Dienstag, 16. September 2014, 17:50 Uhr

Zum Start von Netflix in Deutschland: "Klassisches Fernsehen wird aussterben"

Der US-Videodienst Netflix will den deutschen TV-Markt aufmischen. Er wolle in fünf bis sieben Jahren Kunden in jedem dritten deutschen Haushalt haben, sagte Gründer und Chef Reed Hastings der dpa zum Deutschland-Start des Dienstes am Dienstag.

Netflix bietet einen Videostreaming-Dienst an, bei dem Filme und Serien für eine monatliche Abo-Gebühr direkt aus dem Internet abgespielt werden. In den USA ist Netflix der Platzhirsch in diesem Geschäft. In Deutschland trifft die kalifornische Firma auf mehrere etablierte Rivalen. Der Anbieter Maxdome aus dem TV-Konzern ProSiebenSat.1 gilt als die Nummer eins mit rund 35 Prozent Marktanteil im vergangenen Jahr.

Gründer und Chef Reed Hastings erklärt in einem dpa-Interview, wie er den deutschen Markt angehen will.

Warum haben Sie so lange nach Deutschland gebraucht?
Es ist teuer. Man braucht Inhalte. Wir haben uns über andere Länder vorgearbeitet. Jetzt ist die richtige Zeit.

Inzwischen bevölkern aber mehrere Rivalen den deutschen Markt. Sind Sie spät dran?
Die meisten Nutzer abonnieren mehrere Dienste. Wir sehen das nicht als eine Entweder/Oder-Situation.

Wie unterscheidet sich der deutsche Markt von anderen, in denen Sie bisher gestartet sind?
Die Deutschen wollen mehr Kontrolle über das TV-Erlebnis. Es gibt viel weniger Set-Topboxen als in anderen Ländern. Überraschend viele Menschen akzeptieren das klassische lineare TV mit festem Startzeiten.

Wen sehen Sie hauptsächlich als Konkurrenten: Das klassische Fernsehen oder andere Streaming-Dienste?
Die wichtigste Frage ist: Was machen Sie zur Entspannung, wenn Sie am Abend nach der Arbeit zu Hause sind. Gehen Sie joggen? Spielen Sie ein Spiel? Schauen Sie Fernsehen? Oder Netflix? Es gibt eine riesige Auswahl an Möglichkeiten und entsprechende Konkurrenz und die Zeit der Menschen.

Und doch für Sie konkret?
Wir würden kein einzelnes Unternehmen hervorheben. Das herkömmliche lineare Fernseher ist sicherlich ein zentraler Rivale. Aber dann auch die Internet-Piraterie unter jüngeren Nutzern.

Wird klassisches lineares TV aussterben?
Ja, auf jeden Fall. Ich schätze, über einen Zeitraum von 20 Jahren. Selbst Sport-Übertragungen werden dann über Apps aus dem Internet laufen. Sie werden Kamera-Perspektiven aussuchen und sich auf einzelne Spieler oder Teams konzentrieren können.

Heißt das, wir werden irgendwann eine Fußball-WM bei Netflix sehen?
Nein, das ist zu teuer. Der Wettbewerb um die Sportrechte ist zu heftig. Wir konzentrieren uns auf längere Zeit auf Filme und Serien.

In Deutschland bekommen die Zuschauer viel mehr frei empfangbares TV geboten als in vielen anderen Ländern. Für viele ist es seit Jahrzehnten üblich, sich um 20.15 Uhr ein Fernsehprogramm auszusuchen. Wie wollen Sie dagegen ankommen?
Früher war es auch üblich, Pferde als Fortbewegungsmittel zu nutzen – und dann haben die Menschen festgestellt, dass es mit Autos viel bequemer ist. Genauso gehen wir davon aus, dass sich der Komfort, nicht mehr vom Fernsehprogramm abhängig zu sein, durchsetzen wird.

Im Netflix-Programm finden sich zum Start neben exklusiven Inhalten auch viele Filme und Serien, die man bei anderen Anbietern zu sehen bekommt. Haben Sie genug einzigartiges Programm, um sich abzuheben?
Ich glaube, ja. In jedem Markt versuchen wir, nach dem Start besser zu werden. Wir lernen daraus, was die Menschen gerne sehen und fügen dann entsprechend Inhalte hinzu. Wir haben auch ein Auge darauf, welche Raubkopien über Dienste wie Bittorrent heruntergeladen werden.

Ist es ihr Ziel, die Marktführung zu übernehmen?
Es geht nicht so sehr darum, ob man Erster, Zweiter oder Dritter ist. Wir haben in den USA etwa ein Drittel der Haushalte als Kunden. Wir hoffen, in Deutschland diese Marke in fünf bis sieben Jahren zu erreichen.

Haben Sie europäischen Datenschutz-Sorgen nach den Snowden-Enthüllungen berücksichtigt?
Wir haben unsere Europa-Zentrale in den Niederlanden angesiedelt, einem Land, das wie Deutschland strikte Datenschutz-Bestimmungen hat. Wir verkaufen keine Werbung und keine Daten der Nutzer an Anzeigen-Netzwerke. Wir nutzen die Informationen nur dazu, die Empfehlungen zu personalisieren.

Wie haben Sie die Serie ‘House of Cards’ ins Programm bekommen, die Rechte für die doch eigentlich an andere Anbieter verkauft worden waren?
Es war nur eine Frage des Geldes.

Werden Sie auch eigene Inhalte in Deutschland produzieren?
Auf jeden Fall. Es ist Teil unseres Vorgehens. In den nächsten paar Jahren werden wir zunächst den Markt besser kennenlernen.

Vielleicht eine Art ‘Tatort’ aus dem Hause Netflix?
Wir werden sehen.

Haben Sie schon einmal einen ‘Tatort’ gesehen?
Nein.

Viele Filme auch in ihrem Angebot sind schon mehrere Jahre alt, ist es absehbar, dass die Rechteinhaber neue Blockbuster schneller in Streaming-Dienste lassen?
Sie machen es, wenn wir ihnen genug Geld bezahlen. Dafür brauchen wir Größe am Markt, um mehr Geld für Gebote zu haben.

Würden Sie auch den Kauf von Konkurrenten ins Auge fassen, um schneller mehr Gewicht und Geld zu bekommen?
Wir haben in 15 Jahren keine solchen Zukäufe gemacht und haben das auch nicht vor.

Interview: Andrej Sokolow, dpa, Fotos: Netflix