Donnerstag, 21. Mai 2015, 12:51 Uhr

Lindemann: Alles über das erste Album des Rammstein-Sängers

Lindemann, das Projekt von Rammstein-Sänger Till Lindemann und Peter Tägtgren (Pain, Hypocrisy), veröffentlichen am 19. Juli 2015 ihr lange erwartetes Debüt-Album ‘Skills In Pills’ weltweit bei Warner Music. Drei Wochen vorher, am 29. Mai erscheint als erster Vorbote die Single ‘Praise Abort’.

Lindemann: Alles über das erste Album des Rammstein-Sängers

Es fing so an: Eine Szene wie im Western: Flake Lorenz und Till Lindemann haben während der Produktion des Rammstein-Albums ‘Mutter’ einige Tage frei. Mit ein paar Freundinnen fahren sie in die schwedische Provinz nördlich von Stockholm. Eine kleine Dorfkneipe, das Bier fließt in Strömen, die Luft vibriert. “Es lief komische Musik und der ganze Laden war voll mit Bikern aus der Gegend”, sagt Lindemann lachend. Die heimelige Atmosphäre droht indes zu kippen, als der Ex-Freund einer ihrer Begleiterinnen eine Eifersuchtsszene vom Zaun bricht. Es droht eine klassische Dorfkneipenschlägerei, doch im letzten Moment geht unerwartet jemand dazwischen. “Das sind die Jungs von Rammstein, die sind in Ordnung”, sagt Peter Tägtgren laut und deutlich. Die Situation entspannt sich, die Nacht nimmt ihren Lauf – und endet schließlich in Tägtgrens Haus bei einigen Flaschen Schnaps aus der Destille seines Bruders.

14 Jahre nach jenem denkwürdigen Abend posieren zwei Protagonisten von damals für ein besonderes Foto. Die kunstvolle Aufnahme – sie zeigt Till Lindemann und Peter Tägtgren als morbides Brautpaar – ist Vorbote des Produkts einer besonderen Freundschaft, deren Grundstein damals in Schweden gelegt wurde. Über die Jahre waren Lindemann und Tägtgren in Kontakt geblieben, hatten immer wieder über Projekte geredet –, um jetzt mit ‘Skills In Pills’ tatsächlich ein gemeinsames Album vorzulegen.

Ein Werk, so viel darf bereits verraten werden, auf dem es den Musikern gelingt, das Beste aus ihren jeweiligen Welten zu einer hochmelodiösen Gothic-Industrial-Metal-Legierung der Extraklasse zu verschmelzen.

Lindemann: Alles über das erste Album des Rammstein-Sängers

Vorzustellen braucht man die beiden eigentlich nicht: Till Lindemann setzt als Sänger und Frontmann von Rammstein seit 20 Jahren international Maßstäbe. Mit einem alle Aspekte ihrer künstlerischen Arbeit umspannenden Konzept haben Rammstein als Live- und Album-Künstler ein eigenes musikalisches Genre kreiert. Überdies gilt der 52-jährige geborene Leipziger Rockstar zu Recht als einer der besten deutschen Texter; seine naturalistische Lyrik floss nicht zuletzt in zwei Gedichtbände ein. Der Schwede Peter Tägtgren wiederum hat mit Pain und Hypocrisy Death- und Black-Metal-Geschichte geschrieben. Ein unermüdlicher Tausendsassa, der jedes Instrument spielt und in seinem legendären Studio The Abyss in den vergangenen 20 Jahren alles produzierte, was nicht nur im skandinavischen Metal Rang und Namen hat.

Zwei besondere Musiker also, die ihre gesammelte Erfahrung nun konsequent gebündelt haben.

Lindemann: Alles über das erste Album des Rammstein-Sängers

Der Weg für das Projekt war freigeworden, als bei Rammstein eine längere Pause anstand und Tägtgren und Lindemann einander bei einem Festival im Sommer 2013 wiedertrafen. Der erste Song, den die beiden aufnahmen, war dann ‘Ladyboy’. Ein Lied über die shemale-dominierte Rotlicht-Szene von Bangkok, laut Lindemann “die traurigste Szene der Welt”. “Von diesem Momente an ergab sich alles automatisch”, erinnert sich Peter Tägtgren. “Till brachte sich massiv bei den Arrangements ein, es war vom ersten Tag an eine wunderbar beflügelnde Kooperation.”

In den folgenden Monaten entstand eine Menge Material, das die beiden schließlich in Peter Tägtgrens The-Abyss-Studio nördlich von Stockholm aufnahmen.

Lindemann_Praise_AbortSingleCover

Auf durchaus unkonventionelle Art und Weise: “Die Produktion hatte einen gewissen Urlaubscharakter”, sagt Lindemann. “Peters Studio ist direkt an einem See gelegen. Ich konnte vom Fenster aus meine Angel auswerfen, und während wir gearbeitet haben, hat immer mal wieder was angebissen.” Am Abend habe man den Fisch gemeinsam geräuchert, um dann beim Essen die Ergebnisse des Tages zu besprechen. “Normalerweise sind mindestens vier oder fünf Leute im Studio, von denen jeder andere Vorstellungen hat, die man irgendwie koordinieren muss. Bei uns war das viel stressfreier und organischer”, sagt Tägtgren.

Der Titelsong, ein zynisch-spöttisches Stück über dem Umstand, dass es in unserer Leistungsgesellschaft von der Geburt bis zum Tod für alle Situationen die passende Pille gibt. “Das geht auf jemanden zurück, den ich nach einer Party flüchtig kennen gelernt hatte”, erklärt Till. “Dieser Typ war radikal gegen illegale Drogen, nahm aber den ganzen Tag über irgendwelche Pillen gegen und für alles.”

Lindemann: Alles über das erste Album des Rammstein-Sängers

Unterlegt ist die ironische Pillenhymne mit Industrial-Sounds sowie einem langsam ansteigenden Chor. Martialische Beats und gewaltige Riffs wechseln sich mit ruhigeren Passagen ab, schließlich mündet alles in einen Instant-Hit-Hammer-Refrain: »All the left is right / All the black is white / All the fast was slow / All the loose is tight.« So beginnt ein Album, dem man den Spaß, die Frische und die besondere Energie seines Produktionsprozesses deutlich anhört. Lindemann singt melodischer und variabler denn je, die Refrains sind hochmemorabel, die Produktion ist gewaltig. “Dieser Typ ist magisch”, sagt Lindemann über Tägtgren. “Ich habe selbst einige Produktions-Skills, aber was der hier macht, ist einfach unfassbar.”

Ein andermal spielte Lindemann Tägtgren einen Song von Adele vor und brachte ihn so auf den rechten Weg für das eröffnende Klaviermotiv von ‘Yukon’, ein kontinuierlich anschwellendes Epos, zu dem Till während einer Kanutour durch Alaska und Kanada inspiriert wurde. (Torsten Gross)

Fotos: Warner Music, Tomaso Baldesarini, Stefan Heilemann