Dienstag, 23. Juni 2015, 16:15 Uhr

Hollywood-Genie James Horner ist tot: Hier ist das spannende letzte Interview

Hollywood-Komponist James Horner starb gestern – wie berichtet – bei einem Absturz seines Kleinflugzeugs. Er wurde nur 61 Jahre alt. Weltrum erlangte der Musiker mit dem Soundtrack zum Blockbuster ‘Titanic’, der sich auf Tonträgern über 30 Millionen Mal verkaufte.

Hollywood-Genie James Horner ist tot: Hier ist das spannende letzte Interview

Horner, der äußerst zurückhaltend und bescheiden auftritt, schrieb überdies auch die Soundtracks zu Filmen wie ‘Avatar’, ‘Aliens’, ‘Troja’, ‘Braveheart’ und dem demnächst erscheinenden Boxerdrama ‘Southpaw’ mit Jake Gyllenhaal.

In seinem letzten Interview, dass er im März mit Katja Schwemmers in Luzern führte, erzählte Horner von seinen Problem mit seinem Lieblingsregisseur James Cameron, dem Haifischbecken Hollywood, und wie er Céline Dion zum Weltstar machte. Als er von dem Erfolg mit ‘Titanic’ erzählte, bekam er feuchte Augen…

Mr. Horner, „Aliens“ war der erste Film, den Sie für James Cameron soundmäßig veredelten. Und es soll nicht die angenehmste Erfahrung gewesen sein!
Das war’s wirklich nicht. Jim trug jede Menge Last auf seinen Schultern, den Film innerhalb der Deadline zu beenden. Und ich hatte auch viel Druck, denn zehn Tage vor Abgabe hatte ich noch nicht mal angefangen mit dem Komponieren, weil Jim nicht fertig war. Es war nervenaufreibend! Das Filmlabor hatte kaum noch Zeit, die Musik zu kopieren. Da sind Reibereien ganz normal. Es war dennoch ein sehr wichtiges Projekt in unserer Beziehung zueinander.

Als „Aliens“ dann zum Erfolg wurde, muss sich das doch versöhnlich ausgewirkt haben.
Wir näherten uns wieder an, aber das brauchte seine Zeit. Erst als „Titanic“ Mitte der Neunziger passierte, dachte Jim wieder an mich. Doch bevor er mich fragen konnte, hatte ich schon bei ihm angerufen und sein Büro um ein Job-Interview gebeten. Ich mag also den ersten Schritt gemacht haben, aber letztendlich sind wir beide aufeinander zugegangen.

Warum waren Sie so interessiert daran, für „Titanic“ die Musik zu schreiben?
Mir war sofort klar, dass der Stoff eine großartige Leinwand für Musik bieten würde! Ich hatte sofort Visionen dafür: Die Musik sollte zwar romantisch, aber nicht unmodern sein und sich stilistisch an Folkinstrumenten orientieren, um ein keltisches Gefühl zu rüberzubringen. Jim wollte sowieso alles vermeiden, was irgendwie so altmodisch klingen könnte wie bei der Original-Verfilmung „Die letzte Nacht der Titanic“ von 1958. Wir wollten keinen Schmalz! Es musste ein cleaner Sound sein, der trotzdem sehr emotional ist. Jims Ansage an mich war eindeutig: „keine Violinen!“ Das Versprechen habe ich später zwar gebrochen, aber ich tat es behutsam. Es funktionierte.

Mit „My Heart Will Go On“ haben Sie Cameron gleich ein zweites Mal hintergangen, weil er auch keinen Popsong im Film haben wollte.
Schon als der Film in Produktion ging, wollte jeder ein Lied dafür schreiben. Da stand die ganze Plattenindustrie Schlange! Aber Jim blieb hart: „keine Songs in meinem Film!“ Er wollte ein historisch akkurates Epos über den Untergang der Titanic kreieren und nicht irgendeinen Hollywood-Film. Doch die fiktionale Romanze zwischen Jack und Rose nahm immer mehr Besitz von dem Film. Den Song „My Heart Will Go On“ machte ich im Geheimen. Ich fragte mich: „Wie halte ich die Leute beim Abspann in ihren Sitzen?“ Sicher nicht mit einem weiteren Stück Orchestermusik! Es musste etwas intimes sein. Der Song entstand aus dem Score heraus. Ich fügte ihn aus verschiedenen musikalischen Themen des Soundtracks zusammen. Und dann fragte ich Céline Dion, ob sie das Stück singen würde. Ich kannte sie seit den Anfängen ihrer Karriere.

Aber Céline Dion wollte erst nicht, oder?
Doch, sofort! Ich selbst spielte ihr und ihrem Ehemann René Angéli den Song am Piano vor und sang den Text dazu. Es muss sich schrecklich angehört haben! Aber beide liebten das Lied. Ich war erleichtert. Denn Céline Dion war damals schon ein riesiger Star.

