Montag, 28. Juli 2014, 21:09 Uhr

Hitgranate Nazar über sein 7. Album und das weltweit erste Falco-Feature

2014 ist Nazar Österreichs Rapper Nummer eins, der mit seinen letzten beiden Studioalben sowohl in Österreich auf Platz 5 bzw. Platz 2, als auch in Deutschland auf Platz 10 bzw. Platz 3 in die Albumcharts einstieg.

Nazar steht nicht nur vor der Kamera, sondern dreht auch Videos. Er dreht so gute Videos, dass seine Kollegen ebenfalls von ihm visuell in Szene gesetzt werden wollten. Sido, Fler, Farid Bang, Summer Cem, Genetikk, Marsimoto und viele weitere Top-Rapper des deutschsprachigen Marktes gehörten in den letzten Jahren zu seinen Kunden.

Am 22. August bringt Nazar sein neues Album ‘Camouflage’ auf den Markt. klatsch-tratsch.de konnte exklusiv in sein neustes Werk reinhören und Reporter Dennis hat sich mit dem Rapper über sein exklusives Feature mit Österreichs größtem Popstar aller Zeiten, Falco, Singen am Steuer und die Zeit in der Untersuchungshaft unterhalten.

Nazar, dein neues Album “Camouflage” steht in den Startlöchern.
Ja, das ist richtig. Features habe ich mit Sido, Celo & Abdi, Mark Forster und mit Falco. Der Albumtitel verrät schon sehr viel über das Album und die Inhalte. Viele Menschen, die mich vielleicht mal in einem Video oder einem Interview gesehen haben, haben sich aufgrund meines Aussehens voreilig ein Bild von mir gemacht. Die werden beim Durchhören des Albums ziemlich überrascht sein, weil es eigentlich nicht zu dem Aussehen passt, das ich habe. Das Album ist sehr facettenreich und spricht sehr viele unterschiedliche Themen und Stimmungen an. Wir haben acht Monate daran gearbeitet. Ich habe noch nie so lange an einem Album gearbeitet, deswegen ist es für mich das erste vollkommene Nazar-Album.

Auf Deinem Album ist ein Song mit dem 1998 verstorbenen Musiker Falco. Wie bist Du auf ihn gekommen? War er so ein Held deiner Kindheit?
Ja, natürlich. Ich bin Österreicher, da auch aufgewachsen und Falco ist der Vater aller Musiker aus Österreich. Jedes Kind ist mit seiner Musik aufgewachsen und er war für uns alle eine Legende, der Chef. Mich hat kürzlich der Organisator des Wiener Popfestes im Studio besucht und da haben wir uns unter anderem über Sido unterhalten. Der hat letztes oder vorletztes Jahr bei einem Festival in dieser Falco-Jacke ein paar Falco-Songs gerappt. Ich war damals auch da und habe das live gesehen. Das war cool das zu sehen und hat mich gefreut, andererseits habe ich dann gefragt: „Warum bekommt wieder ein Deutscher das Privileg als Erster so etwas zu tun? Warum eigentlich kein Österreicher?“ Dann meinte er so: „Keine Ahnung. Hast du Interesse Musik mit Falco zu machen?“ Klar, hatte ich das, aber das schien für mich Welten entfernt, so was überhaupt zu realisieren können. Der hat dann den Keyboarder und Bandleader von Falco angerufen und hat ihm erzählt, dass ich gerne einen Song mit Falco machen würde. Aber mit der Voraussetzung, dass das nichts sein darf, was die Leute schon kennen. Paar Tage später stand ich dann bei ihm im Studio und dann war das wirklich ein wochenlanger Prozess. Die waren halt auch wirklich sehr vorsichtig und wollten erst mal gucken, was ich da genau mache. Die bekommen ja täglich tausende Anfragen. Du musst dir vorstellen, ich bin das weltweit erste Feature mit Falco! Ich bin einfach froh, dass das geklappt hat und es ist ein überkrasser Song geworden. Wir haben übrigens im gleichen Studio und mit dem gleichen Mikrofon aufgenommen, mit dem damals Falco das aufgenommen hat.

