Sonntag, 26. Oktober 2014, 14:53 Uhr

Geheimtipp Mortis: Hier tobt sich einer mal richtig aus

Auf seinem Debütalbum „Hollywoodpsychose“ zeichnet Mortis einen entwaffnend ehrlichen Werdegang vom sensationsgierigen Jugendlichen, der tief verwurzelt in HipHop-Klischees zu seinen musikalischen Vorlieben findet und mit ihnen heranwächst. Doch wie wirkt sich das Stadtleben auf das jugendliche Dorfkind mit der blühenden Fantasie aus?

Wie verarbeitet sein Ego kurzen Ruhm, permanenten Zuspruch und kommt es mit der Narrenfreiheit innerhalb seines Mikrokosmos zurecht? Wie geht es mit den Konsequenzen seines Handelns um und bewahrt es sich seine Integrität in einem affektierten Umfeld voller Image und Egomanie, dem er sich selbst ausgesetzt hat?

Welche Ereignisse hinter jeder noch so wahnsinnigen Handlung, Lebensphase, Gewohnheit oder Sucht stecken mögen, Mortis fühlt sich in die Situation ein und präsentiert dem Hörer ein Stimmungsbild, das einen den Dreck der Stadt schmecken lässt, einfach und nachvollziehbar, manchmal auch wirr und widersprüchlich, wie ein spätnächtliches Kneipengespräch mit einem Fremden, aber in jedem Fall ehrlich und kompromisslos.

Alle Beats auf „Hollywoodpsychose“ (erscheint am 18. November)  stammen von Mortis selbst, was das Album zu einer in Rap-Deutschland beinahe einzigartigen Veröffentlichung macht. Mortis konstruiert auf dieser Platte einen gewachsenen und homogenen Sound, der definitiv im Rap zuhause ist, jedoch nicht vor anspruchsvollen Arrangements zurückschreckt. Mortis tobt sich auf sympathisch naive Weise mit Samples, Synthesizern, Gitarren und Live-Instrumenten aus, bis ein detailverliebter Klangteppich mit harten Drumsets entsteht. Um den Kontrast des zerrütteten Inneren des Protagonisten in der glänzenden Welt des goldenen Käfigs auch musikalisch aufzugreifen, behalten alle Beats immer einen rauen Gestus bei, egal wieviel Pop-Ambitionen in ihnen stecken.

Zum Album hat Mortis (der letztes Jahr zu den hoffnungsvollen Newcomern der Szene gehörte, außerdem ein Filmskript geschrieben, in dem die drei Videos zu den Songs „Einmal Sonne“, „Letzter Strohhalm“ und „Silikon aus Liebe“ nacheinander einen Kurzfilm ergeben, in dem er eine Hauptrolle spielt. Unterbrochen durch verschiedene Performanceebenen und Auflösungen können die Videos jedoch auch für sich selbst stehen. Als Schauspieler konnte u. a. TV-Star Oliver Korittke (‘Da muss Mann durch’) gewonnen werden.

Der Weg bis zu diesem Album begann für Mortis mit jugendlichen 16 Jahren. Angesteckt durch Westberlin-Tapes zog er damals mit dem Wochenendticket durchs Land, hat auf Bahnhöfen geschlafen und Wände besprüht. Mit 18 Jahren ist er aus dem Südharz in den Flur seines DJs nach Hannover gezogen. Von da an hat er sich von Nebenjob zu Nebenjob gehangelt und sich als „Mortis One“ auf den Bühnen dieses Landes (in etlichen Jugendzentren, aber auch auf dem Splash!, Helene Beach, HipHop-Kemp, Osthafen Festival uvm.) seine Fertigkeiten als überzeugender Live-Entertainer erarbeitet.

Ob von zwanzig Euro im Monat zu leben, als Pizzabäcker, als Versicherungsvertreter oder selbstständig im Onlinemarketing, stets hat Mortis einen Plan B gehabt, um seiner ersten Liebe, der Musik, ohne Einschränkungen die Stange halten können. Mortis hat lieber für die Musik gearbeitet, als von ihr abhängig zu sein und Kompromisse eingehen zu müssen. Somit konnte er sich in seinen musikalischen Tagträumereien verlieren, seine Kreativität und Visionen reifen lassen und das Grundlegende herausarbeiten: Spaß am Leben, Spaß an der Musik.

Über die Jahre wurde eins für seine Hörer besonders deutlich: Mortis sind musikalische Scheuklappen fremd. Das zeigen Zusammenarbeiten mit Marteria, Olli Banjo, Melbeatz, MB 1000, Creutzfeld & Jakob, Karate Andi, 3Plusss, Morlockk Dilemma, Termanology, Rasco uvm. Mortis veröffentlichte in Eigenregie diverse Songs, Features und Mixtapes, darunter auch „Weil ich‘s kann!“, welches 2010 zum Mixtape des Monats Mai im Juice Magazin gekürt wurde. 2011 folgte der Umzug nach (natürlich) Berlin und 2013 das Signing beim Label Showdown.

Mit der Kürzung des Namens zu „Mortis“ erschien 2014 dann seine erste EP „Der Goldene Käfig“, die der inhaltliche Vorläufer zur Hollywoodpsychose war.