Donnerstag, 26. März 2015, 21:49 Uhr

Inner Tongue: Hypnotischer Understatement Pop

Seit einer Weile geistern Inner Tongue durch diverse Blogs. Jedoch gab es außer Musik keinerlei Informationen, wer sich eigentlich hinter dem Projekt versteckt. Seit gestern ist das Geheimnis nun endlich gelüftet.

Inner Tongue ist das Projekt eines Mittzwanzigers und gleichzeitig auch der Sieg über eine ungewisse Zukunft. 2013 hat man bei ihm ein Stimmbandproblem diagnostiziert, das so heftig war, dass sich weltweit nur eine Handvoll Spezialisten damit befassen. Dem Musiker ist seine Begabung heilig, also arbeitet er Tag und Nacht, um sich die OP-Kosten zusammenzusparen. Nach dem Eingriff beginnt die Zeit des Schweigens und der Ungewissheit, ob er seine Stimme jemals wieder so gebrauchen kann wie zuvor:

“Ich verkroch mich bis zur ersten Nachuntersuchung in meiner Wohnung. Lautlos. Recht desillusioniert hatte ich mich folglich geweigert, Musik zu schreiben. Irgendwie zog es mich aber von der Couch an mein Piano. Ich versuchte die Angst zu verdrängen. Beschloss meinen musikalischen Fokus vorübergehend zu verändern und Musik zu schreiben die auch ohne Gesang eine melodiöse Spannung erzeugen kann und dennoch die Züge progressiver Popmusik behält. Die Songs die folgten, waren aus einer völlig neuen Perspektive entstanden. Es war, als ob man einen Reset-Knopf meines musikalischen Selbstverständnisses gedrückt hatte.”

Inner Tongue, der aktuell in Wien lebt und auch von der dort blühenden elektronischen Szene inspiriert wird, findet dort zwischen der ruhigen Gelassenheit der Berge und dem geschäftigen Tumult der Stadt eine gute Inspirationsquelle. Das Allroundtalent schreibt und produziert die Songs und setzt seine Musik dann gemeinsam mit Musikern um. Das Gleiche gilt für die künstlerische Gesamtvision vom Artwork bis zum Video. Ein unermüdlich schöpferischer Geist. Acht Monate nach der OP darf er seine Stimme wieder voll nutzen. Er nimmt seine Songs auf und reist anschließend um die Welt, damit sie ihren finalen Feinschliff bekommen. Diesen erarbeitete er mit Matt Boynton in New York (MGMT, Kurt Vile u.a.) und vor allem mit John Catlin (Foals, Warpaint, The Naked And Famous etc.) in London.

Die Werke von Inner Tongue liegen irgendwo zwischen der musikalischen Leichtigkeit von Death Cab For Cutie, der gefühlten Perfektionierung des Klangbildes von SOHN und der Einfühlungsgabe eines Chet Fakers. Sein Track „Fallen Empire“ verknüpft geschickt lässige Beats mit teilweise James Blake-ähnlichen Soundelementen, während „Tz, Ka“ eine Leichtigkeit und unglaubliche Weite hat. „Somebody Knows It“ ist mit Abstand der andächtigste Track der EP. Balladenähnliche Klaviermusik begleitet den Hörer am Anfang, findet schnell Unterstützung von sanften Drums und schwebenden Synthieklängen. Spätestens bei seiner leicht zerbrechlich wirkender Stimme ist sicher, dass hier etwas Außergewöhnliches passiert: “‘Somebody Knows It’ funktionierte beim ersten Take. Das war ein sehr emotionaler Moment für mich. Ich dachte nicht, dass ich jemals noch zu meinen Songs singen würde.“

Die Songs von Inner Tongue definiert ein heller, träumerischer Sound, untermalt von dunklen, physischen Bässen, die Klangwelt bleibt aber immer sehr harmonisch, obwohl sie auch ständig mit der Grenze zur Disharmonie liebäugelt. Seine Texte haben eine ungeheure Reflektionstiefe, seine fragile Stimme fließt über dem meditativen Puls zurückhaltender, intelligenter Beats. Welcher Stil das ist? Vielleicht könnte man es „Hypnotischer Understatement Pop“ nennen.

Das Ergebnis: ein kleines Wunder. Die Lebenslust der geglückten Verwirklichung seines Schaffens durchdringt Inner Tongue bei vordergründigem Understatement mit einer großen aber ruhigen Energie. Wie das Video zu „Fallen Empire“ so schön zeigt: Er hat nicht einmal Angst davor, gegen sich selbst im Tennis anzutreten. Bei dieser Lebensgeschichte auch kein Wunder, denn die Frage ob es um das Spiel oder um den Sieg geht, sei dahingestellt.

Inner Tongue live:

18.04. Köln – Gebäude 9 (mit Get Well Soon)
19.04. Hamburg – Grünspant (mit Get Well Soon)
22.05. Mannheim – Maifeld Derby Festival
23.05. Dortmund – Way Back When Festival
11.07. Rüsselsheim – Phono Pop Festival
08.-08.08. Burg Friedland – Jenseits von Millionen Festival
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