Mittwoch, 28. Oktober 2015, 22:10 Uhr

Filmkritik "Macbeth": Atemberaubende Gewaltorgie mit Michael Fassbender

Es ist keineswegs der erste ‘Macbeth’ der Kinogeschichte. Und doch gelingt Justin Kurzel eine Version von atemberaubend zeitgemäßer Kraft. In den Hauptrollen fesseln die Stars Michael Fassbender und Marion Cotillard.

Filmkritik "Macbeth": Atemberaubende Gewaltorgie mit Michael Fassbender

Seit mehr als 400 Jahren meuchelt Macbeth auf den Theaterbühnen dieser Welt. Und auch im Kino hat der machtgierige Herrscher, der seine Gegner stetig skrupelloser beiseite schafft und so immer neuen Hass und Feindschaft provoziert, bereits seine breite Blutspur hinterlassen.

Die Adaptionen des gleichnamigen Shakespeare-Versdramas von 1606 durch die Leinwandgenies Orson Welles (1947), Akira Kurasawa (‘Das Schloss im Spinnwebwald’, 1957) und Roman Polanski (1971) gehören dabei zu den unvergessen spektakulärsten. Braucht die Welt also wirklich eine neue Verfilmung des im urwüchsigen Schottland des elften Jahrhunderts angesiedelten ‘Macbeth’-Stoffs?

Genau der richtige Film zur richtigen Zeit, mag man ausrufen. Immerhin kann einen die extrem bildstarke, rau-emotionale Interpretation des Australiers Justin Kurzel mit den charismatischen Stars Michael Fassbender (demnächst in ‘Steve Jobs’) und Marion Cotillard (Oscar-gekrönt für ‘La vie en rose’) als mörderischem Fürstenpaar packen. Kritiker würdigten das Werk bereits als textlich reduzierten, aber äußerst eindringlichen “Shakespeare für die ‘Game of Thrones’-Generation”.

Die aktuelle Verfilmung des Dramas von Justin Kurzel setzt auf sowas wie eine naturtreue Abbildung. Um das Königsdrama in aller Schrecklichkeit zu zeigen, wurde ausschließlich in Schottland gedreht und man wähnt sich als Zuschauer erst einmal eher in einer Naturdoku mit teils menschlichen Darstellern. Alle unschönen Wetterseiten Schottlands rollen und toben über die Leinwand: wenn es nicht Nebel ist, dass man die Hand nicht vor Augen sieht, dann gießt es aus Kübeln und ein knackiger heulender Dauerwind rundet die Szenen ab. Mittenmang Macbeth – mit Kriegsbemalung, dreckig und voller Montur mit Schwert. Es gibt in Schottland einen König, Ducan (David Thwelis). Der König ist auf seine Vasallen angewiesen, einer von ihnen ist Macbeth je stärker die Bindung der Vasallen an den König besteht, desto mächtiger kann der König seine Rechte durchsetzen und im Gegenzug der Vasall aufsteigen.

Filmkritik "Macbeth": Atemberaubende Gewaltorgie mit Michael Fassbender

In fahlen, fast farblosen Szenarien zeigt Kurzel zunächst drastisch-direkt, was der britische Dramatiker in seinem Stück nur in Worten schildern lässt: Was der Krieg mit Männern macht. Die Schlacht, aus der Macbeth und sein getreuer Banquo (Paddy Considine) eingangs dank ihrer Kühnheit siegreich hervorgehen, ist wegen der nahe am Bodenmatsch angebrachten Kameras in ihrer Brutalität wie in Zeitlupe zu erleben: In einsamer, unwirtlich-karger Hochlandnatur, eingehüllt in Kälte und Nebel, gehen brüllende Soldaten, oft mit Kindergesichtern, kaum geschützt auf einander los und stechen einander ab.

