Dienstag, 08. September 2015, 22:53 Uhr

Ralph Siegels Autobiografie: Mr. Grand Prix rechnet ab - ohne böse Worte

Ralph Siegel erzählt auf 480 Seiten aus seinem Leben. Heute stellte er seine Autobiografie in München vor. Wer auf schmutzige Details und Lästereien hofft, der wird enttäuscht.

Ralph Siegels Autobiografie: Mr. Grand Prix rechnet ab - ohne böse Worte

Er war der “Mr. Grand Prix” – bis Stefan Raab kam. Ob Ralph Siegel bis heute damit hadert, dass Raab ihm diese Position streitig machte? In seiner Autobiografie, die er am Dienstag in München vorstellte, verliert er zumindest kein böses Wort über den Konkurrenten. Dabei schrieb der doch einst unter dem Pseudonym “Alf Igel” Guildo Horns Grand-Prix-Song “Guildo hat Euch lieb” und ließ auch sonst keine Gelegenheit aus, den Altmeister des Wettbewerbs, der heute Eurovision Song Contest heißt, zu provozieren.

“Irgendwann tauchte Stefan Raab auf, der damals schon bei VIVA und TV Total mehr als bewies, ‘Hans Dampf in allen Gassen’ zu sein”, schreibt Siegel auf Seite 357. Was folgt, ist eine knappe Zusammenfassung von Raabs Karriere – kleine Lobhudeleien inklusive. “Die Power, mit der er jeden Abend ‘TV Total’ moderierte, war unglaublich.”

Über Guildo, “Alf Igel”, die gezielte Provokation und die Medien, die damals begeistert auf die Geschichte aufsprangen, schreibt Siegel: “So wahnsinnig komisch fand ich in diesem Moment das gesamte Schauspiel ehrlich gesagt nicht.” Und: “Deutschland war in Stefans Hand, und so suchte ich neue Wege.” Dann beschreibt er, wie er für Malta in die ESC-Schlacht zog.

“Du hast in Deinem Buch, obwohl Du viel Grund gehabt hättest, mit niemandem eine harsche Abrechnung gemacht. Es gibt keine bösen Worte”, sagt Sabine Sauer, die die Buchpräsentation im Münchner Verlagshaus moderiert. “Das zeugt von Größe.”

Und so erzählt Siegel vor allem, was er erlebt hat in seinem langen Musikerleben. Von einem Grand Prix nach dem anderen erzählt er und auch von seinen drei Ehefrauen – Dunja, Dagmar, Kriemhild. Vor allem aber erzählt er die Geschichte eines Workaholics, der im Zweifel auch seine Gesundheit der Karriere opferte. Zwei Hörstürze habe er gehabt, 2007 erkrankte er an Prostatakrebs. “Leben oder sterben” heißt das Kapitel.

Siegel erzählt von den unzähligen Künstlern, die er förderte, von den mehr als 2000 Liedern, die er geschrieben und veröffentlicht hat, und beschreibt, dass der Erfolg mit Nicole und “Ein bisschen Frieden” beim Grand Prix von 1982 auf einer Kette unglaublicher Zufälle beruhte.

Auch abseits des ESC hat Siegel seine Themen gefunden. Und davon scheint er auch nicht abzuweichen, ganz egal, wie die Welt um ihn herum sich ändert. In Zeiten, in denen Netflix und andere Streaming-Portale die alte Fernsehwelt aus den Angeln heben, sagt er, dass das Privatfernsehen viel verändert habe.

In einem nahezu kollektiv “atemlosen” Land, über das längst eine neue Neue Deutsche Welle hinweggeschwappt ist, fordert er noch immer mehr deutsche Musik in deutschen Radiosendern. Helene Fischer, Andrea Berg, Andreas Gabalier, Andreas Bourani, Beatrice Egli, die Ärzte, die Toten Hosen, Fettes Brot, Sido, Bushido, Jan Delay, Udo Lindenberg, Deichkind – alles Einzelfälle, sagt Siegel. Von einem so kleinen Markt könnten deutsche Komponisten und Liedautoren nicht leben. Er selbst schon, betont er. Aber um den Nachwuchs mache er sich Sorgen.

Der Markt müsse viel größer sein. “Wir haben ein 80-Millionen-Land und eine Radiolandschaft mit 500 Sendern.” Und kaum einer davon spiele deutschsprachige Musik. Das sei vor allem für Komponisten und Autoren ein Problem. Hierzulande könnten Nachwuchs-Songschreiber nur selten von ihrer Arbeit leben, sagt Siegel. “Das gesamte Land muss in seiner Muttersprache präsent sein, und das sind wir nicht mehr.”

Die Autobiografie des “Mr. Grand Prix”, die jetzt auf den Markt gekommen ist, hat 480 Seiten – und dafür hat Siegel sogar noch ganz schön kürzen müssen, wie er sagt. “Ich habe 1000 Seiten geschrieben – und dann den Fehler gemacht, noch 300 Seiten zu diktieren mit Siri. Da können Sie sich ja vorstellen, was dabei herausgekommen ist.” Siegel feiert am 30. September seinen 70. Geburtstag. Zu seinem 75., so sagt er, könnte er vielleicht noch eine Biografie auf den Markt bringen. Er habe noch so viele Geschichten zu erzählen. (Britta Schultejans, dpa)

Foto: WENN.com