Sonntag, 27. September 2015, 20:23 Uhr

Er ist wieder da: Alles über Adolf Hitlers Deutschland-Tour

Am 8. Oktober startet in den deutschen Kinos die Mockumentary ‘Er ist wieder da!‘ Gemeint ist der Führer. Knapp 70 Jahre nach seinem unrühmlichen Abgang erwacht Adolf Hitler im Berlin der Gegenwart. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva. Im tiefsten Frieden, unter Angela Merkel und vielen tausend Ausländern startet er, was man am wenigsten von ihm erwartet hätte: eine Karriere im Fernsehen.

Er ist wieder da: Alles über Adolf Hitlers Deutschland-Tour

Denn das Volk, dem er bei eine Reise durch das neue Deutschland begegnet, hält ihn für einen politisch nicht ganz korrekten Comedian und macht ihn zum gefeierten TV-Star. Und das, obwohl sich Adolf Hitler seit 1945 äußerlich und innerlich keinen Deut verändert hat.

Timur Vermes stellte 2012 in seinem Bestseller „Er ist wieder da” die provokante Frage: „Was wäre, wenn …?“ – und sorgte weltweit für Aufsehen. Nach 20 Wochen auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste, über 2 Millionen verkauften Exemplaren in Deutschland und Lizenzen in 41 Sprachen kommt die Erfolgssatire um den wiedererwachten Adolf Hitler im Verleih der Constantin Film auf die große Kinoleinwand.

Die größte Herausforderung war: Wie bringt man 400 Buchseiten, die in der Ich-Form geschrieben sind, mit einem Hitler-Darsteller und weiteren Schauspielern auf die Leinwand? „Uns war klar, dass wir die unglaubliche Prämisse dieses Stoffes – Hitler erwacht in der Gegenwart, wird für einen Komödianten gehalten und bedient sich der Macht der Medien, um seine Inhalte zu verbreiten – keinesfalls nur als Plattform für Comedy nutzen wollten“, sagt Produzent ars Dittrich. Executive Producer  Oliver Berben teilt diese Meinung: „Wir wollten einen Film drehen, der unserer Gesellschaft auf unterhaltsame Weise einen Spiegel vorhält.“

Die Darstellung der Figur Adolf Hitler war dabei von besonderer Bedeutung: „Wir haben Timur Vermes versprochen, den Geist des Romans und den Charakter der Hauptfigur auf den Film zu übertragen“, sagt Produzent Christoph Müller. Bereits auf der Buchmesse hatte Timur Vermes in Interviews deutlich gemacht, dass er im Roman den „echten“ Adolf Hitler zeigen wollte, der einerseits „größenwahnsinnig und gestört“ war, andererseits aber „charmant, höflich und flexibel“ sein konnte. „Natürlich ist es vielen Menschen lieber, wenn Hitler als Monster und Inkarnation des Bösen dargestellt wird, der alle hypnotisiert und in seinen Bann geschlagen hat“, sagt Timur Vermes. „So kann man ihm die alleinige Schuld zuschieben. Doch diese Dämonisierung verschweigt, dass sein politischer Aufstieg und der Holocaust nur möglich waren, weil er auch ein attraktives und ernstzunehmendes Massenphänomen war. Seine Wähler waren ja keine Idioten. Die fielen damals auf ihn herein, weil Hitler offensichtlich auch freundlich, klug und charmant wirken konnte – auch wenn wir uns heute mit dieser Ansicht ziemlich schwer tun.“

Die Produzenten gingen auf die Suche nach einem Regisseur, der zu einem frühen Zeitpunkt in die Drehbucharbeit eingebunden werden sollte. Oliver Berbens Wunschkandidat war David Wnendt: „In seinem Kinodebüt ‘Kriegerin’ beleuchtete er die Neonazi-Szene aus einem anderen Blickwinkel, und mit ‘Feuchtgebiete‘, dessen Romanvorlage ebenfalls als nicht verfilmbar galt, bewies er, dass er auch Humor hat und seine Filme mit einer ganz speziellen Visualität und Erzählform inszeniert.“ Christoph Müller ergänzt: „Wir haben eine Art Regie- Casting durchgeführt, weil wir wissen wollten: Welcher Regisseur hat welche Vision?“