Welchen Song von “Camouflage” feiert Deine Familie am meisten?
Schwer zu sagen, weil das Album sehr vielseitig ist. Da dürfte jeder von denen einen anderen haben. Meiner ist übrigens „Eines Tages“. Der bedrückt selbst mich noch all der Zeit. Man kennt ja diese Songs, die Rapper machen und „Eines Tages“ nennen. Da erzählen die dann, dass sie eines Tages im Lotto gewinnen, ihre Mamas glücklich machen, eines Tages wird alles besser, Kopf hoch Bruder und so eine Scheiße halt. Ich wollte aber einen Song namens „Eines Tages“ machen, der sehr viel negatives aussagt, was mir oder Leuten im allgemeinen eines Tages passieren könnte. Am Ende weiß man dann aber nicht, was ich davon ernst meine und was ich einfach nur sage, um zu schockieren.

Du bist seit kurzem bei Universal unter Vertrag. Was hat sich dadurch bei dir geändert?
Man könnte sagen, dass wir einen interessanten Pakt mit dem Teufel geschlossen haben. Die waren schon drei Jahre hinter mir her und ich bin stur geblieben, weil mir einige Konditionen nicht gepasst haben. Mein größtes Anliegen war, dass ich auch in Deutschland bei meinem Label Wolfpack bleiben kann. Schlussendlich sind sie darauf eingegangen. Ich sehe jetzt, dass ich gerade in Deutschland und Österreich so einige Türen geöffnet werden. Jetzt gibt es ein größeres Budget und viel mehr Kontakte wie früher, viele Plattformen und neue Vertriebswege haben sich eröffnet. Es ist nun so, als ob sich zwei mächtige Familien zusammenschließen und zusammen ihr Ding machen wollen, Das läuft bisher alles echt super.

Deine Musik polarisiert ganz raptypisch. Wie gehst du mit Hate-Kommentaren in sozialen Netzwerken um. Liest Du die überhaupt?
Meine Facebook-Seite lese ich die Kommentare tatsächlich, weil ich da auch oft auf Fragen von Fans eingehe. Ich bin schon lange dabei, das ist jetzt mein siebtes Album. Ich kann damit mittlerweile ganz gut umgehen. Im Internet ist alles anonym und da wachsen plötzlich kleinen Affen große Löweneier und da meinen dann einige Leute plötzlich – aus welchen Gründen auch immer – irgendwelche Scheiße schreiben zu müssen. Das trifft mich wirklich gar nicht. Ich muss aber auch sagen, dass ich froh bin, einer der wenigen Rapper zu sein, die sehr wenig Beleidigungen auf der Facebook-Seite haben.

Das ist mir auch aufgefallen. Bei einigen Rappern kann man sich bei Langweile Popcorn in der Mikrowelle machen und die ganzen Hasskommentare lesen. Das ist teilweise wie im Kino …
(lacht) Das stimmt. Ich denke, dass das stark damit zusammenhängt, was du in deiner Musik und was du als Person nach außen trägst. Wenn ich jetzt ein Typ wäre, der Musik macht, in der ich erzähle, dass ich 40 Mütter ficke und 1000 Leute beleidige, also meine Affeneier raushängenlassen würde, dann ist echt auch klar, dass sich kleine Kinder dann dazu berufen fühlen dich dann zu beleidigen.

Was läuft bei dir im Auto gerade für Musik?
Aktuell Sam Smith und immer noch das letzte Album von Drake. Das feiere ich zu Tode und das von A$AP Rocky. „Ghetto Symphony“ ist absolut mein Lieblingslied von ihm und liebe es allgemein. Momentan höre ich aber auch sehr viel Radio, weil ich gelegentlich auch vom HipHop ein bisschen abschalten muss und da hilft belanglose Radiomusik ganz gut.

