Samstag, 23. Mai 2015, 11:37 Uhr

Conchita Wurst im großen Interview: "Ich bin ein Glückskind"

Die Conchita-Wurst-Festwoche geht in die Zielgerade! In dieser Woche bekam die Vorjahressiegerin des Eurovision Song Contest nicht nur Platin für ihr Album „Conchita“ (Sony) verliehen. Frau Wurst glänzte auch in den beiden Halbfinalen mit ihrem Showtalent.

Conchita Wurst im großen Interview: "Ich bin ein Glückskind"

Am Sonnabend treten nun 27 Nationen beim Finale des Grand Prix in Wien gegeneinander an. Welche Gefühle die 26-jährige Sängerin und Schwulen-Ikone dabei überkommen, wie sie heute lebt, und ob sie Tipps von Cher für ihren Auftritt beherzigt, erzählte sie klatsch-tratsch.de-Autorin Katja Schwemmers im Interview.

Conchita, du hast über deinen Grand-Prix-Auftritt vom letzten Jahr gesagt, es sei eine fast außerkörperliche Erfahrung gewesen. Es ist ja fast ein bisschen schade, dass du dich an deinen großen Moment nicht mehr erinnerst!
Ich bin davon überzeugt, dass das ein Schutzmechanismus war! Weil man sonst vielleicht in so einer Situation kollabieren würde. In dem Moment, wenn man dort singt, fühlt man sich, als würde da niemand sitzen. Davor ist es noch anders: Bis zum Bühnenrand denkt man an die 200 Millionen Zuschauer und daran, dass es um was geht. Aber dann stehst du da, der Scheinwerfer geht an, durch das Licht ist alles andere schwarz. Und eigentlich ist man allein. Aber das ist auch sehr entspannend. Das ist ein Feeling, das ganz viele Künstler auf der Bühne haben, was es dann auch so wahnsinnig schön macht.

Diesmal kannst du die Veranstaltung etwas gelassener angehen …
Diesmal darf ich das Gleiche noch einmal erleben. Es sind fast die gleichen Emotionen wie letztes Jahr, nur mit weniger Anspannung. Es fühlt sich aber auch ein bisschen an wie Klassenfahrt, denn auch die Teammitglieder vom letzten Jahr sind alle wieder dabei.

Conchita Wurst im großen Interview: "Ich bin ein Glückskind"

Du bist auch in allen U-und S-Bahnen in Wien zu hören.
Ja, und das sogar in drei Sprachen! Ich fand das eine schöne Idee. Ich sage nicht tatsächlich die Stationen an, ich beschreibe eher: „Hier geht’s zum Songcontest, hier geht’s zum Public Viewing.“ Und ich gebe auch allgemeine Belustigungen von mir. Ich habe mich so sehr darüber gefreut, dass gerade die Wiener Linien das Ganze mit ein bisschen Augenzwinkern umgesetzt haben. Ich musste beim Einsprechen der Texte lachen. Es beginnt immer sehr seriös, und es hat immer ein total absurdes Ende. So was wie: „Die Liebe ist wie eine U-Bahn, außer Sie haben kein Ticket.“

Udo Jürgens wäre ja gerne mit dir beim 60. Eurovision Song Contest aufgetreten. Wie traurig bist du, dass es dazu nicht mehr kommt?
Ich habe ihn leider nie kennenlernen dürfen! Ich war aber davon überzeugt, dass wir das spätestens beim Songcontest erledigt haben. Leider wollte es das Schicksal anders. Wie unfassbar traurig das ist, darüber muss man gar nicht sprechen. Aber was für eine Inspiration er war, gerade auch für österreichische Künstler, ist unglaublich. Aus unserer Musikszene habe ich immer wieder gehört, dass wir allein schon deshalb nicht den Song Contest gewinnen können, weil wir aus Österreich kommen. Das schwang immer so ein bisschen mit. Und da war natürlich Udo Jürgens, neben zahlreichen anderen Künstlern, der Beweis dafür, dass man es trotzdem zu etwas bringen kann.