Er ist wieder da: Alles über Adolf Hitlers Deutschland-Tour

Nach dem enormen Erfolg des von Christoph Maria Herbst gelesenen Hörbuchs gingen viele Fans davon aus, dass der Schauspieler bei einer etwaigen Verfilmung von „Er ist wieder da“ die Hauptrolle spielen würde. Doch angesichts der Idee, den falschen Adolf Hitler in die Öffentlichkeit
zu schicken, wäre Christoph Maria Herbst nicht die richtige Besetzung gewesen. „Die Menschen hätten ihn sofort hinter der Maske erkannt“, sagt Oliver Berben, „die Reaktionen wären also ganz anders ausgefallen als gewünscht. Natürlich weiß jeder, dass dieser Hitler nicht echt sein kann, aber wenn die Menschen den Hitler-Darsteller nicht identifizieren können, vergessen sie schnell, dass es sich nur um einen Schauspieler handelt.“

Das Casting des Hauptdarstellers glich der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen: „Es ist nicht einfach, einen Schauspieler in dieser Altersklasse zu finden, der großartig spielen kann, aber dem normalen Kino- und Fernsehpublikum völlig unbekannt ist“, sagt Christoph Müller. Die Produzenten sahen sich an den Bühnen um und wurden schließlich am Wiener Burgtheater fündig: Oliver Masucci erhielt eine Einladung zum Casting. „Ich war überrascht, als der Anruf kam“, sagt Masucci. „Ich ließ über meine Agentur ausrichten, dass ich mich nicht als Hitler sehe und dass ich mit 1,88 Meter viel zu groß für die Rolle bin. Doch sie wollten mich unbedingt sehen, also habe ich mir auf Youtube einige Reden von Hitler angesehen und seine Sprechweise einstudiert.“

Es folgte testweise Dreharbeiten mit zwei echten Psychologinnen, denen im Vorfeld erzählt wurde, dass sie einen Mann mit gestörter Persönlichkeit therapieren sollten. „Das waren zwei Sitzungen von je zweieinhalb Stunden“, sagt Oliver Masucci. „Die Situation war komplett absurd und anstrengend, aber ich fand Gefallen daran.“ Im nächsten Schritt mischte sich Masucci während der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer 2014 als Hitler unter die Menschenmassen auf der Berliner Fanmeile. „Wir hatten für alle Fälle drei Bodyguards dabei, die wirklich abschreckend wirkten“, sagt Christoph Müller. „Doch den größeren Schutz boten die Kameras, denn wer uns angegriffen hätte, wäre durch die Aufzeichnung identifizierbar gewesen.“ Die Sorge erwies sich als unnötig: „Viele Menschen haben dem falschen Hitler zugejubelt, sie wollten Selfies mit ihm machen, schimpften auf die Demokratie und wu?nschten sich, dass in Deutschland endlich wieder jemand durchgreift“, sagt Christoph Mu?ller und ergänzt: „Das war tagsüber, noch vor dem Fußballspiel, niemand war zu betrunken oder zu berauscht vom Erfolg der Nationalmannschaft. Wir waren so sehr verblüfft von diesen Reaktionen,
dass wir beschlossen: Dieses Prinzip ziehen wir jetzt für den Film durch.“

Gemeinsam mit Oliver Massucci in voller Hitler-Maske sowie mit Regisseur David Wnendt und Kameramann Hanno Lentz ging Fabian Busch in der Rolle des Filmemachers Fabian Sawatzki auf eine ausgedehnte Deutschland-Reise. „Wir haben den dokumentarischen Teil zuerst gedreht, damit wir die fiktionalen Szenen später darauf ausrichten konnten“, sagt Oliver Berben.

