Sonntag, 22. März 2015, 18:46 Uhr

Alles über "Elser": 13 Minuten, die Weltgeschichte geschrieben hätten

Es waren 13 Minuten, und Georg Elser hätte die Weltgeschichte verändern können. 13 Minuten, die gefehlt haben, dass eine von ihm gebaute Bombe Adolf Hitler getötet hätte. Doch es kam anders an diesem 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller: Denn Hitler verlässt den Ort des Attentats zu früh – und Elser scheitert.

Wer war dieser Mann, der aus einfachen Verhältnissen kam, der aber die Gefahr, die von Hitler ausging, früher erkannte als die meisten anderen, der bereit war zu handeln, als diese anderen mitliefen oder schwiegen? Was sah er, was unsere Eltern oder Großeltern nicht sahen oder nicht sehen wollten?

Vor dem Hintergrund historischer Begebenheiten erzählt Regisseur Oliver Hirschbiegel mit ‘Elser’ (seine erste deutsche Produktion seit 2005) die packende Geschichte von Georg Elser, nach einem Drehbuch von Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer. Er schildert dabei nicht nur die Hintergründe seines fehlgeschlagenen Anschlags, sondern begleitet ihn von seinen frühen Jahren auf der schwäbischen Alb bis hin zu seinen letzten Tagen im KZ Dachau…

Und darum geht’s: Während der Jubiläumsrede Hitlers am 8. November 1939 wird ein Mann an der Grenze zur Schweiz wegen des Besitzes verdächtiger Gegenstände festgenommen. Nur Minuten später explodiert im Münchner Bürgerbräukeller unmittelbar hinter dem Rednerpult des „Führers“ eine Bombe und reißt acht Menschen in den Tod.

Der Mann ist Georg Elser (Christian Friedel), ein Schreiner aus dem schwäbischen Königsbronn. Als man bei ihm eine Karte des Anschlagsortes und Sprengzünder findet, wird er dem Chef der Kripo im Reichssicherheitshauptamt Arthur Nebe (Burghart Klaußner) und dem Gestapochef Heinrich Müller (Johann von Bülow) zum Verhör überstellt. Von ihnen erfährt Elser, dass
sein Vorhaben gescheitert ist – dass der Mann, den er töten wollte, um das Blutvergießen des gerade begonnenen Weltkriegs zu verhindern, den Bürgerbräukeller 13 Minuten vor der Explosion verlassen hat.

Tagelang wird Elser von Nebe und Müller verhört, tagelang hält er ihren Fragen stand. Bis er schließlich gesteht – und die Geschichte seiner Tat schildert. So erinnert sich Elser, wie der Nationalsozialismus langsam in seinem Heimatdorf metastasierte. Wie er versuchte, sich gemeinsam mit seinem besten Freund Josef Schurr (David Zimmerschied) und wenigen anderen dagegenzustellen. Wie er Elsa (Katharina Schüttler) kennen lernte, sich in sie verliebte, sich wegen seiner Pläne aber von ihr, seinen Freunden und seiner Familie abwenden musste. Und wie er schließlich handelte – wie er die Bombe baute und am Anschlagsort in nächtelanger Arbeit einbaute. Er, der seine Tat ganz allein beging, wie er Nebe und Mu?ller immer wieder beschwört, die ihn foltern, um Hintermänner zu finden.

Nach den Verhören kommt er in die KZs Sachsenhausen und Dachau, wo Georg Elser schließlich auf Befehl Hitlers am 9. April 1945 ermordet wird – nur wenige Tage vor Ende des Krieges.

Produzent Boris Ausserer stellt fest, dass Elsers beruflicher Werdegang ihn tatsächlich dazu befähigte, im Alleingang
eine Zeitbombe zu bauen: „Als Kunstschreiner, der auch Instrumente angefertigt hat, musste er natürlich ohnehin präzise arbeiten. Er war allerdings ganz besonders gewissenhaft: Bei jedem Kunden überprüfte er eine Woche später erneut, ob auch alles stimmte. Und nachdem er die Bombe im Bürgerbräukeller gelegt hatte, fuhr er noch einmal zurück, um sich davon zu überzeugen, dass
sie tatsächlich tickte. Man sollte nicht vergessen, dass er zudem eine Weile bei einem Uhrmacher gearbeitet hatte – und die sind ja auch nicht gerade bekannt für Schlamperei.“

Detaillierte Angaben zur Konstruktion der Bombe finden sich in den Verhörprotokollen der Gestapo. Diese 1964 von Lothar
Gruchmann entdeckten Akten waren eine wichtige Quelle für das Autorenteam, sind aber mit Vorsicht zu genießen.

Ausserer dazu: „Elsers Aussagen sind unter Folter erpresst und durch die Sprache der Gestapo gefiltert worden. Die Protokolle wurden geschrieben, um einen Menschen ans Messer zu liefern, nicht im Interesse der Objektivität. Und dennoch zeigt die Analyse, dass trotz der tendenziösen Fragestellungen die Aussage Elsers nicht grob gefälscht erscheint. Wir nehmen an, dass Elser getreu seinem Charakter
sogar unter Folter und unbarmherzigem Druck auch auf Präzision der Wiedergabe seiner Angaben im Protokoll geachtet haben dürfte.“

Hauptdarsteller Christian Friedel (‘Russendisko’, u.a. auch Sänger bei der Band ‘Band Woods of Birnam’) sagte über seine Rolle: “Die Geschichte hat mich beim ersten Lesen sofort gepackt. Es war eine interessante Mischung von realen historischen Ereignissen und fiktiven Interpretationen. In die Titelfigur konnte ich mich erst einmal nur in Ansätzen hineinversetzen, manches war mir etwas fremd. Das Casting konzentrierte sich vorerst auf die Verhörszenen, und ich fand es spannend, Elsers ‘Niederlage’, seinen Schmerz, seine Wut und seinen Willen zu bündeln.”

So eine Rolle sei ein Riesengeschenk für einen Schauspieler, so Friedel weiter. “Mir war daher bewusst, dass ich bestimmt nicht der einzige Schauspieler bin, der sich beim Casting ins Zeug legt, und ich habe mir auch keine großen Chancen ausgerechnet. Als dann die Zusage kam, war ich einfach nur baff und überglücklich.”

Über die Zusammenarbeit mit Oliver Hirschbiegel sagte der 36-Jährige gebürtige Magdeburger: “Manchmal gibt es Fügungen, Entwicklungen und Begegnungen, die es einem erlauben, in seiner künstlerischen Entwicklung einen nächsten Schritt zu gehen. Ich bin extrem dankbar für die Zusammenarbeit mit Oliver Hirschbiegel. Er ist hochpräzise, herausfordernd und geht sehr ins Detail.
Oftmals haben wir die Szenen aus verschiedenen Blickwinkeln gedreht, und sogar für Improvisationen war noch Platz. Außerdem kann er sehr gut ein Team leiten und weiß, wie man packende, intensive Geschichten erzählt. Und seine Erfahrungen aus Amerika und England waren sehr förderlich, damit das Thema nicht so bedeutungsschwanger und schwer daherkommt. Denn das ist vielleicht manchmal eine Schwäche von uns Deutschen, dass uns vor lauter Ernsthaftigkeit die Leichtigkeit ein wenig abhandenkommt.”

Fotos: Lucky Bird Pictures, Bernd Schuller