Durch Sie wurde sie zum noch größten Star!
Das stimmt wohl. Vielleicht wäre sie ohne mich nicht in Las Vegas gelandet. Sie ist bis heute sehr dankbar für das Lied. Die größere Schwierigkeit war, Jim von dem Song zu überzeugen.

Wie haben Sie das angestellt?
Jim ist sehr fokussiert. Ich musste ihn in einem Moment erwischen, wenn er offen ist für Ideen. Und das war, nachdem er ein paar Special Effects des Films angesehen hatte, die ihm nach langwieriger Überarbeitung endlich zusagten. Er war plötzlich in großartiger Stimmung. Ich gab ihm also das Tonband mit dem Lied, er legte es in die Bandmaschine, und nach einigen Sekunden sagte er: „Das ist doch Celine Dion? Und das sind alles musikalische Themen des Scores, oder? Das klingt großartig!“ Er war plötzlich komplett offen für die Idee. Ich schlug ihm geradeheraus vor, das Lied für den Abspann zu benutzen.

Und dann war der Song beschlossene Sache?
Er wollte ihn erst seiner Familie vorspielen. Und er war sich bis zur letzten Minute vor der Abgabe des Films nicht sicher, ob der Song wirklich im Film bleiben würde. Céline Dion rief jede Woche zweimal bei mir an und fragte: „Hat er sich endlich geäußert?“ Bei einer Testaufführung des Films in New York saß das ganze Publikum beim Abspann mit feuchten Augen da. Erst da war die Sache klar. Aber die Zitterpartie war lang.

Niemand soll einen Pfifferling auf den Erfolg von „Titanic“ gegeben haben.
Alle dachten, der Film wäre Müll! Die Filmcompany hatte weder in den Film noch in die Musik vertrauen. Jim brauchte aufgrund der aufwendigen Special Effects viel länger als er ursprünglich versprochen hatte. Das machte die Leute des Studios fuchsteufelswild. Das Budget war viel größer als angedacht. Alle waren nervös. Denn niemand wusste, ob ein Film über ein Schiff überhaupt Geld einspielen würde. Aber Jim und ich wussten es. Wir sahen wie der Film Stück für Stück wuchs und wussten, wie gut er war. Ich meinte zu ihm: „Eigentlich bist du in der perfekten Position, denn jeder rechnet mit einem Flop, weil du den Film immer wieder verschoben hast, was auf Probleme schließen lässt. Aber wenn du damit rauskommt, wird jeder sehen, was du geschaffen hast!“ Und genau so war’s!

Wie hat der Song und der Soundtrack Ihr eigenes Leben verändert?
Überhaupt nicht! Ich versuche mich nicht von solchen Sachen beeinflussen zu lassen. Denn es passiert leicht, dass Leute in Hollywood abheben. Ich wusste erst gar nicht, dass der Song überhaupt erfolgreich war – weil ich in mein nächstes Filmprojekt abgetaucht war. Jim rief mich an und sagte: „Hast du schon gehört? Du bist überall die Nummer 1!“ Ich war komplett geschockt.

Was ist denn die bessere Powerballade der Neunziger: „I Will Always Love You“ oder Ihr „Titanic“-Hit?
Keine Ahnung. Kommerziell betrachtet, was mehr verkauft. Ich habe so viele persönliche Geschichten von Leuten gehört, die „My Heart Will Go On“ für Beerdigungen benutzt haben oder ihre Hochzeit. Wenn ein Lied, dass du schreibst, solch einen Effekt auf die Leben der Menschen hat, dann hat man als Komponist seinen Job gemacht.

Macht es Sie sauer, wenn das Musikmagazin „Rolling Stone“ behauptet, „My Heart Will Go On“ stünde auf Platz 7 der schlimmsten Filmsongs?
Nein. Es werden doch heute ständig und überall so viele negative Sachen gesagt. Das berührt mich nicht. Ich möchte diesen Leuten dann aber gerne sagen: „Schreiben Sie mal eine Song für Jim Cameron und platzieren Sie diesen in seinem Film. Dann können wir noch mal reden.“

Mit dem Soundtrack zu „Avatar“, dem erfolgreichten Film aller Zeiten, haben Sie sich quasi neu erfunden.
Die Musik ist in der Tat sehr anders. Aber sonst war der ganze Prozess ähnlich schrecklich für Jim. Er hatte wieder Ärger mit dem Studio, die an allem zweifelten – obwohl es dieselben Entscheidungsträger wie bei „Titanic“ waren. Bei der ersten Vorführung vor Publikum gab es stehende Ovationen – da begriffen sie es erst. Ich hatte durch den Film zwei Jahre kein Leben mehr. Der Film zog sich so lange hin. Und trotzdem werde ich auch die Musik zum nächsten Teil von „Avatar“ machen, die sich wiederum gänzlich unterscheiden wird vom ersten. Jim und ich tauschen schon Ideen dafür aus.

