Donnerstag, 21. August 2014, 20:07 Uhr

Knisternde Hochspannung in "Sag nicht, wer du bist!"

Mit erst 25 Jahren hat der Kanadier Xavier Dolan schon mehrere erfolgreiche Filme gedreht: Nun folgt ‘Sag nicht, wer du bist!’ – mit knisternder Erotik und vibrierender Spannung. Alfred Hitchcock lässt grüßen!

Welche mörderischen Folgen es haben kann, wenn die Liebe von Lügen vergiftet wird – das zeigt Xavier Dolan in seinem Drama. Mit dem im Vorjahr auf dem Filmfestival Venedig ausgezeichneten Film kommt nun einer der spannendsten Erotik-Thriller der vergangenen Jahre in die deutschen Kinos. Dolan erzählt darin eine von Begehren und Lust, Trieb und Verrat geprägte Geschichte.

Und darum geht’s: Der junge Tom aus Montreal (auch gespielt Xavier Dolan) fährt aufs Land, um am Begräbnis seines verunglückten Lovers teilzunehmen. Als er beim einsamen Hof der Familie eintrifft, wird er von niemandem erwartet. Die Mutter Agathe (Lise Roy) weiß noch nicht einmal, dass ihr Sohn schwul war. Und der ältere Bruder Francis macht ihm blitzschnell klar, dass das so bleiben muss. Überrumpelt gibt Tom nach – und lässt sich auf ein seltsames Spiel mit dem unberechenbaren Heißsporn ein, das ihn von Tag zu Tag mehr in seinen Bann zieht … Klar, dass derlei Lust unter der Last der Lügen leidet.

Der Film fesselt allein schon durch die ungemein spannungsgeladene Story. Hinzu kommt die faszinierende Erzählweise. Mit ihr erweist sich der Kanadier Xavier Dolan als kreativer Erbe von Alfred Hitchcock. Wie einst in den Meisterwerken, etwa ‘Vertigo’ und ‘Psycho’, so baut auch Dolan nicht auf brutale Darstellungen, sondern auf die Fantasie des Publikums. Der Thrill erwächst nicht aus dem, was zu sehen ist, sondern aus dem, was nicht zu sehen ist.

In einer Schlüsselszene zum Beispiel erblicken die Zuschauer das offenbar von Angst gequälte Gesicht Toms. Es sieht ganz danach aus, als werde er gerade erwürgt. Der Tod scheint greifbar. Doch dann wird klar, dass die Kamera einen Akt der Wollust beobachtet. In Momenten wie diesen erreicht die Adaption eines Theaterstücks eine schier nervenzerreißende Intensität.

Als Regisseur hält Xavier Dolan bis zum Ende einen minimalistischen Stil durch. Weder bombardiert er die Kinobesucher mit optischer Wucht, noch setzt er auf die Verführung durch ohrenbetäubende Musik. Der Schrecken schleicht auf leisen Sohlen umher und sieht ganz alltäglich aus. Gerade dadurch kann sich jede Kinobesucherin und jeder Kinobesucher völlig unabhängig von der eigenen sexuellen Orientierung in dieser Geschichte wiederfinden.

Der Sog des Films resultiert in hohem Maße auch aus der schauspielerischen Präsenz. Dolan hat sein exzellentes Ensemble zu einer Höchstleistung geführt. Dadurch gelingt es, in wunderbar leisen Szenen das Knistern von Verlangen und Verzicht zu offenbaren. Zu einem Schlüsselmoment wird zum Beispiel ein Tango in einer Scheune. In Momenten wie diesem entfacht der Gegensatz von kühler ländlicher Umgebung und angestauter Hitze des Begehrens einen wirklich explosiven Thrill.

Seit seinem Spielfilmdebüt ‘Ich habe meine Mutter getötet’ vor fünf Jahren wird Xavier Dolan weltweit von den Kritikern als Wunderkind gefeiert. Mit seinem jetzt vierten Spielfilm erfüllt er alle damit verbundenen Erwartungen aufs Beste.

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Der 25-jährige überzeugt als Regisseur, Mitautor des Drehbuchs, Cutter, Kostümbildner, Produzent und Hauptdarsteller. Ein Triumph. Der wird dadurch gekrönt, dass sich ihm damit die Türen Hollywoods geöffnet haben: Sein US-amerikanisches Debüt bereitet er gerade vor. (Peter Claus, dpa/KT)