Dank junger Bands wie Wanda und Bilderbuch passiert musikalisch momentan sehr viel in Österreich. Verfolgst du auch die Indie-Szene?
Ja, und ich finde es wahnsinnig toll, dass ganz viele motiviert wurden, nachdem was beim Song Contest passiert ist. Ich habe viele Musikerfreunde, die gesagt haben: „Du hast vollkommen Recht. Warum soll ich mich eigentlich mit weniger als allem zufrieden geben?“ Und das ehrt mich immer wahnsinnig. Schön, dass das so gesehen wird.

Du siehst also Effekte von dem, was du losgetreten hast?
In meinem kleineren Umfeld schon. Nichtsdestotrotz kann ich nicht zustimmen, wenn Menschen sagen: „Du hast eine Gesellschaft verändert.“ Das ist zu hoch gehängt. Aber ich bekomme immer wieder von einzelnen Personen gesagt, dass sie inspiriert wurden durch das, was passiert ist. Das ist schön, aber für mich auch immer noch nicht fassbar, dass ich diejenige bin, die so etwas anstoßen konnte.

Normalerweise erinnert man sich nicht mehr an den Vorjahressieger des ESC. Du hast das ganze Jahr für Schlagzeilen gesorgt. Was machst du richtig?
Ich mache nur, worauf ich Lust habe. Das ist auf jeden Fall mein Erfolgsrezept! Ich habe jeden Tag Spaß und muss eigentlich kaum Energie aufwenden, um das hier zu tun.

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Wobei ich gelesen habe, dass das Leben als Dragqueen für dich mitunter sehr anstrengend ist.
Für wen nicht? Wenn ich am Abend meine Schuhe ausziehe, merke ich erst, wie weh sie getan haben. Und es sind nicht nur die Schuhe, die schmerzen!

Cher hatte dir geraten, eine andere Perücke zu wählen!
Ja, mein Hairstylist war tief gekränkt darüber. Er ist mein bester Freund, und wir wohnen zusammen. Und ich habe dann zu ihm gesagt: „Schau, am Ende des Tages kommt diese Kritik von einer Göttin, die trotzdem eine Papierperücke in ihrem letzten Video getragen hat.

Du wohnst immer noch in einer WG mit ihm, oder?
Genau! Wir wohnen nach wie vor zusammen. Mir gefällt das auch, weil mein privates Leben so vollkommen unspannend ist. Das genieße ich so. Ich habe mit diesen zwei Welten, mit dieser Entscheidung, das Beste von allem zu bekommen, in dem ich Conchita Wurst zum Leben erweckte, einen wahnsinnig schönen Ausgleich. Ich liebe es, mich aufzubrezeln und mir geborgte Sachen an die Ohren zu heften. Aber ich liebe es auch, einfach nur zu Hause zu gammeln, Pizza zu essen, und wenn es sein muss, dann eben auch die Wäsche zu waschen.

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Wann hast du das das letzte Mal gemacht?
Das mache ich ständig. Irgendeiner muss es ja tun. Auch Müllrunterbringen gehört zu meinen Aufgaben.

Und da stehen nie Papparrazzi vor der Tür?
Nein, um Gottes Willen. In Österreich gibt es doch gar keine Papparrazzi!

Wie findest du raus, wer es ehrlich mit dir meint?
Ich bin prinzipiell eine sehr, sehr misstrauische Person. Beruflich tue ich mich wahnsinnig leicht damit, denn da sprechen Fakten auf beiden Seiten. Privat hat es immer schon sehr lange gedauert, bis ich jemandem mein Herz geöffnet habe. Ich werde also nicht in die Verlegenheit kommen, irgendwann aufzuwachen und zu sagen: „Die haben mich jahrelang nur ausgenutzt!“ Ich glaube nicht, dass mir das passieren könnte. Ich genieße es, temporäre Kurzbekanntschaften zu machen, wenn man abends ausgeht. Deswegen würde ich aber viele dieser Bekannten trotzdem nicht anrufen, wenn mir der Schuh drückt.

Du hast mal gesagt, dass dich von früher noch alte Dämonen plagen, die du auch nicht mehr loswirst.
Ich habe mit gewissen Dingen zu kämpfen, die ich gerne ausgemerzt haben möchte. Als ich in dem Prozess war, mein Buch und damit meine Geschichte zu erzählen, da habe ich bei mir wahnsinnig viele Muster entdeckt. Dinge, die sich wiederholen. Die am Ende dann einen Sinn ergeben haben. Dabei ist mir übrigens aufgefallen, dass mich meine Ungeduld über die Maßen nervt. Ich kann das nicht abstellen, aber daran arbeite ich jetzt.

