Freitag, 18. Juli 2014, 11:35 Uhr

Wie Oma Höchsten die höchste Hausnummer verlor

1503, das ist ’ne ganz schön ansehnliche Hausnummer. Es heißt sogar, dass es die höchste in ganz Deutschland ist. Venloer Straße 1503 in Pulheim, dicht an der Grenze zu Köln.

In großen Buchstaben steht die Zahl an der Hauswand. Das habe sie aber nicht aus Stolz so gemacht, sagt die Hauseigentümerin Christa Höchsten (78). „Das war einfach, damit man die Nummer von der Straße aus gut sehen kann.“

Neuerdings hängt allerdings ein neues Schild am Eingangstor des Grundstücks. Darauf ist die Adresse Venloer Straße 1503 rot durchgestrichen und darunter steht Otto-Lilienthal-Straße 4. Denn die Stadt Pulheim hat beschlossen, dass es die Venloer Straße 1503 nicht mehr geben soll. Doch der Reihe nach.

1975 ist Frau Höchsten mit ihrem Mann – heute 80 – aufs platte Land vor den Toren von Köln gezogen. „Am Anfang waren wir wie auf einer Insel“, erzählt sie. „Das war alles Freifläche hier.“ Endlose Felder und irgendwo am Horizont der Kölner Dom. Das Ehepaar baute sich einen Bauernhof. Ganz langsam. Immer wenn sie nach der Zuckerrübenernte wieder etwas Geld hatten, ging es weiter.

„Die 1503 haben wir uns seinerzeit selbst gegeben. Weil der Nachbar gegenüber 1501 hatte und dann noch ’ne Wiese kam. Da haben wir gesagt, dann nehmen wir 1503, dann wissen die Leute in etwa, wo es liegt.“ 1502 hat also nie existiert. Unter den Nachbarn waren die hohen Hausnummern kein Thema. „Das war normal.“

Die Venloer Straße führt, wie der Name schon sagt, nach Venlo in den Niederlanden. In der anderen Richtung endet sie genau vorm Kölner Dom, wobei das letzte Stückchen nicht mehr Venloer Straße heißt. Wenn man vom Bauernhof der Höchstens also immer geradeaus fährt, steht man nach einer halben Stunde vor dem Dom. Obwohl sich das Grundstück des Ehepaars Höchsten schon auf Pulheimer Gebiet befindet, gilt dort noch die Zählung von Köln aus. Dahinter geht es dann wieder mit 1 los.

Um zu erklären, warum die Rekordzahl jetzt neuerdings futsch ist, muss man etwas weiter ausholen. Irgendwann erklärte die Stadt Pulheim die Freifläche rund um das Grundstück der Höchstens zum Gewerbegebiet. Die Folgen sieht man heute, wenn man aus dem Fenster schaut: Alles voll. Der Bauernhof steht nicht mehr allein auf weiter Flur, sondern mitten unter Lagerhallen und Showrooms.

Im Zuge der Erschließung wurde auch ein Feldweg zur Straße ausgebaut und nach Otto Lilienthal benannt. Und da – wie man zugeben muss – das Grundstück der Höchstens wirklich ein ganzes Stück von den Venloer Straße versetzt liegt, eben ziemlich genau an diesem Weg, der jetzt eine Straße geworden ist, bekam es die neue Adresse.

In einem Brief begründete die Stadt die Nummern-Degradierung von 1503 auf bescheidene 4 mit folgenden Worten: „Die logische Nummerierung von Grundstücken (…) dient dem Interesse der Allgemeinheit (…) und gewährleistet die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung.“ Und die Nummer, die schöne Nummer, die höchste von ganz Deutschland? „Ich glaube, das hat hier noch nicht mal einer gewusst“, sagt Stadtsprecher Dirk Springob.

Ist Frau Höchsten jetzt traurig? „Ach“, sagt sie, darüber denke sie gar nicht nach. „Bei uns läuft alles weiter über die alte Nummer.“ Sie stellen sich nicht mehr um. „Wenn wir mal nicht mehr sind, vielleicht… Wenn bei uns alle Adressen ausgelöscht werden, dann…“ Dann wird die Nummer wohl verschwinden.

Neuer Rekordhalter ist nun der Nachbar von gegenüber, Manfred Wunderlich (69). Er findet die hohe Nummer 1501 schön und will sie in Ehren halten. Triumphgefühle hat er nicht. Er findet: Nummern muss man nehmen wie sie kommen. (Christoph Driessen, dpa)