Mittwoch, 29. April 2015, 9:32 Uhr

Am Berliner Techno-Strich geht's mit dem "Haubentaucher" weiter

In Berlin ist der Hype um neue Orte groß. So war es früher beim ‘Soho House’, dem ‘Klunkerkranich’ oder eben beim ‘Badeschiff’. Jetzt kommt der ‘Haubentaucher’. Was verbirgt sich dahinter?

In Berlin macht ein Schwimmbad auf. Warum sollte man das wissen? Ganz einfach: zum Mitreden. Der Poolclub ‘Haubentaucher’ wird vermutlich bald in den Reiseführern und in den Magazinen der Billigflieger stehen.

Er liegt auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain, einem der wenigen Orte, die noch nach dem wilden Berlin der 90er Jahre aussehen, mit Graffiti und Fabrikruinen-Charme. Die Gegend ringsum hat wegen der Clubs mal den Spitznamen “Techno-Strich” bekommen. Berlin übt sich dort in Großstadt-Trends: An Sonntagen stehen die Leute Schlange, um an Imbissbuden teures “Streetfood” zu essen. Bei der Party “Morning Gloryville” wird morgens vorm Büro getanzt, bei Yoga und Smoothie.

Am Donnerstag macht der ‘Haubentaucher’ auf. Es dürfte voll werden. In Berlin ist der Hype um neue Orte groß, so war es beim “Soho House”-Club, der nur für Mitglieder zugänglich ist, und bei der ‘Klunkerkranich’-Terrasse auf einem Neuköllner Parkdeck. Das ‘Badeschiff’ auf der Spree ist schon seit Jahren kein Geheimtipp mehr. Im Sommer stapeln sich dort am Pool Backpacker aus aller Welt, die ARD hatte dort ein WM-Studio.

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Der 7000 Quadratmeter große “Haubentaucher” wurde unter freiem Himmel in ein altes Eisenbahn-Gemäuer hineingebaut. Neben dem etwa 20 Meter langen Becken finden sich ein Biergarten, ein Lounge-Bereich und eine Halle für Events – darauf ein riesiges Bild des namensgebenden Wasservogels. Geworben wird mit einem “Sundeck im Stil der Côte d’Azur in den 60er Jahre”.

Einer der Betreiber übt sich da eher in Understatement. “Das hat nicht den Anspruch, Szene zu sein”, sagt Jan Denecke (41). Einen Türsteher mit Gesichtskontrolle soll es nicht geben. Drei Euro kostet der Eintritt. “Hier kann man auch gut ohne Badehose hingehen”, findet Denecke. Am Pool sitzen und aufs Wasser schauen, das sei ein bisschen wie ins Feuer gucken. Es soll eine Adresse für tagsüber oder den Feierabend-Drink werden.

Inspiriert ist das Ganze vom Sonar Festival in Barcelona, das den vier Betreibern wegen der Kombination aus Pool, Open Air und Musik gefiel. Sand wird nur wenig verwendet: Die großen Zeiten von Strandbars sind vorbei. “Wir können keinen Sand mehr sehen…”, sagt Denecke lachend.

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Yoga statt Wodka, Pool statt tagelanger Party – wird Berlin jetzt erwachsen und verlegt sich aufs Tagesgeschäft? Lutz Leichsenring von der Clubcommission, dem Dachverband der Clubs, sieht das anders. Morgen-Partys etwa könnten demnach vielleicht ein ähnlicher Hype sein wie ‘After Work Partys’, von denen niemand mehr rede.

Und: “Das ist doch auch das Spannende an Großstädten, dass man aus so vielen Richtungen die verschiedensten Ideen miteinander kombinieren kann – und dann auch noch auf genügend Leute trifft, die das auch interessiert.” Der Mix wird immer bunter, wie Leichsenring schildert: Auf einer Party wird Dub-Musik mit zerkratzten Schellack-Platten kombiniert. Neben der Tanzfläche schreiben Leute an einer alten Schreibmaschine Lyrik, im anderen Raum warten eine Siebdruckwerkstatt und ein ‘Chai-Zelt’ mit indischem Tee.

Nun also eine neue Bade-Adresse. Zu Eröffnung ab 17.00 Uhr wollen die ‘Haubentaucher’-Betreiber Synchronschwimmer einladen. Auf seiner Facebook-Seite hat der Poolclub fast 5000 ‘Gefällt mir’-Daumen bekommen. Mal sehen, ob sich das an den Schlangen vorm Eingang spiegelt. (Caroline Bock, dpa)