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Du bist also kein gebranntes Kind?
Nein, um Gottes Willen. Auch wenn ich davon erzähle, wie schwierig meine Teeangerzeit war, denke ich: Alle singen diesbezüglich das gleiche Lied! Selbst die Beliebtesten haben in ihrer Teenagerzeit genug zu verarbeiten. Ich bin ja sowieso der Überzeugung, dass wir selbstbewusst geboren werden, dann kommen die Einflüsse von außen, daraus entsteht Unsicherheit, und diese Unsicherheit versuchen wir für den Rest unseres Lebens abzubauen. So ist es in meinem System. Aber eigentlich halte ich mich für ein Glückskind!

Würde ich momentan unterschreiben!
Das war ich immer schon! Ich hatte wirklich – klopf auf Holz – noch nie ernsthaften Kummer.

Du bist ja auch sehr vergebend. Du warst nicht nachtragend, als du nach deinem Grand-Prix-Sieg im vergangenen Jahr zurück in dein Dorf gekehrt bist und plötzlich mit Jubel überhäuft wurdest.
Weil ich so nicht programmiert bin! Meine Eltern haben mir andere Werte vermittelt. Ich weiß zwar, was war, und was jetzt ist. Aber ich bin auf keinen Fall eine nachtragende Person! Ich lebe auch nach der Überzeugung, dass jeder das Recht hat, seine Meinung zu ändern.

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Was für ein Gefühl war es denn, als du mit 14 Jahren in die weite Welt hinausgegangen bist?
Es war für mich in erster Linie befreiend, weil ich dachte: Jetzt kann ich wirklich so leben, wie ich bin. Was natürlich mit 14 sehr kurz gedacht ist, denn Freiheit sollte ja nicht von einem Ort abhängig sein, sondern die sollte man im Kopf haben! Aber irgendwo musste ich ja anfangen. Mit 18 habe ich mich dann endgültig vor meinen Eltern geoutet und die letzte Angriffsfläche, die ich geboten hätte, zu Nichte gemacht. Seit diesem Tag lebe ich im vollen Bewusstsein und mit unglaublich viel Glück und Liebe in meinem Herzen.

Was hat deine Mutter eigentlich zu deinem Tattoo gesagt? Sie sieht auf deinem Rücken ja aus wie eine Madonna!
Meine Mutter verabscheut Tattoos! Ich habe mittlerweile drei Tattoos, und meine Mama hat bei jedem gestöhnt und gesagt: „Muss das dann sein!“ Und dann habe ich mir von einer Freundin diese Illustration von meiner Mutter anfertigen und auf den Rücken tättowieren lassen. Als ich meiner Mutter das Tattoo gezeigt habe, winkte sie wieder ab. Aber dann guckte sie noch mal hin und meinte: „Oh, das bin ja ich! Das sieht aber toll aus!“ So ist sie halt, meine Mama.

Auf was für einen Typ Mann stehst du eigentlich?
Ich merke, dass ich immer wieder auf einen bestimmten Typ anspringe, aber am Ende des Tages brauche ich jemanden, der mich zum Lachen bringt und mit dem ich Gespräche führen kann, die nicht irgendwann in einer peinlichen Stille münden. Was ich aber sagen kann ist, dass ich graue Haare an Männern mag.

Du wohnst ja jetzt in den besten Hotels. Auf was möchtest du nicht mehr verzichten auf deinen Reisen?
Die meisten Veranstalter wollen es einem so bequem wie möglich machen. Und die sind immer total irritiert, weil auf meinem Rider dann nur steht: ein Wasser, und je nachdem, wie lange es dauert, vielleicht ein Sandwich. Mehr brauch ich nicht. Aber ich liebe es tatsächlich, reisen zu dürfen. Das ist schon ein Privileg, dass ich sehr dankbar annehme.

Du hast dir viel Zeit gelassen mit deiner Platte. Hattest du keine Panik, den Anschluss zu verpassen?
Nein, weil ich selten das tue, was die Gesellschaft von mir verlangt. Ich wehre mich nicht mal explizit dagegen, es passiert einfach immer so, dass ich anders denke, wie viele es von mir erwarten.

