Donnerstag, 13. August 2015, 19:52 Uhr

Got To Dance: Christian Oberfuchshuber, der Anheizer

Wenn in der neuen Staffel von ‘Got To Dance’ mit Palina Rojinski, US-Choreograph Marvin A. Smith und dem schwedischen Musicalstar und Tänzer Anton Zetterholm die Live-Battles starten, erlebt das Studiopublikum einen Mann, den das Fernsehpublikum nicht zu Gesicht bekommt.

Got To Dance: Christian Oberfuchshuber, der Anheizer

Christian Oberfuchshuber ist einer der gefragtesten Anheizer im deutschen Fernsehen. Sein Job beginnt vor der Show. Er gestaltet quasi das Vorprogramm zur Show und holt das Publikum aus der Reserve. klatsch-tratsch.de hat mit ihm gesprochen.
‘Germanys next Topmodel’, ‘The Voice of Germany’, ‘Verstehen Sie Spaß’, ‘Dieter Nuhrs Satire Gipfel’ und ‘Sky Champions League’ sind nur eine kleine Auswahl der Shows, für die er das Vorprogramm bestreitet.

Wozu braucht es Warm-Upper?
Der Zuschauer zu Hause soll und will eine perfekte Show sehen und das Publikum spielt dabei natürlich eine wichtige und große Rolle. Daher soll das Studiopublikum direkt von Anfang an bereits bestens gelaunt sein, um das Geschehen auf der Bühne zu bejubeln. Man kennt das ja, wenn man ins Theater oder ins Musical geht. Der Applaus zu Beginn ist immer sehr dürftig und peu a peu wird er dann mehr, je besser den Leuten das Stück gefällt. Und das ist beim Fernsehen anders. Wenn zu Beginn der Show nur drei Leute klatschen, denkt man sich Zuhause gleich: „Was ist das denn für ‘ne öde Vorstellung“. Darum gibt es ein Warm-up-Programm, das ca. 15-20 Minuten vor der Show beginnt und das Publikum schon einmal auf Betriebstemperatur bringt. Zur Aufgabe des Warm-uppers gehört es auch, Umbau- und Werbepausen zu überbrücken, damit es nicht langweilig wird, und natürlich auch auf die Sicherheitsregeln hinzuweisen.

Du warst ja mal Hotelfachmann. Wie bist du zu dem TV-Job gekommen?
Ich wollte schon immer zum Fernsehen und moderieren. Aber da ich aus einem kleinen Dorf in Bayern komme, war das etwas schwierig. Daher blieb mir nichts anderes übrig, als erstmal was anständiges zu lernen. Nach meiner Ausbildung bin ich dann nach Köln gezogen und habe mich dort bei Castings-Agenturen beworben. Und eines Tages kam dann der lang ersehnte Anruf: „Hier ist einer krank, kannst du einspringen?“ Ich hab dann jeden Tag fleissig geübt und mir Gags ausgedacht. Und der erste Job war gar kein leichter: Es war die Sitcom „Schöne Aussichten“ fürs ZDF mit Ralph Morgenstern. Die Aufzeichnung einer Sitcom ist für einen Warm-upper die höchste Disziplin. Es dauert sehr lange und man hat relativ viele Einsätze, die Zuschauer erleben den Warm-upper mehr als die Schauspieler auf der Bühne. Die Produzenten waren von meinem ersten Job so begeistert, dass sie mich direkt für die weiteren Folgen engagiert haben.

Du hast seit fast 17 Jahren für weit über 7000 Shows gearbeitet. Was waren die schrägsten Momente?
Also in 17 Jahren passiert natürlich eine ganze Menge verrückter Geschichten. Ein Moderator, der Angst hat auf die Bühne zu gehen, und ich dann fast eine Stunde überbrücken muss. Eine technische Panne von ca. 2,5 Stunden bei einer Aufzeichnung in Holland, in der man dann anfängt mit den Leuten Kölsche Karnevalslieder zu singen. Eine Aufzeichnung in London, in der das Publikum zu je einem Drittel aus Deutschen, Engländern und Indern bestand, mit denen man dann eine Polonäse über das Studiogelände machte. Eine Live-Gameshow in Berlin, in der ein Spiel daraus bestand, dass die Zuschauer alle ihre Schuhe in ein Behältnis auf die Bühne werfen sollten, sie die Schuhe aber erst am Ende der Show zurück bekamen und man als Warm-upper die Leute besänftigen musste. Ganz großartig war auch die Dame einer Reisegruppe aus dem Sauerland, die meinen Gag „wenn Sie auf die Toilette müssen, lassen sie es einfach laufen“ zu wörtlich nahm. Das kostete mich dann ein Fass Bier fürs Team.