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Im Film präsentiert Fabian Sawatzki seinem Chef Christoph Sensenbrink, gespielt von Christoph Maria Herbst, einen Zusammenschnitt dieser Treffen Adolf Hitlers mit ganz normalen Menschen. „Wir haben nicht nur in großen Städten wie Berlin und München gedreht, sondern wir sind durch ganz Deutschland gefahren, hatten Termine bei Politikern, Hundezüchtern, Benimm-Coachs und Verschwörungstheoretikern, haben Leute auf der Straße angequatscht oder haben uns anquatschen lassen“, sagt Oliver Masucci und gesteht: „Anfangs hatte ich Angst vor den Situationen, in die David Wnendt mich gebracht hat. Ich musste eine wahnsinnig hohe Hemmschwelle u?berwinden, bevor ich einige dieser Dinge tun konnte.“

Über die Reaktionen des gemeinen Volkes war der Regisseur genauso überrascht wie sein Hauptdarsteller: „Viele Leute haben sich richtig gefreut, Hitler zu sehen“, sagt David Wnendt. „Das war so, als wenn sie einem Popstar begegnet wären. Und obwohl sie genau wussten, dass das nicht der echte Hitler sein kann, haben sie ihn angenommen und sich ihm gegenu?ber geöffnet.“ Nur die Teilnehmer einer NPD-Demonstration in Brandenburg an der Havel wirkten irritiert und überfordert, als Oliver Masucci als Hitler auf dem Balkon eines Hotels stand und ihnen mit ernster Miene ein Winken schenkte.

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Christoph Müller erinnert sich an einen besonders skurrilen Wortwechsel: „Einer von der NPD unterhielt sich mit Hitler und meinte: Mein Verständnis von Demokratie ist, dass einer ein Machtwort spricht und mal richtig auf den Putz haut. Darauf sagte ihm der Führer: Genau das ist auch mein Verständnis von Demokratie!’ Man merkt, dass in den Gedanken der Neonazis nicht viel Substanz steckt.“ David Wnendt wundert sich, wie frei viele Bürger ihre rechten Gedanken äußerten: „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass wir so viele Menschen finden, die offen gegen Ausländer sind und gegen die Demokratie wettern. Viele, die bei den Pegida-Demonstrationen mitgemacht haben, sind ja notorisch medienfeindlich. Aber gegenu?ber Hitler schu?tteten sie plötzlich ihr Herz aus und machten sich auch nichts daraus, dass die Kamera alles mitfilmte.“

Stolze 380 Stunden Filmmaterial brachte David Wnendt von dieser ungewöhnlichen Deutschland-Reise mit. Im Film ist davon nur ein kleiner Doku-Block zu sehen…

Er ist wieder da: Alles über Adolf Hitlers Deutschland-Tour

Oliver Berben sieht das Ziel erreicht: „Wie schon der Roman wird auch der Film ‘Er ist wieder da’ die Menschen unterhalten und zugleich dafür sorgen, dass ihnen immer mal wieder das Lachen im Hals stecken bleibt.“ Auch Produzent Christoph Müller wertet den Film als gelungene Gratwanderung: „Es gibt diesen schönen Spruch: Wenn man Hitler überwinden will, muss man sich trauen, über ihn zu lachen. Bislang kamen die witzigen, anarchischen und polarisierenden Satiren über Hitler nur aus dem Ausland. Aber unsere Generation ist nun soweit, Europa und der Welt zu zeigen, dass derartige Filme auch in Deutschland entstehen können.“

Die weltweite Aufmerksamkeit des Buches hat auch Christoph Maria Herbsts Phantasie beflügelt: „Ich fände es spannend, Oliver Masucci als Adolf Hitler auch mal über die deutschen Grenzen hinaus zu schicken: Was passiert, wenn er in Luxemburg, Belgien, Holland oder Italien auftaucht? Das schreit geradezu nach einer Fortsetzung … Er ist schon wieder da.“ Das schreit ja nach einer Fortsetzung…

Fotos: Constantin