Nach der gewonnenen Schlacht im Namen des Königs und beginnt die Geschichte vom Aufstieg und Fall von Herrn und Frau Macbeth. Oft werden sie entweder als Duo Infernale dargestellt oder Lady Macbeth ist das personifizierte Böse, die ihren Mann manipuliert. In Justin Kurzels Verfilmung trifft das alles nicht zu. Als der König zur Siegesfeier das Dorf beehrt – was man so Dorf nennen kann, denn mehr als drei Katen und eine Kirche aus Holz im Dreck sind es nicht – ergreift das Paar die Chance ihres Lebens zum Aufstieg. Macbeth ist gestärkt durch die Prophezeiungen der drei Hexen, die für absolut bare Münze genommen werden. Das Paar hat gerade erst ein Kind beerdigt, Lady Macbeth ist jung, sie ist ambitioniert, ein Mord scheint hinnehmbar.

Filmkritik "Macbeth": Atemberaubende Gewaltorgie mit Michael Fassbender

Der König muss sterben, dann steht einem vollkommenen Leben in einer zivilisierteren Gegend, der Königsburg, nichts mehr im Wege. Es kommt natürlich ganz anders: ein Mord führt zum nächsten und mit jeden weiteren Mord dreht Macbeth langsam aber sicher durch. Michael Fassbender macht das hervorragend: er trägt nicht dick auf, wenn er in einen irren Dialog mit Toten tritt, der Spuk wird absolut real fotogafiert. Bei einem Festbankett steht mitten am Tisch ein Gefolgsmann Banquo, den Macbeth zur Festigung seiner Macht umbringen liess. Man stelle sich vor: die “Hütte” sowas von voll, es wurde aufgetischt, was die gehobene Küche des Mittelalters zu bieten hatte.

Das alles, um den König zu preisen, inklusive großem Fressen plus Gelage teilzunehmen und dann Pustekuchen! Es ist so still im steinernen Festsaal, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können: ein wimmernder König, der glaubt, einen Toten mit vorwurfsvollem Blick zwischen den in Reih und Glied an der ellenlangen Festafel zu stehen. Vorwurfsvoll, düster-traurig begleitet Baquos Blick den König und anstelle einer Feier, auf der man es krachen lässt, entlässt die Königin, Lady Macbeth den gesamten Hofstaat und zwar ohne Rücksicht auf den Abgang nach Rängen.

Filmkritik "Macbeth": Atemberaubende Gewaltorgie mit Michael Fassbender

Das hat Power, da ist nichts mehr zu spüren, von den Plänen, die das Paar einst geschmiedet hat: mit beiden geht es bergab. Dabei wollten sie den Weg in die Glückseligkeit finden, die Macht auf dem Thron sollte durch Kinder gesichert werden, aber das wird nichts. Das Gewissen meldet sich und treibt beide vor sich her. Cotillard als Lady Macbeth keine femme fatale, ihre Darstellung ist lebensnah und glaubwürdig; ihr Tod ist herzergreifend. Zu spät bemerkt Macbeth, dass er sich auf dm Holzweg befindet und was sich hinter den Prophezeiungen der drei Hexen tatsächlich verbirgt. Kurzel findet die richtigen Bilder für das Ende und die schottische Musik klingt schaurig schön dazu.

Fazit: Im “Macbeth” mit Michael Fassbenders und Marion Cotillard passt wirklich alles zusammen. Die Schauspieler sind – trotz Shakespeares Versen – so klug und lebensnah an der packenden Story, die im Kern eben zeitlos modern ist. Tolle Bilder von den Originalschauplätzen, schlichte Musik, ansprechende Kostüme, super Maske und die Frisuren: top!. Nicht nur was für Bildungsbürger! Marion Cotillard kennt seit ihrem Oscar-Gewinn jeder, wer Michael Fassbender immer noch nicht kennen sollte, der muss das jetzt aber wirklich nachholen. (Ulrike Cordes, dpa, Kathrin Wessel/klatsch-tratsch.de)

Fotos: Studiocanal