Mittwoch, 13. Mai 2015, 19:39 Uhr

Sex-Sendungen erleben Revival im deutschen Fernsehen

Jahre nach ‘Tutti Frutti’ und ‘Peep!’ sind Erotik-Sendungen zurück im TV. Nackte Haut und gebrochene Tabus scheinen beim Publikum noch immer anzukommen – trotz oder wegen des Internets?

Sex-Sendungen erleben Revival im deutschen Fernsehen

Bienchen und Blümchen, das war einmal. Heute sind es jugendliche YouTuber, die an einer Holzattrappe erklären, wie man ein Kondom richtig benutzt. Mehr als eine Million Klicks hat ein solcher Clip auf dem Portal. Der Kopf dahinter: Sexualpädagoge Jan Winter mit seinem Aufklärungskanal ’61 Minuten Sex’, den es seit 2010 gibt.

Weil auch das Fernsehen das Thema mit zahlreichen Sendungen wiederentdeckt hat, haben die Medienanstalten Jan Winter am Dienstagabend zu einer Diskussionsrunde geladen: Den Sex-Trend im TV und Internet beleuchten in deren aktuellem Programmbericht mehrere Experten. Gestartet seien zuletzt etwa Reality-Formate wie die Datingshow ‘Adam sucht Eva’, Dokus und fiktionale Serien wie ‘Masters of Sex’. Zuvor: Lange Zeit weitgehendes Desinteresse auf den Kanälen.

Sex-Sendungen erleben Revival im deutschen Fernsehen

Denn bereits in den 80er und 90er Jahren hatten Privatsender die letzten Grenzen ausgetestet und Tabus gebrochen, um Aufmerksamkeit zu bekommen: Es waren die Zeiten von Erika Berger, Lilo Wanders und Verona – damals noch – Feldbusch. Und es war die letzte große Sex-TV-Welle, bevor “das Internet uns mit Pornografie überschwemmt hat” – bis jetzt, wie Joachim Becker beobachtete, Direktor der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien.

Dabei können sich MDR und SWR mit der Reihe ‘Make Love’ nun durchaus als Trendsetter sehen: Seit 2013 hat die Sendung mit der Sexologin und Autorin Ann-Marlene Henning viele Kritiker überzeugt, und den Quoten nach ist sie auch beim Publikum beliebt. Echten Paaren stand Henning im Notfall auch mit dem Plüschmodell einer Vagina zur Seite.

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“Ordentlicher Inhalt zu sexuellen Themen” unabhängig vom Medium sei heute notwendig als Gegengewicht zur Porno-Fülle im Netz, schreibt Henning in einem Beitrag im Medienanstalten-Bericht. Das bedeute: Realistische, humorvolle Inhalte ohne künstliche Scham.

Dass das Netz die Offenheit im TV weiter befördert hat, notiert Eun-Kyung Park aus der Geschäftsführung von ProSiebenSat.1: “In einer Zeit, in der ein Porno nur einen Mausklick entfernt ist, haben im Fernsehen alte Schamgrenzen endgültig ausgedient.”

Für die Liebesexpertin des Privatsenders Sixx, Paula Lambert (‘Paula kommt’), wagen die Sender aber noch zu wenig. Tabubrüche meint sie damit nicht: Sie wünsche sich mehr “normale” Themen, sagte sie in Berlin. Den Hype um die ’50 Shades of Grey’-Reihe und Sadomaso sieht die Moderatorin kritisch: “Die Leute denken plötzlich, sie müssten sich den Mund mit Tape zukleben, um aufregenden Sex zu haben.”

Die neue Welle vergleicht die Professorin für Medien und Kommunikation, Dagmar Hoffmann (Universität Siegen), auch mit anderen Formaten, in denen das Fernsehen Menschen in allen Lebenslagen hilft: beim Schuldenabbauen oder Kochen etwa. “Wenn alles erklärt wird, kann der Spaß auch vorbei sein.”

Doch für die Moderatoren geht der Aufklärungsbedarf vor: Viele Jugendliche hätten niemanden, dem sie sich bei intimen Fragen anvertrauen könnten und suchten Hilfe im Netz, sagte Paula Lambert. Winter berichtete von sexuell Unzufriedenen, die sich an ihn wenden würden. Besonders gefragt: Technik-Tipps.

Eine verrohte Jugend, “Generation Porno”, beobachtet Expertin Hoffmann allerdings nicht: Romantische Vorstellungen hätten ganz und gar nicht ausgedient. (Gisela Gross, dpa)

Foto: MDR/gebrueder beetz filmproduktion, SIXX, Fotolia