Dienstag, 09. Dezember 2014, 10:28 Uhr

Anna Netrebko posiert mit ostukrainischem Separatistenführer

Star-Sopranistin Anna Netrebko (43) hat in St. Petersburg mit einem Separatistenführer aus der umkämpften Ostukraine posiert. Gemeinsam mit Oleg Zarjow, der mit anderen militanten Aufständischen auf der schwarzen Sanktionsliste der EU steht, präsentierte die Sängerin am Montag am Rande einer Pressekonferenz die Fahne von „Neurussland“.

Mit diesem historischen Begriff bezeichnen die Separatisten in den Krisenregionen Donezk und Lugansk das von ihnen beanspruchte Gebiet. Die prowestliche Regierung in Kiew bezeichnet sie als „Terroristen“.

Netrebko überreichte Zarjow einen Scheck über eine Million Rubel (etwa 15 000 Euro). Das Geld sei für das Opern- und Balletthaus in der umkämpften ostukrainischen Separatistenhochburg Donezk gedacht, sagte sie. Ihre Kollegen dort würden wegen der Gefechte zwischen der Armee und Aufständischen „im Bombenhagel“ zur Probe gehen. „Ich möchte etwas tun, um die Kunst zu unterstützen, wo es heute besonders notwendig ist“, sagte Netrebko russischen Medien zufolge. Zarjow versprach, die Spende zu überbringen. Bei den Kämpfen in der Ukraine starben nach UN-Schätzungen seit April mindestens 4300 Menschen.

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Bei ukrainischen Medien sorgte die Spende und das Zeigen der „Separatistenfahne“ für Empörung. „Die Diva hat kein Wort über die Tatsache verloren, dass das Leiden der Musiker und der Oper von Donezk das Ergebnis der Aktionen der Aufständischen ist“, kommentierte das Internetportal Obozrevatel.com aus Kiew. Der Westen wirft Russland vor, die Gruppen auszurüsten – was Moskau dementiert.

Netrebko hatte mehrfach öffentlich ihre Unterstützung für Kremlchef Wladimir Putin bekräftigt. „Es gibt keine Alternative“, sagte sie unter anderem. Sie gehörte auch zu 500 russischen Künstlern, Wissenschaftlern und Sportlern, die sich vor der Präsidentenwahl 2012 für Putins Rückkehr in den Kreml ausgesprochen hatten – ebenso wie etwa Dirigent Waleri Gergijew, von 2015 an bei den Münchener Philharmonikern im Einsatz.

UPDATE: Die in der Ukraine als Terrorsymbol verachtete Fahne des abtrünnigen Gebiets Noworossija (Neurussland) kennt in Russland inzwischen jeder – vom Staatsfernsehen und den vielen Straßen-Spendenaktionen. Auf Netrebkos Facebook-Seite gibt es einen Sturm der Entrüstung: „Schande!“, „Sponsorin der Terroristen!“ und derbere Ausdrücke sind dort zu lesen. „Das Blut der Ukrainer klebt jetzt an Ihren Händen“, schreibt ein Kommentator.

Es sind vor allem Ukrainer, die zum Boykott von Netrebkos Konzerten, CDs und Opernvideos aufrufen. Ob die Aktion für eine der berühmtesten Sängerinnen der Welt Folgen hat, bleibt freilich abzuwarten. Ihre Stamm-Opernhäuser im Westen hielten sich zunächst mit Urteilen zurück.

Das Außenministerium Österreichs kritisierte allerdings den Einsatz von Netrebko, die auch Bürgerin des EU-Landes ist: „Sich mit einem ostukrainischen Separatisten und seiner Fahne fotografieren zu lassen, ist problematisch“, meinte ein Sprecher. „Denn dass derartige Fotos umgehend für Propagandazwecke missbraucht werden, ist klar.“

Mit politischen Äußerungen hielt sich die Diva freilich zurück. Der Krieg im Konfliktgebiet und die Feindschaft zwischen Ukrainern und Russen seien ihr völlig „unverständlich“, sagte sie. Sie erinnerte an ihre Heimatstadt Krasnodar, wo Russen und Ukrainer seit Jahrhunderten friedlich zusammenleben. „Ich denke, der Krieg sollte aufhören – je schneller, desto besser. Aber das ist schon Politik, darauf gehe ich nicht ein“, sagte Netrebko.

Sie unterstütze keine der kämpfenden Seiten, sondern die Kultur, betonte die Sängerin. Immerhin würden die Künstler auch in schwersten Zeiten – ohne Gehalt und auf viel zu kalten Bühnen – die Menschen im Kriegsgebiet unterhalten. In vielen Städten Russlands laufen seit Monaten Spendenaktionen für die Menschen im Kriegsgebiet Donbass. Auch Netrebko will deshalb ihren Beitrag leisten. Doch die politische Wirkung überstrahlt ihre humanitäre Botschaft. (dpa)

Foto: Stringer