Ging auch mal was richtig schief?
Oh ja, ich wurde mal arg von der Bühne gebuht. Es war die Teddy-Verleihung in Berlin. Müsste so 2003 gewesen sein. Aus diversen Gründen hat die ganze Veranstaltung eine gute Stunde später begonnen als geplant. Das internationale Publikum, das aber die ganze Zeit schon im Tempodrum saß, wurde deshalb schon leicht aggressiv. Ich, der irgendwann als erster die Bühne betrat, hat diese Aggressionen alle abbekommen. Mittlerweile lache ich darüber und bin froh, diese Erfahrung einmal gemacht zu haben. Seither weiß ich mich durchzusetzen und mache in diesen Situationen, was ich für richtig halte und nicht das, was die Verantwortlichen gerne hätten, damit so etwas nicht wieder passiert.

Gibt es Unterschiede bei den verschiedenen Publika?
Natürlich ist meine Ansprache und das Programm etwas anders bei einer ProSieben-Comedyshow als bei einer MDR- Schlagershow. Jedes Publikum ist anders und man muss sich individuell darauf einlassen. Wobei ich festgestellt habe, dass ein älteres Publikum teilweise viel lauter Stimmung macht als ein Teeniepublikum. Da ich jedes Genre und Publikumsalter bediene, wird es nie langweilig. Bei den ZDF-Weihnachtsshows singe ich genauso gerne mit den Leuten „Oh Tannenbaum“, wie ich ProSiebens ‘Got to Dance’ ein Dance-Battle unter den  Zuschauern mache.

Got To Dance: Christian Oberfuchshuber, der Anheizer

Du hast Dich mal einen „Publikumskindergärtner“ genannt. Warum?
Weil ich im Studio der Ansprechpartner fürs Publikum bin. Ich passe in dem Sinne auf sie auf, ich führe sie durch die Show, ich bin ihr Ansprechpartner wenn es irgendwo zwickt oder der Sitznachbar sein Deo vergessen hat. Die Leute kommen mit ihren Problemen zu mir und ich versuche diese im Rahmen meiner Möglichkeiten zu lösen, damit sie einen schönen Abend bei uns im Studio verbringen können.

Welches sind Deine Lieblingsshows und warum?
Grundsätzlich ist es so, dass ich bei jeder Show, bei der ich arbeite, gerne arbeite. Würde ich die Show oder den Moderator doof finden, könne ich meinen Job nicht gut machen. Sehr gerne denke ich jedoch an „Kaffeeklatsch” & “Blond am Freitag” zurück. Diese Shows haben wir damals jeden Freitag im Doppelpack aufgezeichnet und das gesamte Team war eine große Familie. Ebenso war es bei „Schillerstrasse“, wo ich von der ersten bis zu letzten Show dabei war. ‘The Voice of Germany’ macht auch immer großen Spaß. Auch hier sind die Kollegen vor- und hinter den Kulissen alle seit fast fünf Jahren dabei, sowas macht das Arbeiten immer sehr angenehm. Und mein absolutes Highlight war natürlich der diesjährige Eurovision Song Contest in Wien. Zumal es dort nicht einfach ein Warm-up war, sondern eine komplette Pre-Show mit eigenem Regisseur, eigenen Kameramännern und und und. Wir haben zusammen mit dem ORF eine bunte Show von 75 Minuten länge entwickelt, die es in dieser Form noch nie beim ESC gab und die es vor jeder Show als Einstimmung auf die Hauptshow gab, also insgesamt 12 mal. Das war eine richtig anstrengende Woche, hat aber auch maximalen Spaß gemacht. Und nicht zu vergessen: ‘Germanys next Topmodel’. Ein absolutes Highlight, dort jedes Jahr mit Heidi arbeiten zu dürfen.

