Dienstag, 28. Juli 2015, 22:54 Uhr

"Slow West" mit Michael Fassbender: Kandidat für den Western des Jahres

Kaum ein Genre gilt so sehr als Klassiker des Kinos wie der Western. Und kaum eines war für viele Jahrzehnte so klar definiert. Das reichte vom Setting im amerikanischen Western des späten 19. Jahrhunderts und dem einsamen, wortkargen Protagonisten als Helden, der durch die noch kaum besiedelte und unwirtliche Natur streift.

"Slow West" mit Michael Fassbender: Kandidat für den  Western des Jahres

Und fristete sein Dassein bis hin zu typischen Handlungselementen wie Zug- und Banküberfällen, Saloon-Szenen mit schwingenden  Türen und einem bleihaltigen Showdown – über lange Zeit herrschte kein Zweifel daran, was ein Film brauchte, um als Western zu gelten.

Doch nicht einmal die coolsten Cowboys sind immun gegen Veränderungen, und so begann irgendwann der Neo-Western an Hollywoods Horizont aufzutauchen. Clint Eastwood etwa, der als Schauspieler mit dem Spaghetti-Western ein weiteres Sub-Genre geprägt hat, definiert sich mit ‘Unforgiven’ (‘Erbarmungslos’, 1992) als Filmemacher neu. Er bedient zwar altbekannte Strukturen und zitiert Western-Klischees, doch durchbricht er sie mit bitterer Ironie und entzaubert den Mythos, in dem er die brutale Realität des Wilden Westen und die Folgen der Gewalt aufzeigt.

Auch für Quentin Tarantino wird die Darstellung von Gewalt zum Markenzeichen, doch von Realismus kann bei seinen Filmen kaum die Rede sein. Trotzdem widmet auch er, der schon in ‘Kill Bill’ (2003 und 2004) oder ‘Inglourious Basterds’ (2009) Genre-Zitate einfließen lässt, sich mit ‘Django Unchained’ (2012) dem Neo-Western. Noch weiter geht Tarantino allerdings mit seinem nächsten Film: ‘The Hateful Eight’ (2015), der Ende des Jahres in die US-Kinos kommt, ist als waschechter Western angekündigt, dem der Regisseur ohne Frage erbarmungslos seinen ganz eigenen Twist verpassen wird.

Und nun also ‘Slow West’. Ein naiver schottische Adelsspross, der den Atlantik überquert, um im amerikanischen Westen seine große Liebe zu finden – und der mit der harten Realität aus Kriminalität, Gewalt und Tod konfrontiert wird.

"Slow West" mit Michael Fassbender: Kandidat für den  Western des Jahres

Kodi Smit-McPhee, bekannt aus ‘Planet der Affen: Revolution’, spielt den verzärtelten Jay, der völlig unvorbereitet auf Cowboys, Indianer und Vagabunden trifft. Ohne den geheimnisvollen Kopfgeldjäger Silas wäre er in dieser Wildnis verloren, wirklich beeindruckend gespielt von Michael Fassbender. ‘Slow West’ von Regisseur John Maclean vereint viele Elemente klassischer Western-Filme, verzichtet aber auf die romantischen Cowboy-Klischees. Sein Westen ist wild und gefährlich, und beraubt den ahnungslosen Neuankömmling jeder Illusion.

Wenngleich von berühmten Western etwa von Sergio Leone (‘Spiel mir das Lied vom Tod’) inspiriert, wollte Maclean dennoch in seinem 84-minütigen Kinodebüt einen Gegenentwurf dazu schaffen. Sein Vorbild: Robert Altmans Anti-Western ‘McCabe & Mrs. Miller’, mit dem sich Julie Christie 1972 eine Oscar-Nominierung erspielt hatte. Ähnlich wie Altman versucht auch Maclean, mit dem Mythos vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufzuräumen, der viele Menschen im 19. Jahrhundert aus Europa nach Amerika trieb. Er habe sich alle Mühe gegeben, “den Klischees des Genres weiträumig aus dem Weg zu gehen und stattdessen surreale und märchenhafte Elemente einfließen zu lassen. In meinen Augen ist am Ende deswegen eher ein europäisches Roadmovie dabei herausgekommen.“

"Slow West" mit Michael Fassbender: Kandidat für den  Western des Jahres

Produzent Iain Canning fand genau diese ungewohnte Sichtweise reizvoll: „Es macht Spaß, sich die besten Elemente aus der Art und Weise herauszupicken, wie Hollywood traditionell seine Western präsentiert hat, und dem Ganzen dann einen europäischen Dreh zu geben.“

“Den Leuten wurden Träume verkauft”, sagt der Regisseur. “Es hieß, geht dorthin, das ist das Land des Ruhms und des Überflusses.” Die Realität: Wer nicht schon auf der Schiffsüberfahrt krank wurde, kam erst in Quarantäne und zog schließlich einfach los, Richtung Westen. Ohne eine Ahnung, dass der Kampf ums Überleben dort erst richtig beginnen würde.

So auch Jay, der im Jahr 1870 mit nichts aufbricht, als mit seiner Liebe zu Rose, die zum Kummer seiner adligen Familie nicht standesgemäß ist. Statt mit wachen Sinnen auf Gefahren zu achten, verliert er sich in romantischen Träumereien, poetischen Ergüssen und Gutgläubigkeit. Ein linkischer, etwas altkluger Jüngling, der nicht mal weiß, wie man sich rasiert, und der im harten Alltag völlig fehl am Platz ist. Einer seiner Verfolger ist der skrupellose Payne (großartig: Ben Mendelsohn), der ihm mit seiner Bande dicht auf den Fersen ist. Doch Jay ist felsenfest überzeugt: “Leben ist mehr als Überleben.” Darauf Silas, sein Beschützer wider Willen: “Ja, es ist auch Sterben.”

"Slow West" mit Michael Fassbender: Kandidat für den  Western des Jahres

Gestorben wird in ‘Slow West’ zuhauf: Cowboys, Siedler und Indianer. Vor allem der Hinweis auf die Indianer war Maclean wichtig. “Es wäre unmöglich gewesen, einen Western zu drehen, ohne die Zerstörung der Ureinwohner Amerikas zu erwähnen”, erklärt der Regisseur. Das ist auch eines der ersten Schockerlebnisse für Jay, als er die Reste eines niedergebrannten Indianerdorfes vorfindet. Doch das ist noch gar nichts im Vergleich zu dem albtraumartigen Geschehen, mit dem er am Ende des Films konfrontiert wird.

Maclean, der eigentlich Musiker ist und Gründungsmitglied der schottischen Gruppe The Beta Band, hat mit ‘Slow West’ einen klug erzählten Western inszeniert. Auf wunderbare Art vereint das in Neuseeland gedrehte Kinodebüt Spannung, Poesie und schrägen Humor und beeindruckt nicht zuletzt durch die wunderschönen Bilder des irischen Kameramanns Robbie Ryan.

"Slow West" mit Michael Fassbender: Kandidat für den  Western des Jahres

Der Regisseur und Autor beschreibt seinen unkonventionellen Western als eine Geschichte, die „überwiegend von junger Liebe handelt“. Doch: „Vor allem ist dies ein Western aus schottischer Sicht, also aus der Perspektive eines Außenstehenden. Durch Jay, den jungen Protagonisten, sehen wir die Realität des Wilden Westens zu einer Zeit, in der Deutsche, Iren, Schotten und Schweden ihre Heimat hinter sich ließen und alle begannen, dieses neue Land namens Amerika zu besiedeln.“ (Cordula Dieckmann, dpa, KT)

Fotos: Prokino