Samstag, 11. Oktober 2014, 20:42 Uhr

Chadwick Boseman ist James Brown: "Ich fühlte mich selbst wie ein Rockstar!“

„The Godfather of Soul“, „Mr. Dynamite“, „Sex Machine“, „The Minister of the New New Super Heavy Funk“ – James Brown hatte viele Namen. Der 2006 im Alter von 73 Jahren verstorbene Sänger revolutionierte die Musik. Jetzt kommen sein Leben und seine Hits ins Kino! In dem von Mick Jagger koproduzierten Biopic „Get On Up – Die James Brown Story“, das jetzt n die deutschen Kinos kam, verkörpert Chadwick Boseman den Sänger und Tänzer auf authentische Weise. klatsch-tratsch.de hat den 32-Jährigen, der wie Brown in South Carolina geboren wurde, im Hotel Ritz-Carlton in Berlin getroffen.

Mr. Boseman, Mick Jagger sagt über Sie: „Er spielt James Brown nicht, er ist James Brown!“ Ich möchte ihm da beipflichten.
Danke! Ich habe versucht, mein Verständnis von James Brown zu vermitteln und seine Energie so zu bündeln, dass auch andere ihn verstehen. Dazu gehörte auch, sich in seine Denkweise hineinzuversetzen und das eigene Ich darüber zu vergessen.

James Brown war ein vielschichtiger Charakter. Seine dunkle Seite mit Drogenexzessen und Gewalttätigkeiten ist überliefert. Wie haben Sie dem im Film Rechnung getragen?
Ich habe mich konzentriert auf die Entscheidungen, die James Brown für sein Leben traf. Ob die gut oder schlecht waren, habe ich gar nicht erst versucht zu analysieren. Ich musste Mitgefühl für ihn aufbringen, um bestimmte Handlungen von ihm zu verstehen. Ich habe ihn nicht dafür verurteilt, wer er war. Ich hatte mit Nelsan Ellis, Viola Davis und Dan Aykroyd Kollegen an meiner Seite, die es mir einfach machten, diese Seite von ihm zu verkörpern. Wir hätten davon im Film natürlich noch jede Menge mehr zeigen können, aber dafür reichte die Zeit nicht. Der Film soll in erster Linie das Genie zeigen, das James Brown war.

Rührten der unglaubliche Antrieb und Ehrgeiz, den James Brown an den Tag legte, von seiner Problem beladenen Kindheit?
Ja, das denke ich. Seine Familie war arm und zerrüttet. Es gibt da auch so einige Mythen. Zum Beispiel die Geschichte, dass er tot geboren wurde, aber seine Tante ihn nicht aufgeben wollte und ihn immer wieder mit dem Mund beatmete, bis er plötzlich doch noch anfing zu schreien. Er hatte demnach von Anfang an nichts zu verlieren und war ein besonderes Kind. An dieser Idee hielt auch James Brown selbst immer fest. Ich habe also versucht, die Attitüde rüberzubringen, dass er dazu bestimmt war, etwas Großartiges zu schaffen. Auf gewisse Weise hat seine Geschichte etwas von einem Propheten aus dem Alten Testament. James Brown war zwar nicht perfekt und kein Jesus, als Mensch hatte er viele Risse, aber dennoch war er wie Samson aus der Bibel: Er wusste, er hatte eine Bestimmung auf Erden und der folgte er.

War Browns Familie in den Film involviert?
Seine Familie war die ganze Zeit am Drehset dabei! Browns Enkelsohn wurde von Tate Taylor, dem Regisseur des Films, zu seinem persönlichen Assistenten ernannt. Und Browns Neffe hat die Bandmitglieder in Mississippi und Louisiana angeheuert und war bereits in die Proben der Konzertszenen miteingebunden. Wir haben viel mit seiner Witwe gesprochen, seiner Ex-Frau, seinen Töchtern Deanna und Yamma. Sie alle haben das Drehbuch gelesen und abgenickt. Auch deshalb hat der Film viel Authentisches. Und nicht zuletzt hat die Familie auch der innovativen Gestaltung des Films mit den für einen Biopic recht ungewöhnlichen Kameraperspektiven und vielen Rückblenden zugestimmt.

