Sonntag, 30. August 2015, 18:55 Uhr

"Ihr werdet gerichtet": Alles über den brutalsten "Tatort" aller Zeiten

Es ist eine Exekution auf offener Straße: In Luzern tötet ein Heckenschütze zwei albanische Autohändler. Reto Flückiger und Liz Ritschard stehen vor einem Rätsel – bis ein weiterer Mord nach demselben Muster geschieht.

"Ihr werdet gerichtet": Alles über den brutalsten "Tatort" aller Zeiten

Es gibt eine Gemeinsamkeit bei den Opfern: Sie haben alle Straftaten begangen, für die sie von der Justiz nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Schnell erkennen die Ermittler, dass sie es mit einem Rachefeldzug zu tun haben. Und der hat gerade erst begonnen.

Eine brutale Mordserie entpuppt sich im neuen SRF-“Tatort: Ihr werdet gerichtet” als blutige Selbstjustiz. Das Luzerner Ermittlungsteam muss einen Täter stoppen, der vom Rechtssystem so tief enttäuscht wurde, dass er darüber selbst zum Verbrecher geworden ist. klatsch-tratsch.de sprach darüber mit Regisseur Florian Froschmayer (zweites Foto von oben) u.a. über den Film, der am 6. September um 20.15 Uhr im Ersten läuft und die “Tatort”-Saison 2015/2016 eröffnet.

"Ihr werdet gerichtet": Alles über den brutalsten "Tatort" aller Zeiten

Herr Froschmayer, Ihr neuer Schweizer Tatort „Ihr werdet gerichtet“ wird als einer der brutalsten Tatorte seit langem angeku?ndigt. Was macht diesen Tatort so außergewöhnlich?
Krimi ist ja im Grunde immer „brutal“. Es wird meist ein Mensch umgebracht. Ich persönlich bin nicht so ein Freund von Krimi light. D.h. ich nehme die Geschichten und die Verbrechen lieber ernst und möchte dem Drama, den Abgründen und eben auch der Brutalität gerecht werden und nicht eine offensichtliche Leichtigkeit reinbringen. Ich finde, dass die Jugendschutz-Diskussion oft nicht richtig geführt wird. Es geht nicht immer nur darum, wieviel Gewalt ich tatsächlich darstelle, sondern wie ich mit Gewalt im Film umgehe. Ist es eine ehrliche und vielleicht abschreckende Darstellung oder ist es, wie halt im TV oft u?blich, eine verharmloste Darstellung. Letztere finde ich oft pervers. Die wahrhaftige Darstellung von Gewalt gehört aber vielleicht tatsächlich nicht ins Fernsehen – obwohl ja gerade die Nachrichten oder Boulevard-Magazine da auch sehr weit gehen. IHR WERDET GERICHTET möchte da ehrlich sein. Sowohl bei der Gewaltdarstellung als auch beim individuellen Drama der Menschen, die sich in unserer Geschichte bewegen. Und da mache ich keinen Unterschied im Umgang mit dem Täter oder beim Kommissar.

Sie sind als erfahrener Tatort-Spezialist bekannt und haben in der Vergangenheit Folgen wie „Edel sei der Mensch und gesund“ und „Borowski und eine Frage von reinem Geschmack“ inszeniert. Was hat Sie an dem Drehbuch von „Ihr werdet gerichtet“ besonders gereizt?
Mich reizen Abgründe. Oder anders gesagt, die Frage: Was muss einem Mensch passieren, damit er das tut, was er in einem Tatort tut? Eigentlich wollen wir doch alle geliebt werden. Die meisten Gewaltverbrechen haben doch genau dieses Urbedürfnis als Grundlage. Zu wenig Liebe, zu wenig Aufmerksamkeit, zu viel Druck. Bei EDEL SEI DER MENSCH UND GESUND erzählen wir eine Geschichte eines Arztes, der eigentlich helfen möchte und dann passiert ein Unfall. Aufgrund dieses Unfalls kann er nicht mehr helfen, was eine Mutter eines kranken Kindes so unter Druck setzt, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sieht, als eine Ärztin zu töten. Ich denke, diese Sehnsucht nach subjektiver Gerechtigkeit ist einfach spannend und IHR WERDET GERICHTET hat genau diese Frage zum Thema. Neben dem tollen Buch hat mich auch die Konstellation gereizt. Mit dem Produzent Lukas Hobi habe ich vor 20 Jahren meinen und seinen ersten Film gemacht, in dem Stefan Gubser mitgespielt hatte. Somit war es auch ein Stück Familie, die hinter dem Projekt stand.

"Ihr werdet gerichtet": Alles über den brutalsten "Tatort" aller Zeiten

Schauspieler Antoine Monot Jr. wird in Ihrem Tatort in einer Hauptrolle zu sehen sein. Viele kennen ihn als „Tech-Nick“ aus der Saturn-Werbung. War dieses „Branding“ für das Projekt hilfreich oder vielleicht sogar eher eine Herausforderung?
Weder noch. Jetzt in der Auswertung eher hilfreich, weil man Antoine kennt. Ich finde es unglaublich toll, wie er eine Werbefigur so prägt und gleichzeitig als Schauspieler absolut unbeschädigt ist. Ich glaube, dass es in Deutschland noch nie einen Schauspieler gab, der diesen Spagat in der Form geschafft hat.