Was brauchen Sie, um komponieren zu können?
Der Film muss mir ein emotionales Gefühl geben. Dann stelle ich mir Fragen wie: Kann ich die darin enthaltene Liebesgeschichte mit Musik weiterbringen? Ansonsten brauche ich nicht viel: Ich trinke und rauche ja nicht.

Sie sollen beim Komponieren nicht mal einen Computer oder ein Klavier haben.
Ich mache alles direkt auf Notenpapier. Das ist ein bisschen wie Töpfern. Denn es ist Handarbeit, ich automatisiere den Prozess nicht. Wenn ich die Musik schreibe, dann muss ich orchestrieren, was ein vertikaler Prozess auf dem Notenblatt ist. Und alles geht dann zusammen wie ein Gemälde. Es ist so, als würde man mit einem Pinsel arbeiten.

Wie ist denn das mit der Konkurrenz der Filmmusikkomponisten in Hollywood?
Schrecklich! Ein Haifischbecken! Aber ich versuche, mich da emotional rauszuhalten. Ich weiß nie, was die anderen machen. Heutzutage gibt es so viele Komponisten, aber ich kenne davon kaum jemanden. Mal abgesehen von Randy Newman pflege ich keinen Kontakt zu den Kollegen. Ich lese nicht die einschlägigen Fachblätter. Ich isoliere mich ganz bewusst, so begebe ich mich nicht in einen Strudel, der mich eventuell runterzieht.

Wie wichtig ist es, dem Regisseur vertrauen zu können?
Sehr wichtig. Auch die Wellenlänge muss stimmen. Wenn du eine schwierige Beziehung hast, ist das unmöglich. Es ist wie eine Ehe. Und das ist ein Grund, warum ich mich manchmal gegen Filme entscheide, wenn ich weiß, mit dem Filmemacher wird es zu hart für mich. Manchmal sind es auch zu viele Produzenten und der Regisseur kann sich nicht genug durchsetzen – wie das beim zweiten Teil von „The Amazing Spiderman“ war, den ich deshalb ablehnte. Oder da fällen fünf Leute die Entscheidungen. So was funktioniert nie. Von solchen Situationen halte ich mich dann lieber fern, egal, was der Film verspricht.

Macht es Sie denn sauer, wenn jemand wie Hans Zimmer für Sie bei „The Amazing Spiderman 2“ einspringt?
Nein, ich hatte den Film ja vorher abgelehnt. Und Hans kenne ich übrigens sehr gut. Als ich „Der Name der Rose“ machte und in München war, arbeitete er noch bei einer Synthesizer-Firma – das war, bevor er Komponist wurde. Er versorgte mich mit Samples und Arrangements. Ich kenne Hans wirklich Ewigkeiten, bevor er den Sprung nach Hollywood machte. Aber auch ihn habe ich nur selten getroffen. Genauso wie John Williams. Ich lebe isoliert draußen auf dem Land, eine Stunde von Los Angeles entfernt. Ich bin nicht wirklich Teil der Industrie. Ich bin quasi ein Phantom. Das ist sehr viel gesünder. Sonst würde ich verrückt werden.

Aber wenn Sie sich schon von Roten Teppichen fernhalten, gehen Sie dann wenigstens inkognito ins Kino, um Reaktionen des Publikums hautnah mitzubekommen?
Das brauche ich nicht. Ich weiß, wenn ich selbst darauf reagiere, wenn ich zu Hause daran arbeite, dann ist es gut. Wenn das nicht passiert, arbeite ich so lange daran, bis das eintritt. Und dann muss der Regisseur noch drauf reagieren. Das ist der Moment, wo ich meinen Kopf freimache für die nächste Sache. Denn emotional kann es dich zerstören, wenn du dich zu sehr in einen Film oder die Musik reinhängst. Auch wenn du sie liebst.

Wie meinen Sie das?
Selbst wenn es unglaublich toll ist, passiert es immer, dass bei der Tonmischung des Films die Musik leiser gedreht wird, obendrauf noch Effekte und Dialoge gepackt werden. Es macht dann keinen Sinn für einen Komponisten, um seine Musik zu kämpfen. Noch schlimmer ist allerdings, wenn sie den Film nachträglich noch mal schneiden und sie dich die Musik nicht noch mal anpassen lassen. Also beschneiden sie die Musik. Glauben Sie mir, es ist wirklich einfacher, die Arbeit sofort hintersichzulassen, als sich das im Kino anzuschauen.

Interview: Katja Schwemmers