Samstag, 04. Oktober 2014, 11:25 Uhr

Joey Kelly reiste ohne Geld quer durch Amerika

Joey Kelly probierte mal wieder etwas Neues aus. Er schlägt sich ohne Geld durch Nordamerika durch: Sobald sich die Dunkelheit über den Strand von Santa Monica senkt, kommen die Menschen hierher, die ein Versteck brauchen. Junkies, illegale Einwanderer, Frischverliebte. Inmitten dieser unruhigen Gesellschaft liegt Joey Kelly in seinem Schlafsack unter einem umgedrehten Holzboot und versucht zu schlafen.

Es ist der erste Abend seines USA-Experiments: Ohne eigenes Geld, mit Schlafplätzen ausschließlich unter freiem Himmel und sieben verschiedenen Fortbewegungsmitteln will der Musiker und Extremsportler Amerika durchqueren, vom Strand in Los Angeles bis zur Freiheitsstatue in New York. Warum er sich diese Regeln gesetzt hat? “Abenteuer” lautet die simple Antwort des 41-Jährigen. Seine Erfahrungen bei dem Extrem-Trip hat er aufgeschrieben, das Buch ‘America for Sale’ ist Anfang Oktober erschienen.

USA-Durchquerungen sind bei Profi- und Hobbysportlern gleichermaßen beliebt, häufig auch um für einen guten Zweck zu werben. Eine Gruppe von Läufern unter dem Namen Race across the USA will sich zum Beispiel ab Januar auf den Weg von Küste zu Küste machen, um dabei auf Übergewicht von Kindern aufmerksam zu machen. Beim Fahrradrennen Race Across America legen jährlich Tausende Teamwettbewerber und Einzelkämpfer eine etwa 4800 Kilometer lange Strecke von Kalifornien an die Ostküste der USA zurück, die schnellsten von ihnen in weniger als sechs Tagen.

An diesem Rennen hat auch Joey Kelly bereits zwei Mal teilgenommen. Kelly bezeichnet sich selbst als “sportlichen Musikanten”. In den 90er Jahren war er mit der Kelly Family, einer Band bestehend aus ihm und seinen zahlreichen Geschwistern, erfolgreich. Danach konzentrierte er sich hauptsächlich auf sein anderes Hobby, den Extremsport. Nicht nur Musik und Sportlichkeit nützten ihm bei seinem USA-Trip, er bewies auch ein weiteres Talent: Die Fähigkeit, das Vertrauen fremder Menschen zu gewinnen, so dass sie ihm schon nach kurzer Zeit ihre Lebensgeschichte erzählen, ob sie stolz darauf sind oder nicht.

Zum Beispiel der 32-jährige Obdachlose Bradley, den Kelly in Baltimore trifft. Nach einem Rückfall in die Drogenabhängigkeit wurde Bradley von seiner Freundin vor die Tür gesetzt. Kelly entlockt ihm, dass der reiche Vater Bradley und dessen Mutter sitzen ließ, der junge Mann trotz Ausbildung in die Abhängigkeit geriet und inzwischen auch zu seiner Mutter keinen Kontakt mehr will, weil er sich schämt. Eindringlich schildert Kelly die Geschichte in seinem Buch. Es falle ihm leicht, mit Fremden ins Gespräch zu kommen, sagt der Musiker. Sein Trick sei, den Spieß umzudrehen, schließlich sei auch er auf seiner Reise auf Hilfe angewiesen gewesen. “Außerdem kenne ich das Leben auf der Straße.”

1985 war Kelly, damals zwölf Jahre alt, schon einmal in die USA gekommen, weil Vater Dan Kelly mit seinen Kindern dort den musikalischen Durchbruch schaffen wollte. “Als ich jetzt wieder diese Orte besucht habe, wurde ich an diese ungewöhnliche Zeit erinnert. Die Philosophie meines Vaters war: Wir wollen frei, ohne Angst leben.” Das bedeutete aber auch, dass die Kinder nicht in die Schule gingen, sondern jeden Tag auf der Straße musizierten. Nachts suchten sie sich billige Schlafplätze, wie beispielsweise ein Motelzimmer für die ganze Familie. “Es war eine schwierige, harte Zeit, aber vom Familienzusammenhalt her war es sehr schön”, sagt Kelly heute.

Der Musiker hat es tatsächlich geschafft, sich ohne Geld in weniger als drei Wochen von Los Angeles bis nach New York durchzuschlagen, mal sportlich auf dem Fahrrad, mal als Anhalter. Essen verdiente er sich mit Musik oder Kartoffelschälen, häufig auch durch Spenden. “Es gibt wirklich keinen höheren Sinn dabei”, gibt Kelly zu. Aber eine normale Reise wäre langweiliger und weniger erlebnisreich gewesen. “Mein Konzept hat sehr gut funktioniert.” Deshalb überlegt er schon, in den kommenden Jahren auf die gleiche Art und Weise ein neues Projekt anzugehen: In 80 Tagen um die Welt. (Friederike Frantz, dpa)

Fotos: Thomas Stachelhaus