Samstag, 26. September 2015, 16:40 Uhr

Ein Hauch "Mad Men": Das ZDF dreht "Ku'damm 56"

Ob ‘Weissensee’ oder ‘Deutschland 83’: Über deutsches Fernsehen wird gerade viel geredet. Aktuell wird in Berlin ‘Ku’damm 56’ gedreht. Die Reise geht in die 50er Jahre. Hat da jemand ‘Mad Men’ gesagt?

Ein Hauch "Mad Men": Das ZDF dreht "Ku'damm 56"

Die Milchbar hat geöffnet. Vor der ‘Tanzschule Galant’ rollen die Borgwards und Käfer vorbei, an der Litfaßsäule wird für Filmstar Marika Rökk geworben. Das ZDF geht mit seinem neuen Dreiteiler auf Zeitreise in das Berlin der 50er Jahre, als Ohrfeigen noch Backpfeifen hießen und die deutschen Fräuleins noch knicksen mussten.

War es schwer, für den Dreh vor der Tanzschule eine Kulisse zu finden?”«Aber hallo”, sagt Regisseur Sven Bohse. Am Kurfürstendamm etwa gibt es heute zu viele Läden und Bäume. Also zog die Produktion ins tiefe Charlottenburg, wo bei den Dreharbeiten viele Statisten im 50er-Jahre-Look unterwegs sind. Das ZDF und Produzent Nico Hofmann (Ufa Fiction) waren zuvor zusammen besonders mit ‘Unsere Mütter, unsere Väter’ erfolgreich. Das Kriegsepos wurde laut Hofmann mittlerweile in mehr als 140 Länder verkauft. Diesmal geht es um die Frauengeneration und die Gesellschaft der Wirtschaftswunderzeit. Unsere Mütter oder unsere Großmütter also.

Claudia Michelsen (‘Der Turm’) spielt die strenge Tanzschulen-Besitzerin Caterina Schöllack, deren Mann seit 1944 verschollen ist. Sonja Gerhardt (‘Deutschland 83’), Maria Ehrich ‘(Smaragdgrün) und Emilia Schüle (‘Vaterfreuden’, ‘Boy 7’) sind im Film ihre drei Töchter. Die Mutter will, dass die Töchter sich der Norm anpassen. Nur Monika, die mittlere, sträubt sich und entdeckt die Welt des Rock’n’Roll. Für Michelsen ist der Blick auf die Zeit das Besondere. “Ich bin ja ein altes Ost-Mädel”, sagt die 46-Jährige. Sie sei mit emanzipierten Frauen großgeworden.

Ein Hauch "Mad Men": Das ZDF dreht "Ku'damm 56"

Da sind die sittenstrengen 50er Jahre ein echter Kontrast: “Die Herren fordern die Damen auf!”, heißt es im Trailer in der Tanzschule. Die jungen Schauspielerinnen übten für den Film mit Büchern auf dem Kopf das gerade Gehen und schwitzten beim Tanzunterricht. Das Drehbuch schrieb Annette Hess, die mit der DDR-Saga ‘Weissensee’ (ARD/Ziegler Film) für viele den Beweis lieferte, dass auch deutsche Serien richtig gut gezeichnete Figuren haben können. Sie ist begeistert, dass ihr selbst die verstörenden Stellen in ‘Ku’damm 56’ nicht gestrichen wurden.

Zur Recherche unterhielt sie sich viel mit ihrer Mutter. Die erzählte ihr etwa von einem Problemkind namens Monika, was eine der Filmfiguren inspirierte. Wie viele Serienfans ist Hess von der Ästhetik der New Yorker 60er-Jahre-Werber-Saga ‘Mad Men’ beeindruckt. Randnotiz: Auch die handelt von damaligen Rollenbildern. Nicht allein Kostüme und Ausstattung sind den Machern von «Ku’damm 56» wichtig. “Es geht um die Emanzipation, um die sexuelle Identität und auch um Weiblichkeit und Körperlichkeit in diesen speziellen 50er und 60er Jahren”, sagt Hofmann.

Wenn der Eindruck entsteht, Hofmann würde wahllos Zeit-Kolorit verfilmen, weist er das zurück. “Sie können so einen Stoff nur machen, wenn Sie den Kern einer Geschichte voll umfänglich begreifen. Die Zeitschiene alleine zu bedienen, funktioniert überhaupt nicht.”

Ufa Fiction hat mit der RTL-Serie ‘Deutschland 83’, die im November ausgestrahlt wird, gerade einen Lauf. Deren internationaler Erfolg ist für Hofman eine Genugtuung – wo hierzulande einige finden, die Deutschen könnten kein gutes Fernsehen, von ‘Weissensee’ abgesehen. Der Dreiteiler ‘Ku’damm 56’ soll im Frühjahr 2016 laufen. Gut möglich, dass aus dem Stoff noch eine Serie wird. (Caroline Bock, dpa)

Fotos: Jörg Carstensen, ZDF/ Stefan Erhard