Mittwoch, 17. Dezember 2014, 20:55 Uhr

Filmkritik: Hilary Swank steht in "The Homesman“ grandios ihren Mann

Der klassische Western war immer eine Männerdomäne. Frauen galten in diesen Filmen als das schwache Geschlecht: zarte, oft widerspenstige Geschöpfe, die von Vaterfiguren wie John Wayne beschützt und gezähmt wurden. Jetzt rücken Frauen in den Fokus des Genres.

Filmkritik: Hilary Swank steht in "The Homesman“ ihren Mann

Die US-Regisseurin Kelly Reichardt erzählte ihre Planwagen-Saga ‘Auf dem Weg nach Oregon’ (2010) aus weiblicher Perspektive, und auch Tommy Lee Jones hat sich nun bei ‘The Homesman’, seiner zweiten Regiearbeit nach ‘Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada’ (2005), für eine Protagonistin entschieden, die man als Zuschauer so schnell nicht wieder vergisst.

Bereits in Cannes war der Western ein gefeiertes Kinoereignis: Hilary Swank steht in ‘The Homesman’ ihren Mann. Eine Hymne auf einen grandiosen und fast feministischen Western!

Filmkritik: Hilary Swank steht in "The Homesman“ ihren Mann

Mary Bee Cuddy (großartig: Hilary Swank) lebt allein im Nirgendwo namens Nebraska. Der Wind jault und stürmt unbarmherzig, aber Mary Bee pflügt stoisch den Acker, versorgt die Tiere anschließend im Stall und macht sich anschließend an die Hausarbeit in ihrer Blockhütte. Mary Bee lebt ein eigenverantwortliches und selbstbestimmtes Leben.

Sie hält die Errungenschaften der Zivilisation aufrecht: Blumen auf dem Esstisch und ihr Klavierspiel auf der – zwar nur – gestickten Tastatur, ist hingebungsvoll. Sie lädt sich auch gern Gäste zum Essen ein. Ein Hochzeitsantrag nach dem Sonntagsessen verschreckt und irritiert den Umworbenen. Sie sei ihm zu „bossy“ und wenn sie die letzte Frau auf der Welt wäre, kann die Antwort nur „Nein, nein und nein.“ heißen. Mary Bee ist klug, umsichtig und tough. Als in ihrer Gemeinde drei Frauen aus den unterschiedlichsten Gründen den Verstand verlieren, ist sie es, die einen Mann vertritt und an der Ziehung teilnimmt, wer diese Frauen fortschaffen soll.

Die Farmersfrauen Arabella (Grace Gummer), Theoline (Miranda Otto) und Gro (Sonja Richter) haben es nicht geschafft das Leben am Rand zu stemmen, es ist markerschütternd zu sehen, wie sie agieren und ihre Familien dem nichts entgegenzusetzen haben, außer sie wahlweise festzubinden oder zu separieren. Alle drei sind kaum noch ansprechbar, sie agieren stumpf,aber auch extrem aggressiv. Kurz: es ist weder Platz noch Verwendung für sie. Die Gemeinde beschließt, das die Frauen zurück in die Zivilisation müssen. Die Pfarrei vom Atha Carter (Meryl Streep) hat sich bereit erklärt, sie aufzunehmen.

Und damit ist die Story gesetzt: In diesem Western – dem wohl männlichsten aller Filmgenres – geht es nicht um Viehtrieb, aber auch um eine Form des Transports.

Filmkritik: Hilary Swank steht in "The Homesman“ ihren Mann

Der Weg ist das Ziel: Vier Frauen machen sich auf einen gefahrvollen Weg, der über sechs Wochen andauern wird. Mary Bee Cuddy ist realistisch genug, dass sie das alleine nicht schaffen kann. Hier kommt die Figur Georg Briggs (Thommy Lee Jones, führte auch Regie) ins Spiel: ein Tausendsassa und Schlitzohr, der sich lieber drückt und dem seine eigenen Interessen hoch über allen anderen steht. Allerdings klappt das nicht immer – Briggs ist in „The Homesman“ ein Verlierer mit Fortune. Als Strafe für seine Inbesitznahme einer Behausung, die er für verlassen hielt, haben ihn Bewohner gefesselt und mit einem Strick um den Hals auf sein eigenes Pferd gesetzt. Mary Bee knüpft ihn ab, aber natürlich hat sie eine Bedingung. Briggs wird ihr Gewährsmann auf dem schier endlosen Weg nach Osten. Die durchsetzungsfähige Mary Bee, der Outlaw und absolutes Rauhbein Briggs und drei Frauen mit ernsthaften mentalen Problemen quer durch das Land von Ureinwohnern, egoistischen Siedlern (ein besonders ekliges Exemplar wird von James Spader aus „Boston Legal“ gespielt) und einer erbarmungslosen Natur: ein grandioser Film!

Filmkritik: Hilary Swank steht in "The Homesman“ ihren Mann

Tommy Lee Jones Film zeichnet ein düsteres Bild der amerikanischen Eroberung des Kontinents. Die Menschen sind verhärtet, egoistisch, misstrauisch. Das Recht des Stärkeren dominiert alles andere. Barmherzigkeit ist selten geworden, die Pastorenfrau Altha Carter (Meryl Streep), die die drei verwirrten Frauen schließlich in ihre Obhut nehmen wird, bildet eine strahlende Ausnahme.

Und soviel sei verraten: bitte setzt nicht zu sehr auf ein Happy End. (Johannes von der Gathen/ dpa, Katrin Wessel/KT)

Fotos: Universum