Mittwoch, 27. August 2014, 18:56 Uhr

4000 Jahre alter Kampfsport wird zum TV-Hit in Indien

Seit Hunderten von Jahren stehen sich auf staubigen Erdplätzen im Süden Asiens junge Männer-Teams gegenüber, mit nacktem Oberkörper und barfuß. Sie springen aufeinander zu, tackeln, ringen, klammern, werfen sich zu Boden.

Doch in den vergangenen Jahrzehnten spielten die meisten Inder den Sport namens Kabaddi nur noch in ihrer Kindheit, dann verlor er für sie an Bedeutung. Bis nun das indische Fernsehen die uralte Kampfsportart für sich entdeckte.

Kabaddi sei wie für den Bildschirm gemacht, meint der eingefleischte Fan Aakar Patel: konstante Action, körperbetont und nur zweimal 20 Minten lang. Ganz anders also als Kricket, die Nationalsportart Indiens, dessen Spiele mehrere Stunden oder sogar Tage dauern. Und bei dem der Über-Held Sachin Tendulkar – laut Patel «unfit und pummelig» – allein mit seinem Talent Punkte holen konnte.

Nun gibt es gleich zwei professionelle Kabaddi-Ligen, eine internationale, die jüngst in London startete, und eine indische, in der am Sonntag das Finale ausgetragen wird. Viele Filmstars aus Bollywood und zahlreiche Milliardäre in Mumbai lieben den Sport. “Es sieht ziemlich faszinierend aus”, twitterte Superstar Amitabh Bachchan. Sein Schauspieler-Sohn Abhishek Bachchan und Stahl-Unternehmer Rajesh Shah besitzen gleich ein ganzes Team.

Die TV-Zuschauer sind ebenfalls hin und weg. Am ersten Tag der nationalen Pro Kabaddi League schauten laut dem Sender Star India 22 Millionen Menschen in Indien zu – das waren zehnmal so viele wie beim ersten WM-Fußballspiel in Brasilien. In den ersten Übertragungswochen schlug Kabaddi demnach alle Sportübertragungen außer Kricket.

Plötzlich tauchten selbst in feinen, mit Blumenbeeten ausgelegten Parks in der Hauptstadt Neu Delhi Kabaddi-Ringer auf. «Wir haben das früher als Kinder auf dem Land gespielt und wollten es mal wieder ausprobieren», sagt einer der jungen Männer im Lodhi Garden.

Das Ganze geht in der Pro-Kabaddi-Version so: Auf einem Feld, etwa ein halbes Basketballfeld groß, stehen sich jeweils sieben Spieler gegenüber. Ein Räuber geht auf die gegnerische Seite, wo er einen Spieler mit irgendeinem Körperteil berühren muss. Der Angriff darf nur einen Atemzug lang dauern. Um dem Schiedsrichter zu zeigen, dass er keine Luft holt, muss der Räuber ununterbrochen «Kabaddi! Kabaddi!» skandieren.

Die Gegner versuchen, entweder nicht abgeschlagen zu werden oder den Räuber nach der Berührung so zu fixieren, dass er atmen muss, ehe er die Linie zurück überqueren kann. Das sieht dann oft aus wie beim Rugby. “Das Spiel ist total actionreich, und wir zeigen es aus nächster Nähe, aus vielen Kamera-Perspektiven”, sagt Raman Rajeha, Geschäftsführer der internationalen Wave World Kabaddi League. “Damit erreichen wir die jungen Zuschauer sehr gut.”

Der Sport passt außerdem in eine Zeit, in dem viele Inder gerne wieder stolz auf ihr Land wären und die kulturellen Errungenschaften ihrer Vorfahren preisen. Rajeha behauptet, der Sport sei 4000 Jahre alt, schon im alten Epos Mahabharata erwähnt und sogar von Lord Buddha gespielt worden. “Das ist ein einheimischer, ein indischer Sport. Nicht wie Kricket, das erst von den Engländern hierher gebracht wurde.” (Doreen Fiedler, dpa)

Foto: Pro Kabaddi League