Die historisch bedeutendste Szene ist die vom 4. April 1968, als James Brown darauf besteht, sein Konzert in Boston zu geben, obwohl Martin Luther King jr. nur wenige Stunden vorher bei einem Attentat ums Leben gekommen war.
Es war mir unglaublich wichtig, die Szene richtig hinzukriegen! Besonders, weil es so viele hitzige Debatten darüber gibt, was damals genau passierte und ob es beim Konzert tatsächlich Unruhen gegeben hat. Feststeht, dass James Brown gegen allen Widerstand an dem Abend auf die Bühne ging, um der Stadt friedlich durch die Nacht zu helfen. Er hatte das Gefühl, dass die Gefahr von Ausschreitungen höher wäre, wenn er seinen Gig absagen würde. Während der Show gab es dann Missverständnisse zwischen Polizei und Besuchern. Brown vermittelte und besänftigte von der Bühne aus und sorgte dafür, dass die Situation nicht eskalierte. Die Dynamik des Moments richtig hinzubekommen, fand ich sehr wichtig. Der Regisseur hat mir später gesagt, dass es der Drehtag war, an dem ich am Angespanntesten und Konzentriertesten war. Ich wollte einfach sicher gehen, dass ich die Dynamik dieses denkwürdigen Abends auf die richtige Art präsentiere.

Zum Kinostart von “Get On Up”: Diese Stars hat James Brown beeinflusst

Sie haben im Film alle Tanzszenen selbst ausgeführt. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Ich hatte fünf Tage die Woche jeweils fünf Stunden Tanzproben! Später sogar bis zu acht Stunden, weil wir alle Konzertszenen möglichst authentisch rüberbringen wollten. Ich bin nach Hause gegangen und habe weitergetanzt und mir viele Konzertmitschnitte von James Brown angesehen. Es ist alles eine Sache der Übung.

Hat die extravagante James-Brown-Garderobe, die Sie im Film tragen, bei der Verwandlung geholfen?
Absolut. Bei den Proben am Drehort in Mississippi habe ich nur noch in Kostüm getanzt. Der Choreograf wollte, dass ich fühle, wie es ist, so angezogen zu sein. Sweatshirt und Jeans geben dir nicht dasselbe Gefühl. Bei vielen von Browns Bewegungen geht es ums Funkeln – so wie auch sein Schmuck und seine Klamotten funkelten. Am Ende habe ich mich selbst wie ein Rockstar gefühlt.

Können Sie etwas von den sexy Moves in Ihren Alltag einbinden?
Ha! Sie meinen, um die Ladies zu beeindrucken? Nun, wenn ich in einen Club gehe, dann mach ich schon mal eine Drehung à la James Brown. Sie werden aber nicht erleben, dass ich auf der Tanzfläche seinen Spagat hinlege. Das wäre mir dann doch etwas zu viel des Guten.

Die Soul-Sängerin Jill Scott spielt im Film mit, „Blues Brother“ Dan Aykroyd, Mick Jagger war als Produzent oft am Set zugegen. Wie ist das, wenn man so viele Musiklegenden um sich hat und selbst nur eine spielt?
Das kann am Anfang schon einschüchtern. Aber sie haben mir nicht reingeredet, sondern mich wo sie konnten unterstützt. Und Mick Jagger gab mir die meisten Tipps schon, bevor wir anfingen mit dem Dreh. Gerade auch, was das Auftreten von Brown in der Öffentlichkeit betraf. Mick hat uns auch den Choreografen vermittelt, weil er mit ihm schon vorher gearbeitet hatte.

