Sonntag, 07. Dezember 2014, 16:39 Uhr

Nino de Angelo: "Es ist nicht wichtig, wer du gestern warst"

Gerade mal Anfang 20 katapultierte sich Nino de Angelo 1983 mit ‘Jenseits von Eden’ an die Spitze der Charts. Die gefühlvolle Ballade war Nummer 1 in allen deutschsprachigen Ländern. Der frühe Erfolg und die zahlreichen Fans brachten aber einige Verführungen mit sich: Schnelle Autos, schöne Frauen, Alkohol und Drogen.

Dazu kamen gesundheitliche Schicksalsschläge und eine Privatinsolvenz: Zweimal erkrankte er an Krebs, verlor sogar zeitweise sein “größtes Kapital”, wie er einmal sagte, nämlich seine Stimme. 2012 gab er in einem Interview zu, bereits drei Selbstmordversuche hinter sich zu haben. Der letzte davon 2010 mit einer Überdosis Schlaftabletten.

Der Musiker,  der mit bürgerlichem Namen Domenico Gerhard Gorgoglione heißt, hat sich wieder nach oben gekämpft und brachte am Freitag – dreißig Jahre nach seinem größten Hit – sein neues Album: ‘Meisterwerke – Lieder meines Lebens’ heraus. Darauf ist eine beeindruckende Bandbreite von 12 Songs von ebenso berühmten Musikkollegen aus fünf Dekaden zu hören, die von Klassikern wie ‘Merci Cherie’ (im Original von Udo Jürgens, 1966), ‘Der goldene Reiter’ (im Original von Joachim Witt, 1981) und ‘Wir sind am Leben’ (im Original von Rosenstolz, 2011) bis zu dem aktuellsten Track ‘Meine Soldaten’ von Maxim (2013) reichen.

klatsch-tratsch.de sprach mit dem sympathischen Sänger über sein Album, eine mögliche Teilnahme beim Eurovision Song Contest und die dunkelsten Zeiten seines Lebens.

Auf ihrem neuen Album interpretieren sie Songs von Musikkollegen aus verschiedenen Dekaden. Es ist aber nicht einfach nur so nachgespieltes “Zeug”, sondern viele neue Arrangements mit einer echt eigenen Note. Wie ist die Idee dazu entstanden?
Vor gut einem Jahr kam meine jetzige Plattenfirma auf mich zu und hat mir dieses Konzept quasi vorgeschlagen. Sie würden gerne ein Album aufnehmen mit Songs aus den letzten fünf Jahrzehnten und würden sich mich gerne als Sänger dafür wünschen. Die Idee fand ich sofort spannend und dann ging es eigentlich darum, dass wir die richtigen Songs aussuchen. Ich habe gesagt, ich würde das gerne machen aber es müssen Songs sein, die auch was mit mir zu tun haben, so eine Art Lieblingssongs von mir aus diesen Jahren. Lieblingssongs bei mir heißt, irgendwo müssen die mich berühren, beziehungsweise ich muss sie nachvollziehen können. Sie müssen auch ein bisschen mein Leben reflektieren. Und das tun jetzt diese 12 Songs, die wir da ausgesucht haben. Die sind tatsächlich so, dass sie für mich wie eine musikalische Biographie sind. Ich habe zu jedem Song einen persönlichen Bezug, dadurch dass ich diese Situationen, die in den Texten beschrieben werden, eben auch erlebt habe.

Wie fand die Auswahl der Songs dann statt?
Nicht wie die Ziehung der Lottozahlen. (lacht) Wir hatten ungefähr 30 Vorschläge. Als wir “die letzten fünf Jahrzehnte” gesagt haben, fielen mir natürlich sofort Songs ein wie “Der Goldene Reiter” oder “Symphonie”. Das ist ja auch ein Song, der mich total geflasht hat. Das sind alles Titel, bei denen ich aus meiner Erinnerung gesagt habe: Mensch, das würde ich gerne singen. Wir hatten ungefähr 30 Vorschläge und darunter waren natürlich auch Songs, wo ich sage: Textlich habe ich da keinen Bezug zu oder: Der Song gefällt mir nicht so und die haben wir dann schon mal aussortiert. Und dann hatten wir nachher noch 16, 17, 18 Songs und dann haben wir uns für 12 Titel entschieden. Die Mischung ist sehr interessant, weil das ja von Merci Cherie bis zu dem aktuellsten Titel “Meine Soldaten” von Maxim reicht. “Meine Soldaten” ist ein Titel, der ganz modern ist und die Aufgabe war für mich herausfordernd, da eine Nino de Angelo-Version daraus zu machen. Darum ging es ja: Ich wollte es nicht nur nachsingen, ich wollte schon meine ganz eigene persönliche Interpretation kreieren.

