Mittwoch, 10. Juni 2015, 21:18 Uhr

Filmkritik "Victoria": Atemberaubender und großer Berlin-Film

Beim Deutschen Filmpreis, der Mitte Juni vergeben wird, ist er in gleich sieben Kategorien nominiert: ‘Victoria’ von Sebastian Schipper. Ein Film, der bereits bei der Berlinale im Februar für einige Aufmerksamkeit sorgte; und der dort dann doch “nur” mit einem Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung ausgezeichnet wurde.

Filmkritik "Victoria": Atemberaubender und großer Berlin-Film

Das Besondere an ‘Victoria’: Gedreht ist der 140-Minüter in nur einer einzigen Einstellung. Es gibt in diesem Film keine Schnitte, kein Innehalten der Darsteller und keine Pause für den Kameramann.

‘Victoria’ erzählt von vier Berliner Kerlen, die in einer turbulenten Nacht auf eine junge Spanierin treffen und gemeinsam mit ihr um die Häuser ziehen. Wobei es vor allem um ein Pärchen geht: “Sonne” gespielt von Frederick Lau und Victoria, verkörpert von Laia Costa. Victoria trifft auf die Jungs, die wir nur kennen lernen unter ihren herrlich berlinerischen Straßennamen “Sonne”, “Blinker”, “Fuß” und “Boxer” vor einem dunklen, von Technobeats erfüllten Kellerclub irgendwo im Grenzgebiet von Berlin-Mitte und Kreuzberg.

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Man hängt daraufhin zusammen ab an einem Spätkauf im weniger bekannten Teil der legendären Friedrichstraße, man läuft herum, trinkt Bier und raucht, und schnell wird klar, dass vor allem “Sonne” und Victoria einen Draht zueinander haben. Und das, obwohl er kein Spanisch und sie kein Deutsch spricht. Die Nacht könnte ewig so weitergehen, wenn da nicht die Schuld wäre, die “Boxer” (Franz Rogowski aus “Love Steaks”) noch zu begleichen hätte. Es geht um nicht weniger als einen Bankraub, aus dem die vier Jungs Victoria zunächst heraushalten wollen. Als aber einer von ihnen ausfällt, springt die Spanierin als Fahrerin des Fluchtautos ein.

Man folgt “Victoria”, diesem filmischen Experiment, gebannt und mit großer Anteilnahme. Und man ist schnell eingenommen von dem lebensnahen Spiel der Darsteller. Wobei vor allem Frederick Lau, den man aus Filmen wie “Die Welle” oder “3 Türken & ein Baby” kennt, mit seiner liebenswürdigen Art begeistert. Zwölf Seiten lang nur soll das Skript zum Film gewesen sein, ein Gutteil der Dialoge ist improvisiert. Und gerade das tut “Victoria” ungemein gut.

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Der deutsche Film ist oft formel- und zaghaft, mit vorhersehbaren Storys und lebensfernen Dialogen. Nicht so Sebastian Schippers Film, der, bevor er bei der Berlinale im Wettbewerb lief, von mehreren renommierten Festivals abgelehnt worden sein soll. Am Ende, nach fast zweieinhalb Stunden, sitzt man erschöpft im Kinosessel, erschöpft von einem Abenteuer, wie es das deutsche Kino noch nicht gesehen hat.

Filmkritik "Victoria": Atemberaubender und großer Berlin-Film

‘Victoria’ ist ein kleines logistisches Wunder (erst beim dritten Anlauf klappte der nächtliche Dreh) und ein sehr mutiger Film. Ähnlich mutig, wie der große Überraschungsfilm der vorjährigen Berlinale, der über einen Zeitraum von zwölf Jahren gedrehte ‘Boyhood’ von Richard Linklater. Sowohl Linklaters Langzeitstudie aber über einen texanischen Jungen als auch Schippers Langlauf-Einstellung, sind in der Lage, einem den Glauben an die Innovationskraft des Kinos ausgerechnet in Zeiten zurückzugeben, in denen die Feuilletons voll sind von Lobpreisungen eines anderen Mediums: der über mehrere Staffeln angelegten TV-Serie.

‘Victoria’ ist zudem ein großer Berlin-Film; mit seinen schnodderigen, direkt von der Straße kommenden Dialogen, seinen authentischen Figuren und dem Filmpärchen des Jahres (Frederick Lau/Laia Costa) steht er für ein Lebensgefühl, das es so wohl in keiner anderen Großstadt gibt. (Matthias von Viereck, dpa)

Fotos: Senator