Offensichtlich wolltest du erst mal die Zeit genießen mit all den Promis, die dich plötzlich um sich haben wollten wie Jean-Paul Gaultier und Karl Lagerfeld.
Ich wollte all diese Erfahrungen und Erlebnisse mitnehmen, aber im Hintergrund habe ich mich natürlich trotzdem mit Musik beschäftigt. Es mussten aber erst mal Songs gefunden werden, die auf mein Album passen. Und das geht nicht so schnell, wenn es Qualität haben soll. Für mich hatte es also ausnahmsweise genau die richtige Geschwindigkeit.

Mit wem hast du für dein nach dir benanntes Album zusammengearbeitet?
Mir wurden Songs aus der ganzen Welt geschickt. Letztendlich sind es aber viele schwedische Produktionen geworden, die es aufs Album geschafft haben. Und auch mein Produzent schreibt wahnsinnig tolle Songs. Mein Album ist eine europäische Fusion, so wie der Song Contest.

Wo in der Popwelt willst du dich positionieren?
Brauche ich zwingend eine Position? Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich vertraue darauf, dass mir immer was einfällt, um mich selbst zu unterhalten. Hauptsache, ich stehe voll dahinter. Ich war ja mal Mitglied in einer Boyband, wir haben deutschsprachigen Pop gemacht, der ja OK ist. Aber ich habe keine Freude daran gehabt, deutschsprachigen Pop zu machen. Deswegen hat das auch für mich nicht funktioniert.

Conchita Wurst im großen Interview: "Ich bin ein Glückskind"

Du warst zur Grammy-Verleihung in diesem Jahr kurz in den USA. Wie ernst sind deine Absichten, Amerika zu erobern?
Ich habe mir absolut vorgenommen, den Grammy zu holen! Wenn man in der Musikbranche ist, braucht man große Ziele. Zumindest ich funktioniere so. Ich weiß nicht, ob ich jemals einen Grammy gewinne, aber ich will einen! Und das ist mein Weg. Vermutlich muss ich bis zum Ziel sehr viele Umwege machen. Spannend ist dann, was ich alles mitnehmen werde auf dieser Reise. Vielleicht komme ich dann kurz vorm Ziel darauf, dass ich eigentlich schon viel tollere Dinge erlebt habe, als einen Grammy zu gewinnen. Aber: Das ist der Schlachtplan!

Willst du deine politische Attitüde weiterhin nach außen kehren?
Ich tue mich immer ein bisschen schwer mit dem Wort Politik. Es macht es zwar leichter verständlich. Aber das, was ich sage und denke, hat ja eigentlich nichts mit Politik zu tun. Wir wollen ja alle respektiert werden, ernst genommen werden und konstruktiv und positiv miteinander umgehen. Es ist schade, dass es zu einem Politikum wird, weil es selbstverständlich sein sollte. Somit werde ich immer wieder, wenn ich irgendwohin eingeladen werde, mit Freude darüber sprechen, Reden halten vor dem EU-Parlament und diese unfassbar einflussreichen Menschen kennenlernen wie beispielsweise UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon.

Genießt du deinen Status als Schwulenikone?
Ich werde oft als Ikone oder Vorbild bezeichnet, was ich absolut nicht unterschreibe, denn all das, was ich mache, mache ich aus einem sehr egoistischen Grund: Weil es mir Spaß macht und weil ich denke, dass ich das sagen muss. Und nicht, weil ich jemanden damit gefallen möchte.

Du wirbst für die Bank Austria, wie passt das zusammen? Das schmutzige Bankensystem und Conchita Wurst?
Mir war diese Bankgeschichte aus vielerlei Hinsicht sehr wichtig. Wenn ein konservatives Unternehmen wie eine Bank eine Dragqueen mit Bart als Testimonial anheuert, ist das für mich ein wichtiges Statement. Es nimmt Anfeindungen aus der Mitte der Gesellschaft den Wind aus den Segeln. Wenn man der Gesellschaft immer wieder zeigt, dass das alles normal ist, dann wird es zu einer Selbstverständlichkeit. Dann wird darüber irgendwann nicht mehr debattiert.

Fotos: Thomas Hansen, Elena Volotova (EBU)