Sonntag, 19. April 2015, 20:16 Uhr

"Victoria": So einen Bankraub-Film hat es noch nie gegeben

Wenn Sebastian Schipper Regie führt, kommen stets ebenso ungewöhnliche wie unmittelbare Filme heraus, die mitten ins Herz treffen und den Kopf arbeiten lassen. ‘Victioria’ geht noch einen Schritt weiter: Hinter der atemlosen Thrillerhandlung verbirgt sich ein Filmprojekt, wie man es in Deutschland noch nicht erlebt hat.

"Victoria": So einen Bankraub-Film hat es noch nie gegeben

Eine Reise ans Ende der Nacht in Realzeit (!), atemlos, authentisch, romantisch und ungeschnitten in einer Kamerfahrt. Ein Film über eine Jugend, die mehr will. Über eine verrückte Liebe auf den ersten Blick. Über den wilden Herzschlag einer Großstadt.

Und darum geht’s: Eine Stunde noch, dann neigt sich auch diese Nacht in Berlin wieder dem Ende zu. Vor einem Club lernt Victoria (Laia Costa), eine junge Frau aus Madrid, vier Berliner Jungs kennen – Sonne (großartig wie immer: Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff). Der Funke zwischen ihr und Sonne springt sofort über, aber Zeit füreinander haben die beiden nicht. Sonne und seine Kumpels haben noch etwas vor. Um eine Schuld zu begleichen, haben sie sich auf eine krumme Sache eingelassen.

Als einer von ihnen unerwartet ausfällt, soll Victoria als Fahrerin einspringen. Was für sie wie ein großes Abenteuer beginnt, entwickelt sich zunächst zu einem verrückten euphorischen Tanz – und dann schnell zum Albtraum. Während der Tag langsam anbricht, geht es für Victoria und Sonne auf einmal um Alles oder Nichts…

Der Film kommt am 11. Juni 2015 in die deutschen Kinos.

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"Victoria": So einen Bankraub-Film hat es noch nie gegeben

Sebastian Schipper erzählte über die Motivation, diesen Film zu machen: “Ich habe mich bei dem Gedanken ertappt, dass ich absolut Lust hätte, einmal eine Bank zu überfallen. Das war zu einer Zeit, in der ich mit Tom Tykwer an einem Paranoiathriller gearbeitet habe. Wir kamen nicht richtig voran, und ich konnte den Stoff irgendwann einfach nicht mehr sehen. Da hatte ich die Fantasie, mit Tykwer eine Bank auszurauben, einfach um einmal etwas anderes zu erleben. Der Gedanke dahinter richtet sich nicht gegen andere Menschen, es geht auch nicht um Bereicherung, das ist klar, es geht darum, der inneren Angst zu begegnen. Mit der vorgehaltenen Waffe fordert man das Leben ein, das einem bislang vorenthalten geblieben ist.”

"Victoria": So einen Bankraub-Film hat es noch nie gegeben

Weiter verriet er: ” Ich bin Filmemacher. Also warum nicht ein Film über einen Bankraub? Da habe ich mich aber sofort gefragt, warum es so viele Filme über Banküberfälle gibt, es aber nur so wenigen gelingt, einem zu vermitteln, was es bedeutet, wirklich bei einem Banküberfall dabei zu sein. Das war der Grundgedanke für ‘Victoria’: Ich stellte mir die Frage, was man anders machen müsste. Meine Antwort war, dass es nicht eigentlich um den Banküberfall gehen dürfte. Man müsste die filmischen Mittel voll und ganz einem Erlebnisbericht unterordnen, wie bei einer Kriegsberichterstattung, wenn man bei einer Gruppe von Soldaten embedded ist und in eine feindliche Auseinandersetzung gerät. Es sollte in meinem Film nicht um die Bilder gehen, sondern um das Erlebnis. Und aus dieser Haltung erwuchs die Idee, den Film in Realzeit, in einer Einstellung zu drehen.”

Die Idee, einen Film in einer Einstellung zu drehen, ist eine Sache, die Umsetzung noch einmal ganz andere Sache. Nicht zuletzt mussten all die bekannten Filme, die bislang versucht haben, die Illusion zu erwecken, in einer Einstellung gedreht worden zu sein, letztlich doch immer auf Tricks zurückgreifen: Angefangen bei Hitchcocks ‘Rope’ (‘Cocktail für eine Leiche’, 1948) über Sokurows ‘Russian Ark’ (2002) hin zu aktuell Inarritus ‘Birdman’, (2014) – stets entstanden die vermeintlich nahtlosen Filme mit Hilfe kunstvoller Überblendungen oder Schnitte.

Bei Victoria’ so waren die Filmemacher fest entschlossen, wollte man nicht mogeln: Ihr Film sollte tatsächlich ein One-Take sein, in einer langen Einstellung ohne Schnitte gedreht werden, eine Reise ans Ende einer Berliner Nacht in Realzeit.

"Victoria": So einen Bankraub-Film hat es noch nie gegeben

Um das umsetzen zu können, erkundigten sich Schipper und Dressler erst einmal nach den Möglichkeiten der technischen Machbarkeit ein: Kann eine Kamera einen solchen Dreh überhaupt unterstützen, gibt es die nötigen Speichermöglichkeiten? Schnell fanden sie heraus, dass es machbar sein könnte…

Als dann die Entscheidung getroffen wurde, es zumindest mit einem One-Take versuchen zu wollen, wurde ihnen klar, dass die einzelnen Drehorte nicht zu weit voneinander entfernt sein durften. Auf keinen Fall durfte zu viel Zeit in Autos verbracht werden, weil die Gefahr bestand, dass der Film in diesem Moment stocken und langweilig werden könnte.

Das tollkühne Experiment war Realität: ‘Victoria’ ist ein 140-minu?tiger Film ohne Schnitt, ein ganz unmittelbares Erlebnis, wahrhaftig und authentisch – und doch Kino durch und durch

Fotos: Senator