War es für sie schwieriger, ein Album mit Liedern aufzunehmen, von denen es schon ein erfolgreiches Original gibt im Vergleich zu einem Album mit selbstkomponierten Songs?
Es war schwieriger, weil ich mich mit den Songs so richtig auseinandersetzen musste. Es gibt ja eine originale Version davon und es soll alles passieren aber es darf nicht irgendwie ähneln. Ich wollte jetzt die Originalsänger in ihrer Art, wie sie das singen nicht kopieren. Es war zum Beispiel ganz schwer bei dem Song “Du trägst keine Liebe in dir”. Der hatte sich so bei mir eingebrannt, dass es im Studio beim ersten Einsingen fast so klang wie das Original. Da habe ich dann gesagt: Da müssen wir uns aber noch mal hinsetzen. Wenn ich eigene Songs einsinge, die es noch nicht gibt, dann fällt mir das viel leichter, dann singe ich eben als Nino de Angelo und dann ist das nach einer Stunde erledigt. Hier habe ich bei manchen Songs drei bis vier Stunden gebraucht, bis es auf Band war.

Haben Sie einen Lieblingssong aus dem Album?
Ich habe keinen speziellen Lieblingssong. Ich finde, das ganze Album ist sehr rund geworden und gefällt mir sehr gut.

Momentan hat man den Eindruck, dass es irgendwie trendy ist, Klassiker von Kollegen neu aufzunehmen. Phil Collins hat das zuletzt gemacht und auch Heino. Wie können sie sich diesen Trend erklären? Gehen den Leuten vielleicht die Ideen aus?
Nein, die Ideen gehen den Leuten mit Sicherheit nicht aus. Ich mache oft die Erfahrung, dass die Menschen sehr gerne Songs oder große Hits aus der Vergangenheit hören. Die Leute verbinden viele Erinnerungen damit, deswegen hören sie das gerne und deswegen ist es vielleicht auch “trendy”.

Auffällig ist es aber doch, dass es in den letzten Jahren häufiger gemacht wird…
Ja, weil es wahrscheinlich funktioniert. (lacht) Sonst würde man es nicht machen. Bei Heino zum Beispiel ist es so konträr, dass er Punk-Songs und Heavy Metal singt und das ist auf einer Seite auch witzig und spannend. Und dann gibt es ja auch Sänger wie Rod Stewart, der die letzten Jahre nichts anderes macht, als Klassiker zu singen. Meine Stärke liegt im Ausdruck, zusammen mit meiner Stimme, was mich dafür prädestiniert, solche Sachen zu machen. Warum sollte ich das nicht auch machen?

Kann man auch sagen, man springt auf einen “fahrenden Zug” auf?
Bei mir ist das so, dass ich denke: Das ist eine gute Idee, warum mache ich das nicht? Auf “einen Zug aufspringen” heißt: Oh, das läuft, da will ich mal schnell dabei sein, so ist das bei mir nicht. Ich sage: Hey, Moment, das kann ich auch! Und es macht mir Spaß und es positioniert mich auch musikalisch. Das ist auch der ausschlaggebende Punkt gewesen. Es kann mich musikalisch da positionieren, wo ich schon immer hin wollte. Ich wollte ja schon immer bisschen mehr als nur “der Schlagersänger” sein. Das Album ist für mich die Gelegenheit, meinen musikalischen Kurs zu korrigieren. Ich bin jetzt nicht der typische “Schlagerfuzzi”. Das war ich noch nie und dann kann ich das mit diesem Album auch unterstreichen.

Sie haben ja auch schon mit anderen Künstlern wie Chris Norman zusammengearbeitet. Gibt es irgendwelche Wunschduettpartner für die Zukunft?
Es gibt viele. Eigentlich jeder meiner Lieblingskünstler. Ich würde sehr gerne mit Adriano Celentano mal eine Platte aufnehmen oder mit Charles Aznavour. Oder eine Swing-Platte mit Tony Bennett oder mit Michael Bublé. Ich würde auch gerne mal mit Rod Stewart singen und mit Chris Norman auch gerne noch mal, wir haben uns super verstanden.

1989 haben sie mit dem Titel “Flieger” beim Eurovision Song Contest in Lausanne teilgenommen. Würde es sie reizen, irgendwann wieder bei dem Wettbewerb mitzumachen?
Never say never. Wenn das wieder so ein bisschen mehr in die Richtung Chanson geht, was es ja mal war, könnte ich mir das sehr gut vorstellen. Aber im Moment kann ich es mir nicht vorstellen.