Mick Jagger hat sich selbst viele Bühnenbewegungen bei James Brown abgeguckt!
Das würde er auch sofort zugeben! Aber er hat seine eigene Version daraus gemacht.

Hat sich die Szene, wo der blutjunge Mick Jagger staunend beim Liveauftritt von James Brown zuguckt, auch in der Realität so zugetragen?
So ähnlich. Es war schon Konkurrenz mit im Spiel, als sowohl James Brown so wie auch die Rolling Stones 1964 bei den Teenage Awards auftreten sollten. Mick Jagger kannte James Brown allerdings schon vor besagter „T.A.M.I.“-Show. Er hatte einige seiner Konzerte im Apollo Theater besucht, war Backstage und hatte ihn getroffen. Er war gerade mal 19 Jahre alt und schaute auf zu dem Mann Anfang 30, der bereits etabliert war, sein Publikum meisterhaft im Griff hatte und seine Band zu dirigieren wusste. Er lernte viel von ihm. Die beiden mochten sich. Als dann später die Rolling Stones als Headliner für die „T.A.M.I.“-Show auserkoren wurden, und nicht Brown, dachte der sich natürlich: „Hey, das ist doch der Junge, der mein Fan war!“ Er drehte auf der Bühne richtig auf. Und für Jagger war es so, als würde er vor seinem Mentor spielen. Ich bin mir nicht sicher, ob Brown nach seiner legendären Performance wirklich zu Jagger sagte: „Welcome to America!“ Aber in der Essenz hat es sich so zugetragen.

Mick Jagger scheint heutzutage besessen von Ihnen zu sein: Er postet ständig Fotos von Ihnen beiden auf Facebook!
Wirklich? So was kriege ich nicht mit, weil ich im Internet nicht so aktiv bin. Aber Mick Jagger hat sich unglaublich engagiert für den Film, ist zu diversen Festivals mit uns gereist, um ihn vorzustellen. Für mich war es immer surreal, so viel Zeit mit der lebenden Legende zu verbringen!

Sind Sie besessen von James Brown?
Während des Drehs war ich das auf alle Fälle! Jetzt, wo es schon einige Monate her ist, empfinde ich eine tiefe Bewunderung für ihn. Und ich liebe seine Musik, ich werde nie müde, sie zu hören. Auch der Soundtrack zum Film ist ein Beleg für die Genialität von James Brown, ohne den es Rock, Soul, HipHop und R’n’B in der heutigen Form nicht geben würde. Der einzige Grund, warum ich mir jüngst einen Monat lang jegliches Hören von seinen Songs verboten habe, war, damit ich den Film und die Rolle abhaken kann und in der Lage bin, mich auf neue Sachen einzulassen. Aber ich werde James Brown nie überdrüssig sein!

Auf dem Soundtrack sind ziemlich viele Live-Aufnahmen enthalten, was eigentlich ungewöhnlich ist für eine Best Of-Sammlung.
Die Live-Versionen waren wichtig für den Film, aber auch für James Brown selber. Die Studioaufnahme war ihm nicht genug. Er wollte die Energie und die Reaktion des Publikums einfangen. Er wollte immer, dass die Leute ihn live sehen, deshalb hat er auch seine „Live At The Apollo“-Aufnahmen herausgebracht. Live haben seine Lieder mehr Tempo. Wenn man einen Song wie „Please, Please, Please“ in der Live-Version hört, denkt man, es handle sich um einen völlig anderen Song. Browns Fans wertschätzen das.

Was ist Ihr Lieblingslied von James Brown?
Eines? Ich habe Dutzende! Aber wenn ich mich auf drei Favoriten festlegen müsste, wären das „Cold Sweat“, „Lost Someone“ und „It’s A Man’s Man’s World“.

„Get On Up“ – Die James Brown Story – Der Soundtrack erschien. am 10 Oktober bei Universal. Interview: Katja Schwemmers