Mittwoch, 22. Oktober 2014, 18:07 Uhr

Filmkritik "Coming In": Komödie voller Klischees, aber mit Charme

Wie ein Model auf dem Laufsteg stolziert er durch seinen Berliner Hochglanz-Salon, Küsschen hier, Küsschen da. Tom Herzner (Kostja Ullmann) ist ein heiß begehrter Starfriseur, fast schon ein Dressman. Und brav geoutet hat sich der schwule Beau auch schon. Jetzt gilt er als Galionsfigur der Szene.

Als sein Freund und Manager Robert (Ken Duken) den feschen Friseur zu Studienzwecken in einen piefigen Kiez-Salon ins multikulturelle Neukölln schickt, verliebt sich der coole Tom allerdings unsterblich in die chaotische Friseurin Heidi (Aylin Tezel). Liebe geht seltsame Wege.

Der 1977 in Rosenheim geborene Regisseur Marco Kreuzpaintner feierte 2004 mit dem sensiblen Coming-Out-Drama «Sommersturm» seinen Durchbruch. Damals spielte bereits Kostja Ullmann neben Robert Stadlober eine der Hauptrollen.

Mit ‘Coming In’ hat Kreuzpaintner nun eine romantische, etwas harmlose Komödie inszeniert, die vom Charme der Protagonisten lebt, aber nicht ohne Schwulen-Klischees auskommt. Der Film zielt auf ein Mainstream-Publikum, bedient etliche Stereotypen, und ist trotzdem ganz unterhaltsam geworden.

“Neukölln? Warum nicht gleich Afghanistan?” Sarkastisch kommentiert Tom seine “Versetzung” ins prollige “Bel Hair”. Er soll herausfinden, welche Shampoos Frauen mögen. Also verwandelt sich der geschniegelte Tom in den kumpelhaften Horst mit blond gefärbtem Pony und rotem Fußballtrikot – ein Pfundskerl am Lockenwickler, der auch schon einmal ein Moped frisiert. Die Frauen lieben ihren Horst, besonders Salonbesitzerin Heidi. Nur Toms Freunde aus der Schwulenszene sind schockiert.

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Und jetzt kommen auch die Klischees. Charakterdarsteller August Kirner läuft als Herausgeber der Schwulen-Postille ‘Andersrum’ in lustigen bunten Hemden und karierten Hosen durch den Film, stets ein Gläschen Sekt an den Lippen. Sein Freund Harry (André Jung) ist der politisch korrekte, väterliche Typ, während der Draufgänger Sam (Bruno Eyron) jede Nacht mit einem anderen Kerl ins Bett steigt. Wieso können schwule Männer nicht mal ganz normal daherkommen, so durchschnittlich wie die meisten Heteros? Sollte das Marco Kreuzpaintner nicht wissen?

Wie auch immer, die Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf, und sowohl Kostja Ullmann wie auch Ayin Tezel, bekannt aus dem Dortmund-‘Tatort’, entfalten einen Charme, dem man sich schwer entziehen kann. Beiden gelingt es, ohne falsche Untertöne ihre Zuneigung glaubhaft zu machen. Da können dann Heidis Großeltern, wunderbar gespielt von Hildegard Schmahl und Tilo Prückner, nur staunen. Am Ende wird noch die Frage diskutiert, ob Shakespeare schwul war. Die Antwort könnte lauten: Wie es euch gefällt. (Johannes von der Gathen, dpa/KT)

Fotos: Warner Bros.