Samstag, 12. Juli 2014, 18:01 Uhr

Morrissey: Meister der wohldosierten Provokation

Wer sich als sogenannter Gutmensch fühlt und sich gern bestätigen lässt, dass Fleischessen Mord ist und Macht schlecht – für den ist das neue Morrissey-Album Pflicht.

Für den Rest der Musik-Fans ist das neue Werk des Wahl-Amerikaners mit Wurzeln im britischen Arbeitermilieu von Manchester eher Geschmackssache. Recht gut hörbar, mit einem breiten musikalischen Mix von Flamenco-Rhythmen bis Rock, aber musikalisch ohne die ganz großen Überraschungen. Die Kritik geht eher freundlich mit Morrissey um. “Diese zwölf Stücke stellen Morrisseys beständigste, unterhaltsamste und auch herbste Sammlung dar”, schreibt etwa der ‘Irish Independent’.

In den 80er Jahren als Sänger der Indie-Rocker von The Smiths großgeworden, hat Morrissey im Alter von 55 Jahren seine sichere musikalische Spur mit dem neuen Album ‘World Peace Is None Of Your Business’ nicht verlassen. Auch sein zehntes Soloalbum ist nie ganz brav, gespickt mit wohldosierter Provokation und vor allem: immer schön gegen das Establishment.

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Dabei lässt der vegan lebende Morrissey fast nichts aus. Vom Stierkampf in Spanien (mit einem Trompeten-Intro angekündigt) bis zum Umgang mit den irischen Nationalisten in Nordirland: Morrissey kämpft aufrecht gegen das Schlechte in der Welt.

Im Titelsong der Platte fasst er seine Weltsicht zusammen: “Zahle Deine Steuern und frage nie wofür, Du kleiner Depp”, heißt es da leicht aufrührerisch. Und: “Jeder, der wählen geht, stützt das System” – eine These, die auch der britische Comedian Russell Brand schon öffentlich kundgetan hat.

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Für seine Plattenfirma Harvest Records – und wohl auch für seine weltweite Fangemeinde – knüpft Morrissey mit seinem neuen Album “an die Glanzleistungen vergangener Jahrzehnte an”. Die zwölf Songs, aufgenommen in den La-Fabrique-Studios von Produzent Joe Chiccarelli im südfranzösischen Saint-Rémy-de-Provence, zeichneten sich durch “die für ihn typische Mischung aus Ernsthaftigkeit, Humor und Emotionen aus”.

Morrissey ist seit seinen Zeiten bei den Smiths gewohnt, mit seiner musikalischen Arbeit Aufruhr zu erzeugen. Die Presse hat ihn wegen diverser Aktionen sowohl schon in die Nähe von Pädophilie als auch von Rassismus gerückt – etwa als er vor einem Skinhead-Plakat mit dem Union Jack posierte. Zuletzt hinterließ er Fragezeichen in der Öffentlichkeit, als er eine US-Tour wegen einer Grippe abbrach – bisher ersatzlos.

So provokant wie einst ist er im Alter von 55 Jahren nicht mehr. Am ehesten könnte noch der Song ‘Kick The Bride Down The Aisle’ (Tritt die Braut den Gang zum Altar hinunter) ein paar ärgerliche Tweets hervorrufen.

Oder vielleicht die Art, wie der glühende Kapitalismus-Kritiker seine neue Platte vermarkten lässt. Seit Monaten laufen Promotion-Videos für das Album, um dessen kommerziellen Erfolg zu fördern. Neben Nancy Sinatra ist dort auch «Baywatch»-Busenstar Pamela Anderson zu sehen. (dpa)

Foto: Universal Music