Sie haben auch schon englischsprachige Lieder aufgenommen. Könnten sie sich in Zukunft ein komplett englischsprachiges Album vorstellen oder bleiben sie der deutschen Sprache treu?
Für Deutschland was Englisches zu machen, glaube ich macht keinen großen Sinn, allerdings für das Ausland schon. Früher habe ich ja auch schon viele Alben in Italienisch und Englisch für das Ausland eingesungen und war auch recht erfolgreich damit. Meine italienische Version von “Jenseits von Eden” war zum Beispiel auch in Frankreich Nummer Eins und die englische Version war auch in vielen Ländern erfolgreich. Warum soll ich in Deutschland englisch singen? Was vielleicht Sinn machen könnte wäre Italienisch, weil ich durch meine Wurzeln da auch einen persönlichen Bezug habe.

Sie haben in ihrem Leben ja schon einiges durchgemacht. Sie sind zweimal an Krebs erkrankt, mussten schon mal Privatinsolvenz anmelden und haben einige Selbstmordversuche hinter sich. In diesem Zusammenhang habe ich vor kurzem dieses Zitat von ihnen gelesen: “Ich gehe gerne bis zum Abgrund. Wenn man am Abgrund steht, kann man sehr viel lernen.” Können Sie das näher erklären?
Im Leben kommt man manchmal in Situationen, in denen einem wirklich die Kraft fehlt, aufzustehen und weiterzumachen. Man lässt sich treiben und lässt sich dann auch wirklich bis zum Abgrund treiben. Man sagt: Das Schicksal soll entscheiden und ich lasse mich jetzt gehen, weil ich rausfinden will, wohin es führt: Ist es zu Ende oder geht es weiter und nur am Abgrund kannst du das erfahren.

Inwiefern haben sie diese Krisenerfahrungen verändert? Was machen Sie heute zum Beispiel anders als früher?
Wenn du oft genug am Abgrund warst, dann brauchst du da auch nicht mehr hingehen. Wenn du nämlich in den Abgrund reingeschaut hast, dann ist es auch so, dass man eine Antwort kriegt. Man sollte das nicht zu lange und auch nicht zu oft machen. Wenn du zu lange in den Abgrund siehst, dann sieht der Abgrund auch in dich und dann kommst du da nicht mehr raus. Irgendwie hat mich das Schicksal von dort weggeschickt und hat gesagt: Du machst weiter, weiterleben, weiterkämpfen und das mache ich auch. Es ist eine gute Erfahrung gewesen, um zu wissen, dass es Sinn macht, weiterzumachen. Dadurch bekommt man neue Kraft und neuen Mut, um wirklich alles dafür zu tun, dass sich alles zum Guten wendet.

Wenn man Sie als der Superstar, der Sie in den 80ern waren, dahin zurückbeamen würde, würden Sie dann was anders machen?
Mit der heutigen Erfahrung sage ich natürlich ‘ja’, natürlich würde ich vieles anders machen. Ich denke aber, man müsste die Frage anders stellen. Eigentlich müsste man sagen: Wenn Sie noch mal neu geboren würden, in welchen Familienverhältnissen würden Sie gerne aufwachsen? Damit hat das nämlich alles zu tun. Wenn ich noch mal ein kleines Kind wäre, hätte ich mich gefreut, wenn meine Eltern sich damals nicht hätten scheiden lassen und ich in harmonischen Familienverhältnissen aufgewachsen wäre. Dann hätte ich viel mehr Bodenständigkeit in meinem eigenen Leben bewiesen und dann wären mir auch bestimmte Dinge mit Sicherheit nicht passiert.

Haben Sie aus ihren Erfahrungen vielleicht ein bestimmtes Lebensmotto entwickelt?
Das wichtigste ist, dass man nicht zuviel nach hinten schaut. Man muss den Blick nach vorne gerichtet haben. Die Vergangenheit lässt sich nicht verändern, nur die Gegenwart und die Zukunft. Mein Motto ist: Es ist nicht wichtig, wer du gestern warst, wichtig ist, wer du heute bist.

Was hat Ihnen bei der Bewältigung ihrer Krisenzeiten am meisten geholfen?
Die Liebe zu den Menschen, die mir nahe stehen: Die Familie. Die ist für mich schon das wichtigste gewesen und hat mir sehr geholfen, um wieder zu mir zurückzufinden.

Interview: Clelia Schena. Fotos: Felix Rachor