Montag, 04. Mai 2015, 22:12 Uhr

Beltracchi: Der Weltklasse-Fälscher stellt in München aus

Kein Meister war vor ihm sicher. Mit unglaublichen Geschick fälschte Wolfgang Beltracchi berühmte Maler. Das machte ihn berühmt. Für seine Werke blättern Kunstliebhaber nun fünfstellige Beträge hin. Erstmals zeigt er seine Werke nun in Deutschland unter seinem Namen.

Beltracchi: Der Weltklasse-Fälscher stellt in München aus

Max Ernst, Heinrich Campendonk, Max Pechstein, Henri Matisse, aber auch Albrecht Dürer und Rembrandt. “Ich kann alle”, sagt Wolfgang Beltracchi – und meint nicht Porträts dieser Künstler, sondern deren Stil.

Als Meisterfälscher machte er Millionen, als Meisterfälscher wurde er berühmt – und als solcher wurde er 2011 verurteilt. Beltracchi führte die Kunstwelt hinters Licht – und brüskierte Kenner und Gutachter, die seine Werke berühmten Malern zuordneten.

Dabei habe er die Bilder gar nicht gefälscht, sondern nur den Namen darunter, sagt er selbst. Niemals habe er Bilder kopiert. Vielmehr dachte er sich in den Künstler hinein. Er schuf Bilder, die sich nahtlos in das Werk einfügten – und die Experten teils als die besten des jeweiligen Künstlers lobten. Bis 2010 der Schwindel aufflog: In dem Bild “Rotes Bild mit Pferden” wurde modernes Titanweiß nachgewiesen – das es zu der angegebenen Entstehungszeit der Bilder von Campendonk noch nicht gab. Beltracchi gestand seine Fälschungen.

Während der Haft arbeitete er im offenen Vollzug weiter. Gläubiger sind zu befriedigen. Und sein Sohn und seine Tochter sind im Studium zu unterstützen. Erstmals seit seiner Haftentlassung im Januar präsentiert der 64-Jährige nun zusammen mit seiner Frau Helene in Deutschland seine eigenen Bilder unter eigenem Namen.

Unter dem Titel “Freiheit” zeigt die Galerie “art room9” in München mehr als 20 “echte” Beltracchis. Preisspanne: knapp 8.000 Euro bis 70.000 Euro. “Die Preise haben sich im vergangenen Jahr verdoppelt und verdreifacht”, sagte Galerist Curtis Briggs am Montag. “Er kann sich nicht retten vor Anfragen.”

Charmanter Gauner, Freigeist, gemeiner Krimineller – oder einer der bedeutendsten und wichtigsten Künstler der Gegenwart, wie Curtis sagt – die Meinungen gehen auseinander.

Mehr zu Beltracchi: Die wahre Story des größten Kunstfälscher aller Zeiten

Mit den in München ausgestellten Bildern wagt Beltracchi ein gelungenes Cross-over der Stilrichtungen. “Tanz auf der Treppe” etwa: Beltracchi knüpft an Fernand Légers “La Sortie des Ballets Russes” an, kubistische Elemente fließen zusammen mit Oskar Schlemmers “Bauhaustreppe” – auch wenn sich das dem unvoreingenommenen Betrachter nicht auf den allerersten Blick erschließt. In “Trois Fauves à la Ciotat” vereinen sich Stilformen dreier Maler. Freiheit bedeute auch, dass er sich nun nicht mehr präzise an die Handschrift eines Künstlers halten müsse, sagt der Künstler.

“Meine Handschrift ist nicht nur meine Handschrift, sondern die Handschrift all der Maler, mit denen ich mich beschäftigt habe”, erklärt Beltracchi. Seinen “eigenen” wiedererkennbaren Stil finden – das ist für ihn überhaupt kein Ziel. “Ich würde mich zu Tode langweilen, wenn ich jetzt immer wieder das Gleiche machen sollte.”

Schon vor der Vernissage am Montagabend in München ist das erste Bild verkauft: “Le Pont de Chatou”, im Stil von Maurice DeVlaminck, angesetzt für 39.900 Euro. Der dreiste Betrug hat Beltracchi und sein unglaubliches Talent berühmt gemacht. Wer ein Porträt will, muss ein halbes Jahr warten. Und 50 000 Euro hinblättern. Er bekommt dafür sein Konterfei im Stil berühmter Meister.

Schon gibt es: Harald Schmidt im Stil von Otto Dix, Gloria von Thurn und Taxis im Stil von Lucas Cranach dem Älteren, Christoph Waltz im Stil von Max Beckmann – und seine Tochter Franziska Beltracchi im Stil von Sandro Botticelli. Wie er es schafft, in so vielen Stilrichtungen zuhause zu sein: “Ich denke, es ist ein genetischer Defekt”, witzelt er.

Noch im Gefängnis erhielt der Meisterfälscher «unseriöse» Angebote. Etwa habe ein Kunstfonds angeboten, er solle zwei Gemälde für einen zweistelligen Millionenbetrag fälschen – fast ohne Risiko: Die Bilder hätten fünf Jahre im Tresor gelegen, dann wäre die Tat verjährt gewesen. Aber: “Für kein Geld der Welt” würde er das tun.

Ob er sich sein früheres Leben zurückwünsche? Natürlich, sagt er. “Früher hatte ich meine Ruhe und war reich. Jetzt bin ich weder reich noch habe ich meine Ruhe.” (Sabine Dobel, dpa)