Singst bei Sam Smith dann beim Autofahren auch mit?
Nein (lacht). Ich finde das aber immer witzig, wenn ich im Stau stehe und in andere Auto sehe, da sieht man dann meist Frauen, die mit tiefer Inbrunst und Gefühl diese Songs mitsingen. Ich feiere das immer voll, wenn ich das sehe. In meinem Fall wäre das nicht so gut wenn ich mitsingen würde. Das wäre für meine Fenster nicht so gut. Die würden möglicherweise zerspringen. Vor allem bei den hohen Tönen (lacht).

Du drehst neben deiner Musik auch Musikvideos für andere Künstler. Könntest du dir vorstellen auch so einen 90 Minuten Spielfilm zu machen?
Definitiv. Ich warte nur noch auf die passende Förderung, weil so ein Film ein paar Millionen kostet. Ich würde den dann schon nach meinen Vorstellungen machen, weil das ein Blockbuster werden sollte. Aktuell warte ich tatsächlich auf die Antwort von ein paar Filmförderungen aus Österreich. Wenn das hinhaut, dann kann man sich schon auf einen geilen Film gefasst machen. Ich habe bisher schon zwei Drehbücher geschrieben. Eins ist so ein Straßendrama und das andere ist ein Psychothriller.

Du bist früher gelegentlich mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Wie denkst du rückblickend darüber?
Es ist natürlich furchtbar, ständig mit der Angst zu leben, dass die Polizei zu dir nach Hause kommt. Ich habe früher echt viel Scheiße gebaut. Ich bin am Ende dann sogar noch unschuldig ins Gefängnis gekommen. Wobei treffender wäre: Für das, weshalb ich da vor Gericht stand, war ich tatsächlich unschuldig. Das war aber wohl das Karma, das ich in diesem Fall zurückbekommen habe, für das, was ich in meiner Jugend getan habe. Für die Sachen damals bin ich nie erwischt worden. Als es dann passiert ist und ich dann acht Wochen in Untersuchungshaft saß, hatte ich wirklich eine schlimme Zeit. Es hat sehr viel dazu beigetragen, wie ich heute bin. Ich bin seitdem viel ruhiger und gelassener und möchte auch nie wieder in diese Situation kommen.

Am Ende kam die Wahrheit ans Licht und du wieder frei. Dennoch ist das Lebenszeit, die nicht wiederkommt …
Du sagst es. Untersuchungshaft ist noch viel schlimmer, weil du da acht Wochen drin bist und der Prozess steht dir noch bevor. Du weißt ja nicht wie es ausgeht. Dann sitzt du auch noch unschuldig da, dir drohen 15 Jahre und du weißt, dass du das nicht getan hast. Du kannst nur beten, dass dieser Typ plötzlich vor dem Staatsanwalt die Wahrheit sagt. In meinem Fall war das so, dass der Typ sich in seinen Aussagen in Widersprüche verwickelt und zugeben hat, dass sie mich erpressen wollten um die Wahrheit zu sagen. Das hat mir den Arsch gerettet, aber diese acht Wochen kommen dir wie eine Ewigkeit vor.

Was hast du außer deinem neuen Album für dieses Jahr noch geplant?
Wir planen aktuell eine Tour und danach muss ich wirklich einen etwas längeren Urlaub machen. Ursprünglich war eigentlich der Plan, dass ich nach dem letzten Album ein Jahr Pause mache, aber dann ging das mit Universal wirklich so schnell und dann wollten die auch gleich unbedingt das Album machen. Ich war dann einen Monat nach dem letzten Album schon wieder im Studio für das neue Album. Es werden noch viele Dinge zu dem Album passieren, aber nach dem Album und nach der Tour werde ich eine Auszeit brauchen. In der Zeit werde ich mich dann vielleicht um meine Filmpläne kümmern. Seit drei Jahren will ich aber auch ein Buch – unter anderem auch über mein Leben – schreiben.

Fotos: Michael Breyer