Sie haben mit Antoine Monot Jr. (Foto unten) bereits zum zweiten Mal zusammen gedreht und sind privat auch schon lange miteinander befreundet. Inwieweit erleichtert das die Arbeit am Set?
Es ist immer schön, wenn man sich kennt. Antoine und ich kennen uns schon ewig, haben zuvor aber tatsächlich nur 2 Drehtage zusammen gehabt. Ich hatte ihn beim Lesen des Buches aber sofort im Kopf.

„Ihr werdet gerichtet“ ist die erste neue Folge nach der siebenwöchigen Tatort-Sommerpause und die Zuschauer können es kaum erwarten bis endlich wieder Tatort-Frischware zu sehen ist. Setzt Sie das auch ein wenig unter Druck?
Nein. Der Film ist ja gemacht. Wir haben alle unser Bestes gegeben und hoffen, eine Marke für die neue Staffel zu setzen. IHR WERDET GERICHTET ist ein ungewöhnlicher Tatort. Es ist in jedem Fall ein rasanter Start in die neue Saison.

"Ihr werdet gerichtet": Alles über den brutalsten "Tatort" aller Zeiten

Der September scheint Ihr Monat zu sein, denn am 25. September um 20.15 Uhr wird im Ersten außerdem auch die Komödie „Süßer September“ unter Ihrer Regie zu sehen sein. Worauf dürfen sich die Zuschauer da freuen?
Das ist was ganz anderes, eine romantische Komödie à la Harry & Sally. In den Hauptrollen sind Caroline Peters und Mišel Maticevic. Für mich war und ist es ein unfassbares Glück, zwei so unterschiedliche Filme hintereinander gemacht haben zu können. Dass sie nun auch so nahe beieinander ausgestrahlt werden, freut mich sehr.

Krimi oder Komödie – welches Genre ist für Sie als Regisseur in der Inszenierung anspruchsvoller?
Pauschal gesehen die Komödie. Weil Humor einfach auch etwas Subjektives ist. Ich finde aber, dass auch der Krimi nicht zu unterschätzen ist. Wobei wir wieder bei der ersten Frage wären, es geht oft um den Spagat zwischen Ehrlichkeit und Möglichkeit.

Sie sind ein echtes Multitalent, denn neben der Regie und Fotografie (www.froschmayer.tv) haben Sie kürzlich auch eine neue Software entwickelt. Wie kam es dazu und was kann SCRIPTtoMOVIE?
Das ist aus einem persönlichen Bedürfnis heraus entstanden. Ich liebe es, Filme zu machen. Ein Großteil meiner Vorbereitung findet am Rechner statt und beinhaltet den Austausch mit dem Team. Leider gibt es keine Software, die meinen Bedürfnissen als Regisseur in meiner individuellen Arbeit und in der Zusammenarbeit mit der Produktion und meinem Team entspricht. Da ich ungeduldig bin, wollte ich nicht warten, bis es sowas gibt und habe es halt selber gemacht.

"Ihr werdet gerichtet": Alles über den brutalsten "Tatort" aller Zeiten

Sie haben mit der Software bereits die ersten Filme gedreht. Waren Sie mit der Pilot-Phase zufrieden und wie war das Feedback von den Teammitgliedern darauf?
Ich bin sehr zufrieden. Es haben sich natürlich mit jedem Film Dinge verbessert und neue Bedürfnisse sind aufgetreten. Wenn man dann so eine Software hat, die einem extrem viel hilft, ist es trotzdem erstaunlich, wie schnell man vergessen hat, dass es die Software vor 5 Minuten noch gar nicht gab und wie man sich immer wieder neue Dinge wünscht. Wir haben viel verfeinert, ich denke, das Ganze ist auf einem sehr guten Weg. Für Teammitglieder ist es erstmal etwas Neues, was eine gewisse Offenheit voraussetzt. Ich denke aber, dass alle, die sich mal 30 Minuten damit beschäftigt haben danach auch das Potential erkannt haben. Natu?rlich ist auch von Seiten der Teammitglieder anderer Departements, die damit schon gearbeitet haben, viel Input eingeflossen.

Als gebürtiger Schweizer leben Sie nun schon seit vielen Jahren in Berlin. Wo sehen Sie Ihre Zukunft und welche Projekte stehen an? Könnten Sie sich vorstellen, auch wieder in die Schweiz zurückzukehren?
Ich besitze seit wenigen Wochen auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Ich bin hier seit 15 Jahren zu Hause und das wird auch noch ein paar Jahr(zehnte) so bleiben. Ich fühle mich sehr wohl und kann mir im Moment überhaupt nicht vorstellen, zurück in die Schweiz zu ziehen. Aber man soll nie „nie“ sagen. Das nächste Projekt ist der Start meiner Software SCRIPT TO MOVIE und für nächstes Jahr habe ich, sollte mit der Finanzierung alles klappen, die Dreharbeiten für einen Kinofilm geplant.

Am 2. September feiert Florian Froschmayer die Premiere seines Tatortes “Ihr werdet gerichtet” in Berlin. Dort werden neben ihm als Regisseur auch der Schauspieler Antoine Monot Jr. und die Schauspielerin Sarah Hostettler anwesend sein. Karten fu?r die Premiere können hier käuflich erworben werden: http://www.babylonberlin.de/tatort.htm

Fotos: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler, Patrick-D. Kaethner