echt ein tolles Wochenende. Ich freue mich drauf.

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Fotos: Pepo Bethencourt, Luxxer