Sonntag, 12. Oktober 2014, 14:49 Uhr

"Tatort" nach Tarantino-Art mit 47 Leichen schon jetzt als Hit des Jahres gefeiert

William Shakespeare und Sergio Leone, François Truffaut und Quentin Tarantino, Ludwig van Beethoven und Vincent van Gogh: Der neue ‘Tatort’ ‘Im Schmerz geboren’ mit Ulrich Tukur strotzt nur vor Anspielungen und Zitaten aus Theater, Film, Musik und Kunst.

Ein Erzähler (Alexander Held), zugleich Bösewicht, führt nach der Manier des antiken Theaters die Zuschauer durch den Film – einem Rachefeldzug im Geiste Shakespearischer Dramen. Die Produktion des Hessischen Rundfunks (hr) mit dem Titel ‘Im Schmerz geboren’ ist an diesem Sonntag um 20.15 Uhr in der ARD zu sehen.

Außer der Titelmelodie erinnert in dem vierten Fall von LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) kaum etwas an das übliche Format der beliebten Krimireihe. Zwei Auszeichnungen hat das ambitionierte Experiment bereits erhalten: Den Medienkulturpreis von Ludwigshafen und den Bernd-Burgemeister-Fernsehpreis des Filmfests München. “Packendes Fernsehen, das für Diskussionsstoff sorgen wird”, befand die Jury in München. 47 Menschen sterben – ein Rekord. Gleich die ersten drei werden wie in einem Film des Kultregisseurs Quentin Tarantino umgebracht, vor einer Kulisse, die an Sergio Leones Italowestern ‘Spiel mir das Lied vom Tod’ erinnert. Doch besonders brutal oder blutig ist der mit Slapstick gespickte ‘Tatort’ nicht, obgleich der Erzähler gleich zu Beginn mahnt: “Schickt die Kinder rasch zu Bette”.

Und darum geht’s: Die Handlung ist erzählt wie in den großen Dramen von Liebe, Tod, Verrat und Rache. Es geht auch um eine Lebenslüge, um Vater-Sohn-Beziehungen und das Wesen von Freundschaft. Ermittler Murot wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert, als sein alter Freund Richard Harloff (Ulrich Matthes) aus Bolivien zurück kehrt, wo er Jahrzehnte lang im Drogenkrieg mitgemischt hat. Harloff hat einige Rechnungen offen und will diese begleichen – mitunter nah am Wahnsinn. Dazu gehört: “Ich will, dass er (Murot) tötet, um zu überleben.”

Die beiden Männer verbindet ihre gemeinsame Zeit auf der Polizeischule, vor allem aber die Liebe zu einer Frau. Die Dreiecksbeziehung mit tödlichem Ausgang ist eine Anlehnung an François Truffauts 60er-Jahre-Liebesfilm ‘Jules und Jim’. Die Filmmusik von ‘Jules und Jim’ spielt dann auch eine besondere Rolle. Die Witwe des Komponisten habe dem hr erlaubt, drei Stücke aus dem Soundtrack neu zu transkribieren, weil die alten Noten fehlten, wie der Chefdramaturg des hr-Sinfonieorchesters, Andreas Maul, sagt. Neun der insgesamt 23 Stücke, die in dem ‘Tatort’ zu hören sind, hat das Orchester unter der Leitung von Frank Strobel neu aufgenommen.

Regisseur Florian Schwarz hat nach dem Drehbuch von Michael Proehl eine dichte Geschichte in Szene gesetzt, nicht nur voller Anspielungen auf allerlei kulturelle Perlen, sondern auch mit ungewohnten, beeindruckenden Bildern – etwa wenn die beiden alten Freunde direkt neben dem Trupp eines Spezialeinsatzkommandos Kaffee trinken. Die schauspielerische Leistung der Antagonisten Tukur und Matthes sowie von Barbara Philipp als Tukurs Assistentin Magda Wächter wird voraussichtlich auch jene Zuschauer mitreißen, denen die Geschichte überdreht oder überladen vorkommen mag.

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Die Presse feierte den Film schon vor der Ausstrahlung: Fazit des Branchendienstes ‘Meedia’: “‘Im Schmerz geboren’ mischt gekonnt Stilmittel aus unterschiedlichsten Genres, unterscheidet sich deutlich vom Durchschnitts-Tatort und gehört schon jetzt zu einem der besten deutschen Fernsehfilme dieses Jahres. Mit diesem Tatort ist Regisseur Florian Schwarz und Drehbuchautor Michael Proehl ein kleines Meisterwerk gelungen, das kein Fernsehliebhaber verpassen sollte.”

Die ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ schreibt: “Der hessische ‘Tatort: Im Schmerz geboren’ ist ein Geniestreich voller Gewalt und Leidenschaft. Mehr Tote und mehr klassische Musik gab es im ‘Tatort’ bisher nicht.” Und in ‘Der Spiegel’ heißt es: “Eigentlich hatten wir ja mit solcher Art hypertrophen und hyperventilierenden Meta-Filmen abgeschlossen, seit wir Ende der Achtziger- und Anfang der Neunzigerjahre mit den leerlaufenden Zitatmassakern der Kino-Postmoderne behelligt wurden. Mal ehrlich: Wer erinnert sich denn noch gerne an ‘True Romance’? Aber die Verantwortlichen des Hessischen Rundfunks wagen sich trotzdem – nicht zum ersten Mal – auf dieses gefährliche Terrain vor. Und gewinnen. Denn in diesem ‘Tatort’ gelingt es noch einmal, in der forciert künstlichen Hülle einen wahren emotionalen Kern zu platzieren.”

Und Ulrich Tukur ermittelt weiter: Die Dreharbeiten für seinen fünften ‘Tatort’ sollen im November beginnen. ‘Wer bin ich?’ lautet der Titel, bei dem es um einen Film im Film gehen soll. Zunächst ist aber am 22. Februar 2015 die letzte Solofolge mit Joachim Król als Frank Steier (‘Das Haus am Ende der Straße’) zu sehen. Der erste Fall des neuen Ermittler-Duos Margarita Broich und Wolfram Koch wird am 17. Mai ausgestrahlt; die Dreharbeiten für den zweiten haben gerade begonnen. (dpa)

Fotos: HR/Philip Sichler