Montag, 06. Juli 2015, 21:48 Uhr

Jürgen von der Lippe spricht Klartext: Stefan Raabs Abgang ist ein Verlust

Jürgen von der Lippe (67), über Jahre eines der Aushängeschilder im System ARD, empfindet den Abgang von Entertainer Stefan Raab als schmerzlichen Verlust. “Für mich ist Stefan Raab der letzte große TV-Schaffende”, sagte die Hawaii-Hemden-TV-Legende der Deutschen Presse-Agentur.

Jürgen von der Lippe spricht Klartext: Stefan Raabs Abgang ist ein Verlust

“Ich habe keine Ahnung, warum er aufhört. Mit Günther Jauch ist es ja so ähnlich: Beide sind ja schon sehr lange im Geschäft – ich kann mir nur vorstellen, dass es beide leid sind, sich von Nicht-Frontschweinen anpinkeln zu lassen.” Von der Lippe kritisiert auch, dass zu viele neue TV-Formate im Teamwork zustande kommen. Das könne nicht gut gehen. Der Showmaster startet am 8. Juli auf Sat.1 mit der vierteiligen Reihe “Tiere wie wir”.

Was verbirgt sich hinter Ihrer neuen Sendung?
Es geht um Fragen rund ums Tier; voll die Vielfalt, wie ein Berliner Radiosender sagt. Es kommen unter anderem Tiere ins Studio, zu denen Fragen gestellt werden, dann sind Tiergeräusche zu erraten oder ob es sich bei einer Abbildung um ein real existierendes Tier oder um ein Photoshop-Produkt handelt. An meiner Seite im Studio sitzt mit Dr. Wolf ein renommierter Tierarzt, der die biologischen Hintergründe liefert. Wir bieten eine Mischung aus seriöser Information zum Thema Tier und ein bisschen «Genial daneben». In den Teams sitzen jeweils zwei Personen, die mitraten: Zu gewinnen gibt es da nichts. Es geht nur darum, einer Bestrafung zu entgehen.

Sie sind ja nun auch nicht gerade mehr ein Newcomer, um den man sich reißt…
Ich bekomme zurzeit sehr viele Angebote, ich sage das meiste ab, weil es mich nicht interessiert, aber bei Tieren wächst mein Interesse. Meine Frau hat eine Katze und einen Hund. Ich selber hatte früher einmal einen Kanarienvogel, aber als ich in das Künstlerleben eintrat, bot sich die Tierhaltung nicht mehr an, obgleich ich Tiere sehr mag.

Jürgen von der Lippe spricht Klartext: Stefan Raabs Abgang ist ein Verlust

Sie kehren ausgerechnet zu dem Sender zurück, bei dem Sie mit dem ‘Blind Dinner’ vor 14 Jahren einen satten Flop hinlegten.
‘Blind Dinner’ war meine einzige richtige Bauchlandung im TV – da konnte bloß der Sender Sat.1 nichts dafür, es war mein Fehler. Die Show ‘Ich liebe Deutschland’ hätte ich 2011 dagegen gerne weitergemacht. Wir hatten nur Pech mit den Terminen, weil wir oft gegen große Sportereignisse ansenden mussten. Die Reihe ‘Extreme Activity’ wurde in zu dichten Abständen ausgestrahlt, so dass die Zuschauer die Lust verloren.

Dem deutschen Unterhaltungsfernsehen geht es nicht gut, jetzt scheidet auch noch Spaßmacher Stefan Raab aus. Wird sich die Show jemals von diesem Schlag erholen?
Für mich ist Stefan Raab der letzte große TV-Schaffende. Ich habe keine Ahnung, warum er aufhört. Mit Günther Jauch ist es ja so ähnlich: Beide sind ja schon sehr lange im Geschäft – ich kann mir nur vorstellen, dass es beide leid sind, sich von Nicht-Frontschweinen anpinkeln zu lassen.

Damit meinen Sie wen?
Dem einzelnen wird nichts mehr zugetraut. Alles muss im Teamwork entstehen, zu viele Leute sitzen zusammen und beratschlagen über eine Sendung. Untersuchungen belegen, das dies ineffektiv ist. Auch ein Rembrandt hat seine Schüler nicht gefragt, welches Rot er für einen Mantel verwenden soll. Heute will kein Produzent oder kein Sender die Verantwortung für die noch so kleinste Fehlentscheidung auf sich nehmen. Die Autoren werden mit fünf, sechs Buchfassungen beauftragt und in den Wahnsinn getrieben. Ganz abgesehen von der Papierverschwendung.

Jürgen von der Lippe spricht Klartext: Stefan Raabs Abgang ist ein Verlust

Ihr Ruf nach kreativen Köpfen in die Gehörgänge deutscher Programmdirektoren!
Man sollte jemanden, dem man etwas zutraut, auch etwas machen lassen. Junge Leute kriegen heute völlig wahllos Sendungen angeboten, ohne Rücksicht darauf, ob es den Protagonisten weiterbringt. Ich sehe nirgendwo jemanden, der mit einem eigenen Konzept kommt.

Die Show stirbt dann so langsam vor sich hin? Vielleicht auch, weil die Menschen sich Ihre Unterhaltung mehr im Netz und nicht im linearen TV abholen?
Die TV-Show wird es auch künftig geben. Nicht jede Erfindung ist der Tod einer anderen. Früher haben viele befürchtet, dass der Buchdruck die mündliche Überlieferung verdrängt, dass das Kino das Ende des Theaters ist oder dass die CD die Vinyl-Schallplatte abschafft. Und heute existieren wieder viele Geschäfte mit Schallplatten in der Auslage.

Würden Sie es mit Ihrem Hit ‘Geld oder Liebe’ als junger Mensch heute nach oben bringen?
Ich würde es wohl gar nicht schaffen bis zum Unterhaltungschef. Damals habe ich beim WDR-Unterhaltungschef Hannes Hoff gesessen und gesagt, ich werde mit ‘Donnerlippchen’ aufhören. Dann antwortete er mir nur: “Lass Dir etwas Neues einfallen!” So ein Satz wäre heute gar nicht mehr denkbar, weil den Protagonisten nichts mehr zugetraut wird.

Interview: Carsten Rave, dpa. Fotos: ProSieben/SAT.1