Montag, 25. August 2014, 19:02 Uhr

Das gibt's doch nicht: In Dresden steht ein Elch auf dem Flur

Dutzende Handykameras werden gezückt, Scherzworte machen die Runde. „Ich glaub, mich knutscht ein Elch!“, ist zu hören. Oder auch: „Da steht ein Elch auf dem Flur“.

In der Kantine eines Bürogebäudes im Dresdner Westen gibt es an diesem Montag nur ein Thema: der Elch, der nur wenige Meter weiter im Foyer steht – und feststeckt. Eingeklemmt zwischen Wand und Glasscheibe.

Steffen Burkhardt war gerade auf dem Weg zum Mittagessen, als draußen vor dem Glasfenster ein Elch vorbeispazierte. „Angelockt vielleicht von den Essensgerüchen“, vermutete der 47-Jährige, der sein Büro im 5. Stock hat. Zwar sei er schon viel gereist, aber einen Elch in freier Wildbahn, das habe er noch nicht gesehen.

Das etwa zwei bis drei Jahre alte Tier flüchtete sich am Montag in das Verwaltungsgebäude eines Konzerns. Es brach auf seiner Flucht vor Menschen durch die Tür des verglasten Bürogebäudes und strandete schließlich in der Eingangshalle. „Das ist ein Zeichen von Panik, er weiß nicht mehr wohin“, sagte ein Sprecher des Staatsbetriebes Sachsenforst.

Der Elch wurde am vergangenen Freitag erstmals im nahen Radebeul gesichtet, anschließend durchschwamm er laut Feuerwehr die Elbe und wanderte weiter Richtung Stadt. Am Montag graste er unweit des Industriegeländes. Als Polizei und Schaulustige anrückten, nahm er Reißaus.

Stundenlang stand der Elch, eingesperrt von Polizei und Feuerwehr, neben der kaputten Tür und schaute hinaus. „Wie in einem Schaufenster“, sagte ein Zuschauer. Das Tier bewegte sich kaum, scheinbar unbeeindruckt von den zahlreichen Beobachtern. Das Spektakel hatte einen Menschenauflauf verursacht, der Bereich vor dem Haus war abgesperrt, aus den oberen Etagen verfolgten Angestellte die skurrile Szenerie.

Auch Steffen Keller vom Umweltzentrum Dresden war vor Ort. Am Montagmorgen war er auf dem Gelände der Dresdner Kläranlage nahe der Elbe unterwegs, als er plötzlich einen Elch sah – und seinen Augen kaum traute. Als er sich dem Tier vorsichtig nähern wollte, sprang es über einen etwa zwei Meter hohen Zaun. „Der Bulle ist jung und kräftig.“ Vermutlich stamme der Elch aus Polen oder Tschechien. Es sei nicht ungewöhnlich, dass gerade Jungbullen auf der Suche nach einem neuen Revier weite Strecken zurücklegten, sagte Keller.

Auch die Polizei geht davon aus, dass das Tier in freier Wildbahn lebt. Zumindest wurde kein Tier aus einem Gehege als vermisst gemeldet, erklärte ein Sprecher. Nach Angaben des Sachsenforst kommt es immer mal wieder vor, dass junge Elche aus Polen auf Wanderschaft über die alten Elchpässe bis Dresden gelangen. Sie müssen weg, wenn die Alt-Elche Nachwuchs bekommen und sich Familienverbände neu sortieren. Der letzte „Auftritt“ eines Elchbullen in Sachsen liege Jahre zurück. „Der verschwand irgendwo bei Altenberg“, sagte ein Sachsenforst-Sprecher

Auch 2001 hatte sich schon einmal ein Elch nach Dresden verirrt: Das Tier wurde in einem Garten entdeckt und mit einem Betäubungsgewehr narkotisiert – zog sich jedoch bei einem Sprung über einen Stahlgitterzaun tödliche Verletzungen zu.

Auch deshalb entschieden sich Experten vom Zoo sowie Polizei und Feuerwehr zunächst gegen eine Betäubung. „Zu groß ist die Gefahr, dass das Tier in Panik gerät und sich oder andere verletzt“, erklärte ein Polizeisprecher. Um das Tier aus seiner misslichen Lage zu befreien, wurde nach gut drei Stunden ein großer Baucontainer direkt vor dem Foyer aufgebaut. Berge von Blättern sollten das Tier hineinlocken. Ist die Mission erfolgreich, soll der junge Elch zunächst in den Dresdner Zoo gebracht werden und dort auch ein neues Zuhause finden.

Das Tier wieder in die freie Wildbahn zu entlassen, ist nach Einschätzung der Polizei zu gefährlich. Die mehrere hundert Kilogramm schweren Tiere könnten schnell zur Gefahr werden, wenn sie sich in die Enge gedrängt fühlen, hieß es. Auch für Autofahrer könne ein Zusammenstoß tödlich enden. (Christiane Raatz und Simona Block/dpa)