Montag, 20. April 2015, 20:54 Uhr

Jannik Schümann und Heino Ferch in "Mein Sohn Helen"

Als Tobias Wilke (Heino Ferch) den 17-jährigen Finn (Jannik Schümann) nach dessen einjährigem Auslandsaufenthalt vom Flughafen abholen will, steht ihm statt seinem Sohn eine Tochter gegenüber…

Jannik Schümann und Heino Ferch in "Mein Sohn Helen"

Helen lässt sich trotz Spott und Häme nicht unterkriegen und ein schwerer Kampf um Toleranz und Anerkennung beginnt. Gemeinsam begeben sich Vater und Tochter auf eine Reise, die sie gleichermaßen zueinander und zu sich selbst führt: ein komisches, liebevolles Ringen um Wahrheit und Selbstbestimmung. ‘Mein Sohn Helen’ – mit Heino Ferch, Jannik Schümann u.v.a. läuft am Freitag, 24. April 2015, 20.15 Uhr im Ersten.

Im Interview sprach Hauptdarsteller Heino Ferch über den Film, in dem Mädchenschwarm Jannik Schümann als junge Frau eine überraschend gute Figur macht.

Haben Sie sich vor diesem Film schon mal mit dem Thema Transgender befasst?
Wenn ich ehrlich bin, nicht wirklich. Natürlich hat mich – wie viele andere auch – das plötzliche, medienwirksame
Auftauchen von Conchita Wurst für das Thema sensibilisiert und für Neugierde gesorgt. Aber ich hatte mich vor den
Dreharbeiten noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt.

Was glauben Sie, ist für die Betroffenen schwieriger zu bewältigen: Die Tatsache, im falschen Körper zu stecken oder das Umfeld, in dem sie leben?
Ich glaube, wenn man realisiert, dass man im falschen Körper steckt, ist das zunächst ein großes Problem. Aber ich
glaube auch, dass jemand, der das für sich akzeptiert hat und für sich einen Weg gefunden hat, sein Leben bewältigen
kann – auch wenn das Umfeld, in dem er lebt, schwierig ist. Im falschen Körper zu stecken ist wie ein Gefängnis und
eine große Last für die Betroffenen.

Wie kann man als Vater sein Kind am besten unterstützen, wenn es merkt, dass es im falschen Körper steckt?
Zuhören und versuchen zu verstehen, was das Problem ist. Wichtig ist, seinem Kind viel Aufmerksamkeit zu schenken
und Raum zu geben, dass Vertrauen und Offenheit entsteht.

Mehr: Jannik Schümann schockt – Einmal Amerika und als Mädchen zurück

Jannik Schümann und Heino Ferch in "Mein Sohn Helen"

Auch Regisseur Gregor Schnitzler sprach über den unterhaltsamen Streifen.

„Mein Sohn Helen“ ist weder Drama noch Komödie. Was war Ihnen besonders wichtig bei der Umsetzung des Drehbuchs?
Man neigt ja in Deutschland dazu, im Kern dramatische Themen in ihrer ganzen Schwere zu inszenieren. Ich finde die englische Herangehensweise, tragische Dinge ins Komische zu ziehen, oftmals menschlicher und befreiender. Menschlichkeit wird nicht mit dem Holzhammer eingeprügelt, sondern entsteht zwischen den Zeilen. Ich wollte unbedingt, dass sich das Publikum mit Finn/Helen identifiziert, mit ihrer Problematik. Und das geht in einem Film mit komödiantischen Elementen leichter: mal fu?hlt das Publikum intensiv mit ihr und mal hat das Publikum den nötigen Abstand, um über die Situation zu lachen. Tragik und Komik liegen ja bekanntlich sehr nah beieinander. Im Mittelpunkt meiner Inszenierung stand aber die Authentizität und Glaubwürdigkeit des Films. Obwohl die Geschichte erfunden ist, so gibt es doch viele Versatzstücke und Momente, die von wahren Geschichten inspiriert sind. Um mich vorzubereiten, habe ich viel zum Thema gelesen, mit Transgendern gesprochen und Psychologen interviewt.

Jannik Schümann und Heino Ferch in "Mein Sohn Helen"

Was war für Sie die größte Herausforderung bei den Dreharbeiten?
Die tägliche Verwandlung von Finn zu Helen und wieder zurück. Wir mussten ganz genau planen, um so weit wie möglich diese Wechsel zu vermeiden, sonst hätten wir zeitlich die Produktion nicht geschafft. Schauspielerisch hatte Jannik mit den Wechseln überhaupt kein Problem, weil er ja die ganze Zeit im Inneren Helen ist. Bei der Inszenierung des Films hat mich ein unglaublich gutes Schauspielensemble unterstützt, mit dem ich sehr schnell die Szenen auf den Punkt bringen konnte. Und natürlich war auch ein bisschen Glück im Spiel, weil Heino und Jannik sich vor und hinter der Kamera so gut verstanden haben.

Wie haben Sie Jannik Schümann bei den Dreharbeiten in der Rolle der Helen unterstützt?
Zunächst einmal ist Jannik ein Ausnahmetalent. Ich hatte ihn ja in meinem Film „Spieltrieb“ schon als abgru?ndigen, intellektuellen und frühreifen Verführer „Alev“ besetzt und wusste um sein Können. Für mich war es wichtig, einen jungen Schauspieler vor der Kamera zu haben, mit dem ich alles ohne Tabus besprechen und ausprobieren konnte. Und da ich um Janniks Verwandlungskünste wusste – noch dazu ist er unglaublich hübsch – habe ich dem Produzenten Ivo Beck Jannik sofort vorgeschlagen.”

Jannik Schümann über den neuen Film "Mein Sohn Helen"

“Ivo hatte Jannik in einem anderen Film gesehen und wollte ihn mir parallel vorschlagen. So hatten wir einen Favoriten ohne großes Casting für diese schwere Rolle. Dann folgte eine schrittweise Vorbereitung für Jannik auf die Rolle. Es gab kontinuierlich Kostüm- und Make-up-Proben, bei denen wir uns viel Zeit genommen haben. Wir sind gemeinsam los und haben in aller Öffentlichkeit Mädchenkleider probiert, um dieses Gefühl zu bekommen, wie sich Finn/Helen fu?hlt. Jannik hat zudem intensiv mit seinem Coach gearbeitet, und zum Dreh kam ein bestens vorbereiteter Schauspieler, mit dem ich sehr schnell den richtigen Gestus für unsere Hauptfigur gefunden habe. Als die ersten Muster mit Helen kamen und der Colorist „von diesem schönen Mädchen“ schwärmte und dabei nicht wusste, dass es ein verkleideter Junge war, wurde mir klar, dass wir alles richtig gemacht haben.

Jannik Schümann und Heino Ferch in "Mein Sohn Helen"

Fotos: ARD Degeto/Britta Krehl