Got To Dance: Christian Oberfuchshuber, der Anheizer

Du hältst manchmal mitten in der Show außerhalb der Fernsehbilder Schilder hoch und dann stehen ein paar Leute auf dem Publikum auf. Warum ist das so?
Wie ich schon erläutert habe, leite ich die Zuschauer durch die Show und bringe sie dazu, Dinge zu tun, die sie Zuhause vor dem Fernseher nicht tun, wie z.B. lautes Applaudieren, Standing Ovations etc., die für die Gesamtstimmung der Show elementar wichtig sind. Manchmal ist es eben so, dass trotz eines guten Warm-up’s die Leute zu Beginn immer noch einige Hemmungen haben, ihre Gefühle zu zeigen, auch wenn sie es gerne würden. Daher gebe ich, wenn nötig, immer kleine Impulse. Das kann u.a. auch durch Schilder erfolgen, auf denen Anweisungen stehen, wie z.B. „Ausrasten“ oder „Standing Ovations“. Ist das Eis dann einmal gebrochen, läuft es von alleine. In Amerika hängen z.B.  immer noch Applaus-Schilder unter der Decke, die dann leuchten, wenn das Publikum applaudieren soll. Das gehört dort zur Grundausstattung eines jeden Fernsehstudios.

Gab es schon mal Leute im Publikum, die nicht so wollten wie du? Und was machst man denn dann?
Ach, ich bin ein lieber Junge, insofern funktioniert das schon alles immer sehr gut. Gagschreiber kann ich mir nicht leisten. Alles, was ich auf der Bühne darbiete, hab ich mir zum Großteil selbst erarbeitet. Einige Gags sind natürlich uralte Klassiker, die Carrell schon gebracht hat. Ab und zu besuche ich auch meine Kollegen bei den Shows in Hollywood und gucke mal, was die dort so alles treiben und adaptiere gute Gags und Programme. Aber das A&O, was einen Warm-upper auszeichnet, ist Spontanität und Improvisationsvermögen. Man muss von Haus aus eine Rampensau und sich für nix zu Schade sein.

Got To Dance: Christian Oberfuchshuber, der Anheizer

Die Mechanik ist doch weitestgehend dieselbe für deine 15 Minuten vor jeder Show. Das ist doch leicht verdientes Geld bei fast 300 Shows im Jahr.
Natürlich gibt es ein gewisses Grundgerüst und eine Schrankwand voll mit Repertoire, und je nach Situation zieht man das notwendige Register. Trotzdem ist jedes Warm-up individuell und nie zu 100% gleich, denn jedes Publikum reagiert anders. Man muss auf alles gefasst sein. Man kann sich nicht drauf verlassen, dass das, was man sich für heute ausgedacht hat, auch so 1:1 durchgezogen werden kann. Es kommt immer anders als man denkt.

Du hast mal gesagt, dass du das nicht bis zur Rente machen willst. Welche Pläne gibt’s für die Zeit nach der Warm-Upper-Karriere? By the way: Jim Carrey hat ja auch den großen Sprung zum gefragten Schauspieler geschafft…
Ich kann mir jetzt gerade noch nicht vorstellen, mit 60 immer noch die jungen Moderatoren anzukündigen. Aber: sag niemals nie. Solange mir mein Job Spaß macht und die Zuschauer Spaß mit mir haben, werde ich ihn machen. Und wenn mich keiner mehr auf der Bühne sehen will, dann mache ich einfach eine Frühstückspension auf Hawaii auf. Aber noch bin ich jung und süchtig nach der Bühne.

Nicht mal Lust auf eine eigene Fernsehshow?
Ich habe ja bereits einiges im Fernsehen moderiert. Unter anderem meine eigene Late-Night-Show auf dem Berliner Sender FAB sowie diverse Quiz-Einspieler fürs SAT.1-Frühstücksfernsehen. Jedoch bin ich als Warm-upper in einer viel bequemeren Position als ein Moderator. Ich bin nicht abhängig von der Quote! Wenn eine Show abgesetzt wird, arbeite ich einfach bei der nächsten. Als TV-Gesicht ist das nicht so einfach. Insofern bin ich so, wie es gerade ist, sehr zufrieden.

Fotos: Roberto Velazco Davalos, ProSieben/Frank Hempel, ORF, NDR/Oberfuchshuber