Montag, 30. März 2015, 16:57 Uhr

Renate Holland-Moritz: Die dienstälteste Filmkritikerin der Welt tritt ab

Mit der Bezeichung „Legende“ soll man sparsam sein, in diesem Fall trifft sie allerdings schon längst zu: Renate Holland-Moritz hat 55 Jahre lang Monat für Monat eine Seite mit Filmkritiken für das Satireblatt ‘Eulenspiegel’ geschrieben.

Das ist Weltrekord, wie sie selbst recherchiert hat: „Andere fingen später an zu schreiben und starben früher.“ Ihren 80. Geburtstag am Sonntag und das 55jährige Berufsjubiläum als Filmkritikerin nahm sie nun zum Anlass, sich von ihren Lesern zu verabschieden. Aus gesundheitlichen Gründen gibt sie ihren geliebten Beruf auf. Wegen einer Lungenkrankheit war es zum Schluss zu mühsam geworden, ins Kino zu gehen. Ihre Ärzte werden das begrüßen: „Eigentlich soll ich ja nicht mehr rauchen. Aber Schreiben, ohne zu rauchen? Geht gar nicht!“

Wegen ihres Witzes und der ungewöhnlichen Bissigkeit hatten die Kritiken von Renate Holland-Moritz Kultstatus. Wenn sie großes Talent sah, konnte sie allerdings auch fast zärtlich loben. Nichtskönnern wies sie deren Nichtskönnen messerscharf nach.

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Die berühmteste Kritik von Renate Holland-Moritz bestand nur aus einem einzigen Satz. Über „Der große Blonde kehrt zurück“ mit Pierre Richard schrieb sie einst: Das hätte er lieber nicht tun sollen.

Der DEFA-Film „Der Mann, der nach der Oma kam“ mit Winfried Glatzeder (siehe Clip unten), der nach ihrer Erzählung „Graffunda räumt auf“ gedreht wurde, war eine der erfolgreichsten Produktionen des ostdeutschen Filmstudios.

Es erschienen mehrere Bände „Die Eule im Kino“ mit ihren Filmkritiken. Außerdem schrieb Renate Holland-Moritz auflagenstarke Bücher mit satirischen Erzählungen, von denen über 2,2 Millionen Exemplare verkauft wurden.

Ihr Büchlein “Die tote Else – Ein wahrhaftiges Klatschbuch“, das 1986 erschien, hätte es nach den Regeln der sozialistischen Publikzistik gar nicht geben dürfen, denn Klatsch galt in der DDR als besonders unappetitliche Erscheinungsform der bürgerlichen Publizistik. Die Geschichten über Begegnungen mit berühmten Zeitgenossen waren kleine Kabinettstückchen, stilistisch unangreifbar und mit dem listigen Hinweis auf ihre Wahrhaftigkeit im Untertitel des Buchs dann ja auch kein wirklicher Klatsch mehr. Renate Holland-Moritz hatte mal wieder die Zensur überlistet und ihre Leser bekamen Privates über Berühmtheiten zu lesen.

Gefeiert wurde der 80. Geburtstag im Altberliner Lokal „Metzer Eck“ mit Gästen wie dem Liedermacher Reinhold Andert, Autor Andreas Püschel, der Redaktion des Satiremagazins Eulenspiegel und Filmkritikerkollegen wie Margit Voss, Hannelore Heider und Peter Claus.

Jungen Kritikern rät Renate Holland-Moritz: „Immer deutlich sein. Die Anzahl der Fremdwörter auf ein vertretbares Maß reduzieren. Die Leser, unter denen es ja auch Nichtakademiker geben soll, müssen erkennen können, ob ihnen der Film empfohlen oder ob vor ihm gewarnt wird.“ (Andreas Kurtz)

Foto: Christian Schulz/cs-christianschulz.de