Sonntag, 30. August 2015, 12:12 Uhr

Til Schweiger und die German Angst

Til Schweiger engagiert sich in der derzeitigen Flüchtlingsdebatte wie kaum ein anderer seiner Zunft. Die Persönlichkeitsexpertin Mira Mühlenhof erläutert in einem Interview mit dem niedersächsischen Privatsender ‘Radio 21’, warum der Schauspieler und Erfolgsproduzent nun von Rechtsextremen und Neo-Nazis torpediert wird.

Til Schweiger und die German Angst

Nach der Analyse des “Charakters des Filmemachers” in der Sendung “Menschen der Woche” geht die Sozialpsychologin davon aus, dass dieser als Persönlichkeit von der intrinsischen Motivation Kampf gesteuert werde: Er ist der mittlere von drei Brüdern, musste sich nach oben und nach unten behaupten. Er hasst zum Beispiel Casting-Situationen, weil er in ihnen einen Black-out befürchtet, einen Kontrollverlust über das eigene Handeln. Sein Tatort wird als “Rambo-Tatort” bezeichnet. Er lasse sich von niemandem etwas sagen geschweige denn vorschreiben. Schweiger sei eine Art “deutscher Rocky”: Ein mutiger Held, der mit Provokation, Kraft und Stärke Aufmerksamkeit gewinnt.

Die intrinsische Motivation Kampf sei – gemeinsam mit der Motivation Sicherheit – am häufigsten in Deutschland und somit auch bei seinen Facebook-Fans vertreten, so Mira Mühlenhof in der Radiosendung. Ursprung beider Persönlichkeitsausprägungen sei die Angst (“The German Angst”). So bekäme der Rummel um Schauspieler Til Schweiger plötzlich einen anderen Dreh.

“Die Menschen, die heute Flüchtlingsheime attackieren, sich mit Polizisten prügeln oder einfach nur mitschwimmen auf der Welle des Fremdenhasses, agieren angstgesteuert. Für sie war Til Schweiger als Kämpfer eine Identifikationsfigur, im positiven wie auch im negativen Sinne. Entweder haben sie ihn als Idol verehrt, weil er nicht lange fackelt, sondern handelt. Oder sie haben ihn abgelehnt, weil er für etwas steht, was sicherheitsgesteuerten Persönlichkeiten fehlt: Mut.”

Die Expertin weiter: “Wir lehnen oftmals die Eigenschaft bei anderen ab, die uns am meisten fehlt. Oder wir suchen sie gezielt bei anderen.” Beides träfe auf die Beziehung zwischen Til Schweiger und seinen Facebook-Fans zu. “Schließlich waren die Menschen, die heute auf Til Schweiger losgehen, vorher seine – zumindest virtuellen – Freunde.”

Nun hätten sie ihren nach Auffassung der Psychologin ihren Helden verloren. Ihr Idol, das auch kämpft, so wie sie selbst. Durch Til Schweigers Einsatz für Flüchtlinge hätten viele seiner Follower realisiert, dass der Kinostar auf der guten Seite der Macht stehe. Das muss sich für sie aber offenbar so anfühlen, als hätte er sie verraten. Schweiger kämpfe für das Gute. Das sei aber nicht das gleiche wie gegen das (vermeintlich) Böse zu kämpfen. Seitdem Schweigers Facebook-Fans mit fremdenfeindlicher Gesinnung dies realisierten, entlade sich ihr Zorn. Der Zorn darüber, in ihrer Angst nicht verstanden werden, richte sich nun auch gegen ihr einstiges Idol.