Dienstag, 14. Oktober 2014, 21:39 Uhr

Udo Kier: Der "Nymphomanic"-Star wird heute 70

Udo Kier (‘Nymphomanic’) wirkt besessen bei diesem Thema: Kunst, so stellt er fest, sei für ihn eine Sucht. “Die ist teurer als Kokain, aber es ist eine angenehme Sucht, ich bleibe gesund dabei”, sagt der Schauspieler, berühmt für seinen grell-intensiven Blick.

In seinem Haus, einer ehemaligen Bücherei in der kalifornischen Wüstenstadt Palm Springs, hat er viele Werke namhafter Künstler. Möbel von Mies van der Rohe oder Eames, Kunst von David Hockney, Andy Warhol, Sigmar Polke oder Robert Mapplethorpe. Zu fast allen Objekten und Künstlern fallen Kier Geschichten ein – so viele, dass er einen Film gedreht hat, passend zu seinem heutigen 70. Geburtstag: ‘Arteholic’ – Kinostart ist am 16. Oktober.

Eine unterhaltsame, oft abgedrehte und egozentrische Kunstbetrachtung eines Mannes, der verrückt ist nach jeglicher Ausdrucksform, sei es im Film, auf der Bühne oder auf Leinwand und Papier. Viele seiner Kunstfreunde kommen in der von Hermann Vaske inszenierten Rundreise durch Museen in Köln, Bonn, Berlin, Frankfurt am Main, Paris und Kopenhagen zu Wort: die Künstler Rosemarie Trockel oder Jonathan Meese, der Chef der Berliner Nationalgalerie, Udo Kittelmann oder der Bildhauer Tobias Rehberger. Im Mittelpunkt: Die Kunst, aber auch Kier selbst, etwa wie er 2012 mit dem Regisseur Guy Maddin im Centre Pompidou in Paris Teil der Kunstaktion ‘Spiritismes’ über verlorene Filme wird.

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Andy Warhol führte den jungen Schauspieler aus Köln, der eigentlich Udo Kierspe hieß, in die pulsierende Kunstszene ein mit ihren Partys, Auftritten und Skandalen. “Als Schauspieler bin ich wirklich eifersüchtig auf Maler”, stellt Kier im Film fest. Ton, Licht, Kamera – alles nicht notwendig. “Wenn du Künstler bist, findest du immer einen Stift.” Bestes Beispiel: Sein Freund Michael Buthe, der überbordende Farbenkünstler, mit dem er zusammen mit Marcel Odenbach in Köln in einer Künstlerkolonie lebte. “Im Restaurant hatte Michael Buthe eine Idee, da wurden die Augen anders und plötzlich wurde ein Kaffee umgeschüttet auf ein Papier, dann wurde das mit der Hand verteilt und noch Pfeffer drauf und schon war es fertig.”

Vielleicht steckt in diesem Bekenntnis zur Eifersucht auch etwas Koketterie, denn Kier nahm selbst an vielen Kunstaktionen teil. Zudem gilt er als Schauspieler als feste Größen im Filmgeschäft. Am Beginn seiner Karriere stand eine Kneipe in Köln, wo er mit 16 den etwas jüngeren Rainer Werner Fassbinder kennenlernte. “Eine richtige Arbeiterkneipe, wo die Leute auch mal ein Bier ins Gesicht bekamen”, erinnert sich Kier. Die intensive Zusammenarbeit mit Fassbinder sollte erst später folgen. Vorerst zog es den gut aussehenden Mann aus armen Verhältnissen in so verheißungsvolle Städte wie Cannes, London und Rom. Er tauchte ein in die Welt der Künstler und Filmemacher, der Schönen und Reichen, traf den berühmten italienischen Regisseur Lucchino Visconti, den Schauspieler Alain Delon oder den Industriellensohn Arndt von Bohlen und Halbach.

1973 sah der Pop-Art-Künstler Andy Warhol Kier in einer Rolle als Monster. Diesen Mann mit den ungewöhnlich grünen, stechenden Augen wollte er unbedingt haben – und er bekam ihn. In New York drehten sie gemeinsam Persiflagen auf die Horrorfilme ‘Dracula’ und ‘Frankenstein’. Das brachte Kier einigen Ruhm ein. Fortan spielte er in vielen Filmen, oft als Bösewicht, meist in Nebenrollen. Der große Durchbruch in den USA ließ aber noch auf sich warten. Erst 1991 als Freier in Gus Van Sants ‘My Own Private Idaho’ sicherte er sich die Aufmerksamkeit der mächtigen US-Filmindustrie. Zum Horrorgenre kehrte Kier immer wieder zurück, etwa 2007 in der Neuauflage von ‘Halloween’ oder in der Nosferatu-Hommage ‘Shadow of the Vampire’ mit John Malkovich aus dem Jahr 2000.

Besonders eng war die Zusammenarbeit mit Fassbinder, dem Kier nach München folgte und mit dem er sich sogar eine Wohnung teilte. Fünf Filme drehten sie zusammen, darunter ‘Lili Marlen’, ‘Bolwieser’ oder ‘Berlin Alexanderplatz’. “Dann war das ein bisschen anstrengend und ich bin ausgezogen”, erzählt Kier. 1982 nach Fassbinders Tod entstand eine kurze Zeit der Leere. “Keiner wollte Fassbinder-Schauspieler. Wim Wenders hatte Bruno Ganz, Werner Herzog hatte Kinski.” Doch bald ging es weiter. Kier drehte mit dem Ungarn Gábor Altorjay und stand 1987 zum ersten Mal für Lars von Trier (Foto oben) in ‘Epidemic’ vor der Kamera – eine künstlerische Beziehung, die viele Filme überdauern sollte, ebenso wie die mit Christoph Schlingensief.

Irgendwann wolle er ein Buch über seine Erlebnisse schreiben, sagt Kier. Allerdings wolle er damit noch etwas warten, um die Wahrheit schreiben zu können. “Ob das eine Einladung vom Prinz Johannes von Thurn und Taxis war oder ob als 21-Jähriger der Kellner in London kam und sagte, Herr Visconti und Herr Nurejew möchten sie zu einem Glas Champagner einladen.” Auch den Titel für das Buch hat er schon: “Die Wahrheit. Keine Lügen.” (dpa)

Fotos: Camino