Freitag, 12. Juni 2015, 21:56 Uhr

Giorgio Moroder und sein erstes Album seit 30 Jahren

Von wegen Altes Eisen! Nach 30 Jahren bringt der Disco-Pionier und dreifache Oscar-Preisträger Giorgio Moroder wieder eine eigene Platte heraus. Mit dabei: Das Who’s who der aktuellen Dance-Musik. Beine stillhalten? Schwierig.

Giorgio Moroder und sein erstes Album seit 30 Jahren

Nun ist auch Kylie Minogue bei Hansjörg schwach geworden. Zwar muss sie sich hinter Barbra Streisand und Donna Summer einreihen. Aber zu der Zusammenarbeit mit einer Produzenten-Legende wie Giorgio Moroder – so nämlich kennt man den als Hansjörg geborenen Dance-Mogul – kann wohl auch ein Superstar nicht Nein sagen.

Auf Moroders erster Solo-Platte seit rund 30 Jahren sorgt die Australierin als Gastmusikerin mit ihrem Glam-Pop für jede Menge Zauber. Es ist genau die richtige Mischung aus Kylies Sex-Appeal und dem Dancefloor-Beat des berühmten Schnauzbartträgers. Aber auch sonst ist das Album ‘Déjà-vu’ eine glänzend polierte Discokugel, die unzählige Reflexionen einer langen Karriere in den Tanzsaal von heute hinein spiegelt.

Moroder beginnt früh: Der Sohn einer Bergbauernfamilie bringt sich als Teenager selbst Gitarrespielen bei. Bei der ersten Chance, das Südtiroler Grödnertal zu verlassen, ist er weg und tingelt mit einer Band durch die Nachtclubs Europas. Am Tag seiner letzten Schulprüfung habe er hingeschmissen und sei los, hat Moroder einmal erzählt. Letztlich gelangt er Anfang der 1970er nach München und richtet sich dort sein ‘Musicland’-Tonstudio ein. Erst komponiert und produziert er für deutsche Interpreten wie Mary Roos und Michael Holm. Mit ‘Looky Looky’ steigt er selbst in die Hitparade ein.

Der internationale Durchbruch kommt 1975 mit der 17 Minuten lang stöhnenden Donna Summer. Das von Moroder produzierte ‘Love To Love You Baby’ wird zum Welthit. Bald folgt Summers ‘I Feel Love’ – ein Lied, “das nach Zukunft klingt’, wie Moroder im Interview der ‘Zeit’ sagt. “Deshalb habe ich viele der üblichen Instrumente durch Synthesizer ersetzt. Das war damals schon sehr neu.” Keines der hundertfachen Remakes reichte an das zeitlose Orginal heran. Und der Beginn einer neuen Ära.

Giorgio Moroder und sein erstes Album seit 30 Jahren

Ab dann ist der ‘Disco Sound of Munich’ begehrt. Im ‘Musicland’ geben sich weibliche und männliche Diven des Pop-Geschäfts die Klinke in die Hand: Cher, David Bowie, Debbie Harry, Freddie Mercury, Elton John, Iggy Pop, Falco. Grammys und Goldene Schallplatten gibt es en masse. Kaum ebbt die Disco-Welle ab, klopft Hollywood an. Moroder zieht nach Los Angeles, widmet sich der Filmmusik und heimst unter anderem drei Oscars für die Soundtracks von ‘Midnight Express’, ‘Flashdance’ und ‘Top Gun’ ein.

Nun ist Moroder anno 2015 mit eigenen neuen Songs erneut am Start. Die Initialzündung dafür lässt sich vor zwei Jahren finden: Seitdem Daft Punk mit dem Track ‘Giorgio by Moroder’ (vom Grammy-Album ‘Random Access Memories’) dem Urvater ihres Genres ein Denkmal gesetzt haben, ist der Südtiroler in aller Munde. Die französischen Electro-Frickler hätten ihm einen ‘Push’ gegeben, “ins Business” zurückzukehren, sagt er. Seitdem tritt er wieder als DJ auf.

Eigentlich sollte seine Platte ’74 Is The New 24′ heißen. “Auf die Idee kam ich während meiner DJ-Auftritte”, verrät Moroder der ‘Zeit’. Dort sei ein Großteil der bis zu 30 000 Menschen im Publikum immer ganz jung. “Da fühle ich mich dann auch gleich wieder wie Mitte zwanzig.” Doch nach einem Gig – so ehrlich ist der mittlerweile 75-Jährige denn auch – “bin ich dann allerdings immer sehr müde (…) und merke, dass ich doch schon etwas länger dabei bin.”

Gegen Ermüdungserscheinungen hat Moroder für sein neues Album ein Rezept: frischen Wind von jungen Gästen. Mit der Australierin Sia (29) gibt es die umwerfende Lead-Single ‘Déjà-vu’, die nicht minder mitreißend von den angesagten Produzenten der heutigen Zeit hätte produziert werden können. ‘Diamonds’ mit der 22-jährigen Britin Charli XCX vermittelt ein wenig Gwen-Stefani-Rotzigkeit. ‘Right Here, Right Now’ mit der bereits genannten, immerjungen Kylie (47) ist das edle Glanzstück der Platte. Und der Eurodisco-Song ’74 Is The New 24′ kommt im richtigen Moment: genau dann, als der Sound in den Charts wieder salonfähig ist.

Giorgio Moroder und sein erstes Album seit 30 Jahren

Moroder ist durchaus auf der Höhe der Zeit. Die zwölf Songs sind zwar keine Experimente. “Aber Kunst zu machen, die sich auch verkauft: das ist eine Kunst”, hat er einmal gesagt. Und noch ein Moroder-Bonmot, das sich nun bewahrheitet: Der Dance-Musik sei das Alter völlig egal. ( Sebastian Fischer, dpa, KT)

Fotos: Foto: Anna Maria Zunino Noellert